Ein Leben für den Tölt – und der letzte grosse Traum
Podestplatz für Topreiter
Oliver Egli aus Effretikon zählt zur Weltelite im Islandpferdesport – und hat dies an der Heim-WM einmal mehr bewiesen.
Wie viele Schweizer-Meister-Titel und EM-Goldmedaillen er schon gewonnen hat? «Weit über 30», antwortet Islandpferdereiter Oliver Egli aus Effretikon und schmunzelt – genau weiss er es nicht. Wobei auf europäischer Ebene zwischen den mitteleuropäischen und den nordischen Meisterschaften unterschieden wird.
Eigentlich fehlt ihm nur noch ein Erfolg in seinem Palmarès. «Weltmeister bin ich noch nie geworden. Das wäre die Krönung.» An der Heim-WM im aargauischen Birmenstorf gab es nun die nächste Gelegenheit – und viel fehlte tatsächlich nicht.
Egli qualifizierte sich mit seinem Hengst Hákon frá Báreksstöðum in der T2-Kategorie – der Töltprüfung – souverän für den A-Final und wurde schliesslich Dritter. Noch besser bewertet wurde einzig die Konkurrenz aus Island, die gleich einen Doppelsieg feiern konnte. «Sie sind eine Macht», sagt Egli.
Die isländische Dominanz kommt nicht von ungefähr – und wird schon im Namen aufgeschlüsselt. Die Islandpferde stammen vom nordischen Inselstaat und haben eine lange Geschichte. Weit über 1000 Jahre ist es her, als die ersten Pferde dort angesiedelt wurden.
Eine Eigenheit ist auch, dass die Pferde nach einem Turnier im Ausland nicht mehr nach Island zurückkehren dürfen – zum Schutz der Pferde und der Zucht.
Viele der Pferde, die Island bei der diesjährigen Weltmeisterschaft vertraten, wechselten bereits vorab den Besitzer – oder standen kurz davor.
Tölt und Pass machen sie einzigartig
Vom Äusseren fallen die Islandpferde nicht nur durch ihre kleinere Grösse von etwa 1,40 Metern im Vergleich zu den anderen Pferden auf. Sondern auch aufgrund der beiden zusätzlichen Gangarten – neben den bekannten Schritt, Trab und Galopp. Der erwähnte Tölt, ein Viertakt ohne Schwebephase, wird in verschiedenen Tempi geritten. Pass hingegen ist eine sehr schnelle Gangart, bei der sich die Beine auf einer Seite gleichzeitig bewegen. An den Wettbewerben mit Islandpferden geht es also darum, verschiedene Gangarten und Aufgaben zu zeigen.
«Islandpferde haben einen sehr starken Charakter und würden auch in der Wildnis überleben», sagt Egli. Er selbst fand mit zehn Jahren zu den Pferden, als ihn eine Knieverletzung vom Fussballspielen abhielt – auf einen Tipp seiner Mutter hin. «Ich bin dann gleich bei den Isländern hängen geblieben», erinnert sich Egli. Und die ersten Erfolge folgten bereits im Juniorenalter.
Wegzug aus der Region
Seit langer Zeit prägen somit die Islandpferde den privaten Alltag von Egli. Mit seiner Partnerin Caroline lebte er zunächst auf einem Hof in Bauma. Die letzten Jahre war Effretikon ihr Zuhause. Doch gerade in diesen Tagen plant Egli den Umzug ins thurgauische Horben. «Die Reithalle und das schöne Wohnhaus haben den Ausschlag gegeben», sagt der 47-Jährige.
16 Pferde haben die Eglis derzeit im Stall. Ein Angestellter sorgt unter der Woche dafür, dass es den Isländern an nichts fehlt. In der restlichen Zeit werden sie vor allem von Studentinnen unterstützt. Ohne diesen Rückhalt wäre dieses zeitintensive Hobby gar nicht möglich. Denn Egli und seine Frau, eine Tierärztin, haben beide anspruchsvolle Vollzeitjobs. Er ist Geschäftsinhaber eines auf Gartenbau sowie Wasserprojekte spezialisierten Familienunternehmens mit 140 Angestellten und Sitz in Uster.
Ein striktes Zeitmanagement ist für ihn also unabdingbar. Gerade weil er, im Gegensatz zu vielen seiner internationalen Konkurrenten, kein Profi ist. Kurz nach 18 Uhr trainiert Egli mit seiner Frau jeweils mehrere Pferde täglich. Längere Ausritte sind vor allem am Wochenende vorgesehen.
Wettkämpfe bestreitet er derzeit einzig mit Hákon frá Báreksstöðum und Bárður frá Melabergi. An der WM konnte Egli allerdings aus reglementarischen Gründen nur auf ein Pferd setzen. «Das war kein einfacher Entscheid. Doch er ist voll aufgegangen», sagt er.
Die WM-Premiere vor 30 Jahren in Fehraltorf
Die erste Weltmeisterschaft für Islandpferde auf Schweizer Boden fand übrigens 1995 in Fehraltorf statt. Egli war damals erst 17 – und feierte zugleich seine Premiere im Kreis der Profis.
Drei Jahrzehnte später ist er nicht nur zum x-ten Mal mit dabei, sondern trägt als Verantwortlicher für den Bau der WM-Prüfungsbahnen organisatorische Verantwortung.
«Das mache ich natürlich sehr gerne. Reitsport ist schliesslich meine Leidenschaft», sagt er. Etwas Besonderes ist ein solcher Auftrag trotzdem für ihn nicht. «Ich bin durch die Reiterei gut vernetzt. Und baue so eigentlich jedes Jahr eine Anlage für Freunde und Bekannte.»
Seine gute Vernetzung in der Szene hilft ihm auch immer wieder, um in Island über Pferdehändler und Profireiter an Toptalente zu kommen. Ein Beispiel dafür ist sein jetziges WM-Pferd. «Meine Frau meinte schon nach dem ersten Ritt: ‹Das wird ein neuer Superstar.› Da haben wir beide gelacht», sagt Egli.
Bis dahin ist es aber meist ein langer Weg. Und wie bei einem menschlichen Sportler sind mehrere Faktoren bei der Entwicklung entscheidend. «Charakter, Psyche und Gesundheit – alles muss stimmen», betont Egli.
Das Zeug, den fehlenden WM-Titel noch zu holen, haben beide seiner derzeitigen Paradepferde. Davon ist Egli überzeugt. Nur schon aufgrund ihres Alters von 12 und 15 Jahren. Islandpferde sind nämlich im Vergleich zu anderen Pferden eher spät reif – und erreichen im Schnitt ein höheres Alter.
Und so lebt Eglis Traum von der möglichen WM-Goldmedaille weiter. Er ist überzeugt: «An einem guten Tag ist alles möglich.» Auch gegen die Profis aus Island.
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