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Starker Sauber-Brasilianer

So bringt er die Fachwelt ins Staunen und den Teamkollegen ins Grübeln

Sauber-Pilot Gabriel Bortoleto bewegt sich in der WM noch unter dem Radar. Doch Teamchef Jonathan Wheatley hat nur anerkennende Worte für den Neuling.

Gabriel Bortoleto hat Grosses vor – und trainiert auf spezielle Weise dafür.

Foto: Sauber Motorsport

So bringt er die Fachwelt ins Staunen und den Teamkollegen ins Grübeln

Sauber-Pilot Gabriel Bortoleto bewegt sich in der WM noch unter dem Radar. Doch Teamchef Jonathan Wheatley hat nur anerkennende Worte für den Neuling.

Das Lob kam aus sehr berufenem Mund. Denn schliesslich weiss Jonathan Wheatley, wie die Besten ticken. Mit Michael Schumacher, Fernando Alonso, Sebastian Vettel und Max Verstappen hat der Sauber-Teamchef in seiner Karriere schon zusammengearbeitet. Und nun sagte er unlängst über Gabriel Bortoleto: «He’s the real deal.» Wortwörtlich übersetzt hiesse das: «Er ist das echte Geschäft.» Sinngemäss heisst es: «Er hat alles, was es braucht.»

Es sind Worte, die Wheatley durchaus bewusst platziert haben dürfte. Schliesslich soll Bortoleto dereinst um Siege und Titel fahren, wenn aus Sauber das Audi-Werksteam geworden ist. Und der Brasilianer sagt selber: «Ich will ein Champion werden, dafür arbeite ich jeden Tag.»

Und doch bewegt er sich gewissermassen noch unter dem Radar. Als bester Neuling wird er die Saison nicht abschliessen, wenn man die nackten Resultate zum Mass nimmt. Das wird Mercedes-Pilot Kimi Antonelli sein, vielleicht auch Isack Hadjar, der drauf und dran ist, Yuki Tsunoda das zweite Red-Bull-Cockpit neben Max Verstappen abzujagen. Auf den Namen Bortoleto hingegen stösst man in der WM-Wertung erst ziemlich weit hinten. 18. und Viertletzter ist er da.

Eine Vertrauenssache

Doch das ist nur eine Momentaufnahme. Eine andere Statistik spricht eine andere Sprache. Im Qualifying-Duell mit Teamkollege Nico Hülkenberg führt Bortoleto nämlich. In elf von 17 Qualifyings war der 20-jährige Brasilianer schneller als der 38-jährige Deutsche. In den letzten sieben Rennen war das sogar jedes Mal der Fall.

Das zeigt: Bortoleto fühlt sich wohl im Auto, kann das Limit ausreizen. Bei Hülkenberg hingegen schleichen sich immer wieder Patzer ein. Der Deutsche bezeichnet das als «eine Frage des Gefühls und des Vertrauens». Letzteres ist bei Bortoleto offensichtlich grösser.

Ausgeglichener ist das Rennduell – da steht es 9:8 zugunsten von Hülkenberg. Aber auch da: In den letzten sieben Rennen war der Brasilianer fünfmal besser klassiert. Sein Highlight: Der 6. Rang in Budapest vor zwei Monaten.

Formel-1-Autos auf der Strecke
Gabriel Bortoleto klassierte sich zuletzt oft vor Nico Hülkenberg – wie hier in Baku.

Es war aber nicht dieses Resultat alleine, das Wheatley zur Aussage mit dem «real deal» verleitete. Sondern Bortoletos Entwicklung seit dem Saisonstart. «Gabriel hat ein unglaubliches Arbeitsethos, er ist wissensdurstig und will in jedem einzelnen Bereich noch mehr Leistung aus dem Auto holen», sagte Wheatley. Und: «Er ist in der Fabrik, er ist im Simulator, er fragt, wo er mehr Performance finden kann.»

