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10 Meter sind ihr nicht genug

«Ein bisschen Schiss» hilft in ihrem Sport

Die 19-jährige Klippenspringerin Yara Schnyder aus Wermatswil bewegt sich seit knapp zwei Jahren in der High-Diving-Szene. Ein exklusiver Kreis.

Aus 20 Metern stürzt sich Yara Schnyder in die Tiefe.

Foto: Marco Schnyder

«Ein bisschen Schiss» hilft in ihrem Sport

10 Meter sind ihr nicht genug

Die 19-jährige Klippenspringerin Yara Schnyder aus Wermatswil bewegt sich seit knapp zwei Jahren in der High-Diving-Szene. Ein exklusiver Kreis.

Wer kennt es nicht aus Badi-Besuchen in der Jugendzeit: Vom Einmeterbrett ins Wasser springen? Geschenkt. Drei Meter? Da brauchte es schon etwas Überwindung. Wer es aus fünf Metern wagte, zählte schon zu den Mutigen. Und wer den Sprungturm komplett erklomm und aus zehn Metern sprang, dem waren bewundernde Blicke gewiss.

Für Yara Schnyder aus Wermatswil hingegen sind zehn Meter nicht genug. Sie stürzt sich aus 20 Metern in die Tiefe – und gehört damit zu einem ziemlich exklusiven Kreis. Klippenspringen nennt man die Sportart auf deutsch, wobei diese Bezeichnung nicht ganz korrekt ist, sondern schon viel zu spezifisch. Die englische Bezeichnung «High Diving» ist eigentlich passender. Denn Schnyder springt nicht nur von Klippen, sondern auch von Brücken – und natürlich von eigens für diesen Zweck gebauten Plattformen auf Metallgerüsten.

Yara Schnyder
Yara Schnyder ist eine von nur zwei Schweizerinnen, die High Diving betreiben.

Schnyder ist eine von nur zwei Frauen im Schweizer Nationalkader. Und bei ihrem Weltcup-Debüt in Fort Lauderdale, Florida, war sie vor zwei Wochen eine von 16 Starterinnen. Es ist eine überschaubare Szene, gerade bei den Frauen. Und eine junge Disziplin. Weltmeisterschaften gibt es erst seit 2013.

Keine zwei Jahre ist es her seit Schnyders erstem Sprung aus 20 Metern.

Vorher war sie «normale» Turmspringerin. Als Zehnjährige hatte sie mit dem Sport begonnen, zweimal pro Woche im Hallenbad Oerlikon trainiert – und keine leistungssportlichen Ambitionen verfolgt. Teamkollegen weckten dann bei ihr den Reiz, aus grösseren Höhen zu springen. «Und so begann ich irgendwann aus zehn Metern zu üben, mit den Füssen voran einzutauchen.» Denn das ist im High Diving essenziell. Bei Höhen über zehn Metern darf man nicht mehr kopfvoran aufs Wasser treffen, zu gross sind die Kräfte, die auf den Körper wirken. Mit rund 70 Kilometern pro Stunde tauchen die Athletinnen ins Wasser ein.

Barani-Manöver nennt man die Figur, die man dafür beherrschen muss – ein Vorwärtssalto kombiniert mit einer halben Schraube. Das Timing ist dabei essenziell. Und die Körperspannung beim Eintauchen ins Wasser. Wenn da nicht alles passt, tut es schnell weh. Das weiss Schnyder aus eigener Erfahrung. Bei ihrem Weltcup-Debüt zog sie sich eine Adduktorenzerrung zu, «das ist bei uns eine Standardverletzung», sagt sie. Beim ersten von vier Wettkampfsprüngen passierte es. «Es riss mir die Beine auseinander», sagt Schnyder, «ich konnte danach kaum mehr laufen.» Zwei weitere Sprünge zeigte sie, den vierten aber wagte sie nicht mehr. Es wäre ihr derzeit schwierigster gewesen, ein Dreifachsalto vorwärts mit halber Schraube in gehechteter Position. 3,4 beträgt der Schwierigkeitsgrad dieses Sprungs.

Mit diesem Wert werden die Noten der Juroren multipliziert. Die besten Frauen kommen derzeit auf Schwierigkeitsgrade von rund 5. Maike Halbisch aus Deutschland, mit der Schnyder gut befreundet ist, zeigte in Fort Lauderdale etwa einen dreienhalbfachen Salto rückwärts aus dem Handstand in gehockter Position (damit kommt man auf den Faktor 5) und einen vierfachen rückwärts (4,9). «Von solchen Sachen bin ich relativ weit weg, weil ich nicht gerne Rückwärtsrotationen habe», sagt Schnyder. «Für mich ist eher das Ziel, vorwärts vierfach zu machen.»

