Wenn OL-Profis durch Usters Alltag «fräsen»
Mit dem Sprint ist am Freitag der Weltcup-Final in Uster lanciert worden. Die Bahnlegerin wählt einen interessanten Startpunkt für den Wettkampf – und überrascht damit auch den Lokalmatador.
Die Aussicht auf Uster, sie ist toll vom Känzeli aus, das nur ein paar Gehminuten vom Spital entfernt liegt. «Es war eine Supermöglichkeit, hier den Start zu machen», sagt Bahnlegerin Rachel Marxer über ihre Wahl. Die OL-Athletinnen und -Athleten haben selbstredend keinen Blick für die Aussicht, sondern nur Augen für die Karte, die man ihnen erst kurz vor dem Start ausgehändigt hat. 19 Kontrollpunkte müssen die Frauen absolvieren, deren 21 die Männer, wovon erst die letzten drei Posten südlich des Bahnhofs liegen.
Die erste Herausforderung der Startenden: möglichst schnell die Treppe runterzukommen. Danach haben sie mehrfach die Wahl, verschiedene Routen zu laufen. Wobei die längeren Routen auch mal schneller sein können, wenn sie weniger brüske Wendungen beinhalten.
Und so bietet sich in Uster am Freitagnachmittag bald einmal das ungewohnte Bild, dass im geschäftigen Ustermer Alltag während Stunden Athletinnen und Athleten herumrennen. Es ist etwas, das den einen oder anderen Passanten oder Autofahrer überrascht haben dürfte.
Um 13.36 Uhr eröffnet der US-Amerikaner Collin Thomson den Weltcup-Sprint und damit den ersten von drei Wettkämpfen am Weltcup-Final in Uster. Weiter unten im Zielgelände auf dem Pünt-Areal ist nichts davon zu spüren, dass die Männer- und Frauenwettkämpfe laufen. Der VIP-Bereich ist gähnend leer, und noch sind zahlreiche Plätze an den Absperrgittern der Zielgerade zu vergeben.
Der Schweizer Nationaltrainer Remo Ruch hat Zeit, Autogramme an Schulkinder zu verteilen. Ob sie wohl wirklich wissen, wer da auf den hingestreckten Schreibblöcken unterschreibt? Zwei Polizisten stehen etwas gelangweilt da, der Speaker jagt in Deutsch und Englisch eine Information nach der anderen durch die Lautsprecher. Beim Nashorn-Kreisel zeigt derweil eine Fussgängerin Richtung Unterführung und sagt zur Begleiterin: «Da kommen sie bald zu rennen.»
Kurz darauf kommt tatsächlich der erste Athlet die Unterführung hochgerannt, in der blaue Plastikelemente am Boden die Welt in verschiedene Geschwindigkeitszonen unterteilen: langsame Fussgänger und sprintende OL-Profis.
Er erwartet Fallen
Lokalmatador Riccardo Rancan muss sich gedulden, bis er loslegen darf. Der mittlerweile in Bern lebende 29-Jährige darf die etwas mehr als vier Kilometer lange Strecke erst um 15.43 Uhr in Angriff nehmen. Als siebtletzter von 117 startenden Männern.
Zu diesem Zeitpunkt ist im Zielgelände deutlich mehr los als zwei Stunden früher. Mittlerweile können die weltbesten OL-Spezialisten die letzten Meter vor einer feinen Kulisse absolvieren. Die besten Plätze am Absperrgitter sind besetzt, teils in mehreren Reihen stehen die Zuschauerinnen und Zuschauer hintereinander.
Dazu zählen auch zahlreiche OL-Athletinnen und -Athleten, die ihren Lauf beendet haben und nun aufmerksam verfolgen, wie sich die Konkurrenz «metzget». Viele Zaungäste schauen gebannt auf die Grossleinwand, auf der genau zu sehen ist, wer welchen Weg wählt.
Die Schweizer Equipe sorgt für gute Laune. Bei den Frauen sichert sich Simona Aebersold mit dem Sieg vor Teamkollegin Natalja Gemperle auch den Gesamtweltcup, bei den Männern führt lange Matthias Kyburz, der in Uster seine OL-Karriere abschliesst. Der letztlich Zweitklassierte sitzt auch dann noch auf dem Stuhl des Führenden, als Rancan Richtung Ziel stürmt.



«Machen wir Stimmung», fordert der Speaker das Publikum auf, als der Ustermer aufs Areal einbiegt, worauf der Lärmpegel deutlich nach oben schnellt. Ein paar Sekunden nachdem er seine Arbeit nach 15 Minuten und 43 Sekunden beendet hat, kauert sich Rancan nieder – und studiert intensiv die Karte.
Vorzuwerfen hat er sich indes nichts. Im Gegenteil: Rancan ist zufrieden mit seiner Leistung. Auf Rang 14 beendet er das Rennen, womit er sich zugleich für den Knock-out-Sprint vom Sonntag qualifiziert. «Ich habe es genossen, durch Uster zu fräsen», sagt er mit einem Lachen im Gesicht. In Fallen ist er zwar nicht geraten. Bahnbauerin Rachel Marxer aber hat Rancan trotzdem überrascht. Womit? «Mit dem Start auf dem Känzeli.»
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