Wobei «im Simulator» bei Bortoleto durchaus doppeldeutig ist. Seine Simulatortätigkeit beschränkt sich nicht auf die Stunden zu Vor- und Nachbereitung der Rennen auf der Anlage des Teams in Hinwil. Er sitzt im Simulator so oft er kann – zu Hause in Monaco. Und manchmal tut er das, wenn er eben erst von einem Rennen zurückgekehrt ist. Nach dem GP von Zandvoort war das beispielsweise der Fall, wie er kürzlich in einem Podcast erzählte. «Der Simulator ist entscheidend. Ich liebe es, nach einem Rennsonntag zu Hause in den Simulator zu sitzen.»

Mehr als ein Spiel

Und auf die ungläubige Nachfrage des Moderators, ob er wirklich an einem Rennsonntag abends noch den heimischen Simulator anwirft: «Ja! Das ist keine Arbeit. Gleich nach dem Rennen sind die Erinnerungen noch frisch. Dann kann ich den Simulator so einstellen, dass er realistischer wird. Und ich bin nie genug gefahren.»

Eine Renndistanz sind je nach Streckenlänge zwischen 50 und 70 Runden. Im Simulator spult Bortoleto schon einmal 150 bis 200 Runden pro Tag ab – und das nicht mit exklusiver Software, sondern auf einer Plattform, die sich jeder Motorsport-Enthusiast kaufen kann.

Es ist im Grunde genommen ein Computerspiel, das mit Erweiterungen für Trainingszwecke taugt. «Es ist natürlich nicht hundertprozentig genau, aber es kommt der Realität ziemlich nahe», sagt Bortoleto.

Natürlich ist Bortoleto nicht der einzige Pilot, der diese Art von Simulator nutzt – gerade bei der jungen Fahrergeneration ist er als Trainingsgerät verbreitet. Mit Max Verstappen verbindet ihn eine spezielle Freundschaft diesbezüglich. «Er war wohl der erste, der das seriös machte», sagt Bortoleto.

Max Verstappen, Gabriel Bortoleto
Die beiden verbindet eine Freundschaft: Weltmeister Max Verstappen half Bortoleto schon oft mit Tipps und Tricks.

Verstappen hat ein eigenes Simracing-Team, mit dem Bortoleto manchmal online trainiert. Der Brasilianer schwärmt davon, wie ihm Verstappen auf dem Weg in die Formel 1 geholfen hat mit Tipps und Tricks – auch im Simulator. Er ist ein Vorbild für ihn, genau wie Ayrton Senna. «Senna war seiner Generation zehn Jahre vor aus. Er war ein Gamechanger», sagt Bortoleto.

Mit Verstappen verhält es sich punkto Simracing ähnlich. «Piloten wie Senna oder Schumacher hatten diese Möglichkeit nicht – das macht sie nicht besser oder schlechter. Vielleicht sind in zehn Jahren alles Nerds hier, die den ganzen Tag daheim spielen, weil sie damit aufgewachsen sind.»

Nicht zu diesen Nerds gehört übrigens Bortoletos Teamkollege Nico Hülkenberg. Von ihm gibt es das Zitat: «Ich habe es einmal ausprobiert, wurde aber nicht warm damit.» Wobei er natürlich vor allem von seiner Erfahrung zehren kann. Der GP von Singapur diesen Sonntag ist sein 245. Formel-1-Rennen. Für Bortoleto ist es der 18. Start in der Königsklasse.

18 Jahre beträgt der Altersunterschied zwischen den beiden, die sich sehr gut verstehen. Teamchef Wheatley bezeichnete das Verhältnis zwischen seinen Piloten schon als «echte Freundschaft». Und für Bortoleto ist Hülkenberg auch ein Vorbild: «Er ist wahnsinnig schnell und er pusht mich sehr. Ich wäre nicht da wo ich bin, wenn er das nicht tun würde.»

Im Bewusstsein, den Teamkollegen regelmässig zu schlagen, sagt sich so etwas natürlich auch leichter.


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