Ein wenig Schiss kann helfen

Zufrieden mit ihrem Weltcup-Debüt war sie dennoch. «Klar wäre es schön gewesen, vier Sprünge gut machen zu können. Aber es ging mehr darum, Erfahrungen zu sammeln. Darum bin ich auch so zufrieden.» Ihr schwierigster Sprung gelang ihr später im Training wieder gut, «das ist für mich okay so», sagt sie deshalb. Einfacher ist die Ausgangslage im Training, weil der Coach da mit einem Ruf signalisieren darf, wann die Springerin «aufmachen» muss, um sicher und sauber eintauchen zu können. Im Wettkampf hingegen ist das nicht erlaubt.

Das erschwert die Situation für Schnyder momentan zusätzlich. Denn sie ist in einer Phase, in der sie zu viel darüber nachdenkt, was passieren kann. «Anfangs hatte ich kaum Angst», sagt sie. «Man minimiert die Risiken ja, indem man sich auf den unteren Plattformen gut vorbereitet, fast denselben Sprung immer wieder trainiert und am Ende von ganz oben den letzten Teil noch anhängt.» Doch die eintrainierten Automatismen führen nicht zwingend zu einem Sicherheitsgefühl. «Ein bisschen Schiss zu haben, hilft der Anspannung», sagt sie, «wenn man zu viel Angst hat, wird der Absprung aber schlecht – und der ganze Sprung nicht gut.» Auch daran will Schnyder arbeiten – neben dem Training der Sprünge an sich.

Letzteres findet notabene an verschiedenen Orten und mit verschiedenen Trainern statt. Permanente Plattformen auf 20 Metern gibt es in der Schweiz nicht. Manchmal werden solche Türme für einzelne Events gebaut, wie etwa für die Schweizer Meisterschaften in Thun, die Mitte Juni Schnyders nächstes Ziel sind. Ansonsten sind ihre Trainingsdestinationen aber beispielsweise eine Anlage in Österreich im Ötztal, eine in Madrid – oder im Winter eben Florida. Und weil es im Schweizer Verband zwar Nationaltrainer für Wasserspringen gibt, aber keinen spezifischen High-Diving-Coach, arbeitet Schnyder je nach Destination mit einem andern lokalen Trainer zusammen.

Eine exklusive Serie lockt

Fast noch wichtiger für Schnyder sind hingegen Kontakte zu anderen Athletinnen. Wie beispielsweise die 33-jährige Amerikanerin Kaylea Arnett, die für sie nicht nur eine Freundin, sondern auch wie ein Coach ist. Die WM-Vierte von 2024 stand schon auf dem Weltcup-Podest, verfügt mit ihren 33 Jahren über viel Erfahrung – und hat einen fixen Startplatz in der Red Bull Cliff Diving World Series. Schnyder hofft, sich ebenfalls für diese Serie empfehlen zu können, zumindest für eine Wildcard an einem einzelnen Event. Trainingssprünge in diesem Umfeld durfte Schnyder schon einmal im letzten Herbst in Mostar absolvieren.

High Diving, Yara Schnyder
Trainieren durfte Yara Schnyder schon im Rahmen der Red Bull Cliff Diving World Series – hier in Mostar.

Dieser Kreis ist noch etwas exklusiver. Nur acht Fixstarterinnen gibt es, dazu werden jeweils vier weitere Springerinnen eingeladen. An diesen Veranstaltungen gibt es Preisgeld zu gewinnen – vor allem aber sind die Kosten der Athletinnen gedeckt. «Unser Sport ist von der Ausrüstung her ja zum Glück nicht teuer», sagt Schnyder. «Aber die Reisen und die Übernachtungen in den vorgeschriebenen Hotels, das geht ins Geld.» Schnyders Karriere ist noch jung, sie hat kaum Sponsoren, wird primär von ihren Eltern unterstützt und kellnert, um auch selber einen Anteil zu leisten.

Bald aber ist ihr Zwischenjahr vorbei, das sie nach der im letzten Sommer absolvierten Matur eingelegt hat. Ab dem Herbst dürfte ihr Fokus nicht mehr nur auf dem Sport liegen, sondern auf der Pilotenausbildung, die sie anstrebt. Falls das nicht klappt, kann sie sich auch vorstellen, Medizin zu studieren. Und ihren Sport nebenher einfach so gut es geht noch zu betreiben. «Mal sehen, ob ich etwas runterschrauben muss», sagt sie. «Aber ich habe ja noch Zeit.» Und zwar ziemlich viel Zeit. Die Starterfelder sind zwar klein, aber altersmässig gut durchmischt. Mit 19 war Schnyder am Weltcup die Jüngste. Die älteste Starterin war mit 41 mehr als doppelt so alt wie die Wermatswilerin.

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