Der eine hört auf den Kopf, der andere aufs Bauchgefühl
Alessio Pozzorini hat für den EHC Dübendorf schon fast 200 Spiele absolviert. Nun ist auch sein Zwillingsbruder Samuele zu den Glattalern gestossen.
Es gibt Zwillinge, die kaum auseinanderzuhalten sind. Bei den Pozzorinis ist es nicht so. Und wer den 28-jährigen Tessinern begegnet, erkennt auch rasch, wer von den beiden wohl der Verteidiger ist und wer der Stürmer. Samuele – fünf Minuten älter als Alessio – ist grösser und athletischer. «Ich war schon immer der Grössere von uns beiden. Deshalb hiess es wohl auch: Du spielst hinten», sagt er lachend, als die beiden Brüder im Restaurant bei der Dübendorfer Eishalle bei einem Espresso über sich und ihre Karrieren sprechen.
Hier im Chreis beginnt für das Duo ein neues Kapitel. Nach acht Jahren, in denen sie im Eishockey getrennte Wege gegangen waren, spielen Alessio und Samuele Pozzorini wieder zusammen. Alessio Pozzorini gehört im EHCD fast schon zum Inventar, seit der Saison 2019/2020 ist er hier, 189 Spiele und 108 Skorerpunkte haben sich unterdessen angesammelt. Nun ist Samuele hinzugestossen – vom EHC Chur aus der Swiss League. Den Aufwand in der zweithöchsten Liga wollte er nicht mehr auf sich nehmen, auch, weil er unterdessen in Winterthur Aviatik studiert. Er habe auch mit dem Gedanken gespielt, einen Schlussstrich unter seine Hockeykarriere zu ziehen. «Aber dann reifte die Idee, noch einmal mit Alessio zusammenzuspielen. Und nun machen wir das.»
Vom Lago Maggiore bis fast in die NLA
Zusammengespielt, das hatten sie bis 2017 immer. Respektive: fast immer. Alessio Pozzorinis Eishockeykarriere begann nämlich ein Jahr vor jener seines Zwillingsbruders. In Brissago am Lago Maggiore wuchsen die beiden auf – einem Ort, den man wohl eher mit Wassersport und Wandern und weniger mit Eishockey assoziiert. «Unser Onkel spielte Eishockey, unser Grossvater war Betreuer, und am TV lief oft Eishockey», sagt Alessio Pozzorini.
Beim HC Ascona begann die Karriere der Zwillinge. Später spielten sie im Nachwuchs von Bellinzona, Ambri und schliesslich auch Lugano – wo Samuele notabene auch zu seiner einzigen NLA-Partie kam. «Einer der grössten Erfolge meiner Karriere», sagt er grinsend. Im Januar 2016 war es, bei einem Spiel in Genf – und Samuele Pozzorini erhielt keine einzige Sekunde Eiszeit. «Aber hey, ich war immerhin mal dabei.»
2016/2017 spielten die Pozzorini-Zwillinge ihre erste Saison im Erwachsenenhockey bei der EVZ Academy in der NLB – danach trennten sich ihre Wege erstmals. «Wir wussten, dass dieser Moment irgendwann kommen würde», sagt Alessio. Beide zog es zuerst in die MHL (die damals MSL hiess), Samuele Pozzorinis Weg führte ihn aber rasch zurück in die Swiss League. 278 Spiele in der zweithöchsten Liga hat er auf dem Buckel, die meisten davon mit dem EHC Winterthur. Sportlich ist er also der Erfolgreichere der beiden – was laut ihm aber nichts mit Talent zu tun hat. «Alessio hat viel mehr Talent als ich. Ich habe mich einfach durchgebissen», sagt er. «Er ist ein Künstler mit der Scheibe. Und ich bin der, der seine Physis einsetzt.»
Vielleicht aber hängen die verschiedenen Wege der Brüder auch mit einem charakterlichen Unterschied zusammen: Samuele Pozzorini vertraut auf sein Bauchgefühl, Alessio Pozzorini ist kopflastiger und denkt lieber einmal mehr nach. «Nicht nur im Eishockey», sagt Alessio. Aber natürlich auch dort. Von EHCD-Trainer Reto Stirnimann habe er «sicher schon tausendmal» gehört, er solle aufs Tor ziehen und schiessen. «Aber ich ziehe meine Kurven und suche den Pass. Das Denken habe ich einfach in mir.» Möglichkeiten in der Swiss League hätte es auch für ihn gegeben, sagt Alessio Pozzorini. Doch er traf die rationale Entscheidung, auf den Beruf zu setzen statt auf eine Swiss-League-Karriere. «Mir war bald klar: Wenn ich arbeiten gehe, verdiene ich mehr.» Derzeit absolviert er das Bachelorstudium in Betriebsökonomie.
Angewöhnungszeit brauchen sie keine
Unterdessen sind sie also quasi wieder vereint – nach sieben Saisons, in denen sie sich zwar nicht mehr täglich sahen, sich aber täglich zumindest Nachrichten schickten. «Sobald wir die Zeit dafür fanden, sahen wir uns auch. Das war uns sehr wichtig, und es half uns», sagen die beiden Brüder. Die Zeit in verschiedenen Teams empfanden sie anfänglich als gewöhnungsbedürftig, unterdessen sehen sie es als Bereicherung. «Es war gut, dass jeder seinen Weg finden musste», sagt Alessio Pozzorini. Und Samuele ergänzt: «Wir haben unsere Erfahrungen gemacht, im Positiven und im Negativen. Und wir sind zufrieden damit.»
Zumindest wohnungstechnisch ist etwas Distanz noch da – rund 400 Meter nämlich. Alessio Pozzorini wohnt in einer WG mit EHCD-Stürmer Jari Allevi, Samuele Pozzorini teilt sich die Wohnung mit EHCD-Torhüter Yann Tauss. Und auf dem Eis brauchten sie in Dübendorf kaum Angewöhnungszeit. «Wir wissen, wie sich der andere bewegt», sagt Alessio Pozzorini. «Ich weiss, wie er seine Bullys spielt und wie er läuft – ich kann ihm den Pass blind spielen», ergänzt sein Bruder. Und angesprochen auf die grössten Stärken und Schwächen des anderen, zählen beide erst ganz viele Stärken auf – und sagen unter anderem auch: «Er macht viele Details richtig, die nicht alle sehen.»
Und die Schwächen? Samuele über Alessio: «Er sollte manchmal weniger uneigennützig sein und öfter in den Abschluss gehen.» Alessio über Samuele: «Er lässt sich zu leicht provozieren.» Samuele Pozzorini lacht herzhaft und nickt. Und auf den Einwand, warum man das an seiner Strafenstatistik nicht ablesen könne, sagt er nur: «Muesch ebe wüsse, wie.»
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