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Abtretender SCU-Präsident im Interview

«Ein anderer wäre vielleicht total überlastet gewesen»

Eine Ära ist zu Ende: Philippe Walter gab das Präsidentenamt des SC Uster nach über 40 Jahren ab. Er sagt, wie er den Klub an die Spitze brachte – und was sein wichtigster Entscheid war.

Philippe Walter im Hallenbad Uster, das er als «eine der grössten Erfolgsgeschichten» seiner Zeit als SCU-Präsident bezeichnet.

Foto: Simon Grässle

«Ein anderer wäre vielleicht total überlastet gewesen»

Eine Ära ist zu Ende: Philippe Walter gab das Präsidentenamt des Schwimmclubs Uster nach über 40 Jahren ab. Er sagt, wie er den Club an die Spitze brachte – und was sein wichtigster Entscheid war.

Nach 42 Jahren sind Sie nicht mehr Präsident des Schwimmclubs Uster. Wie fühlt sich das an?

Nicht anders als vorher. Im Gegenteil – mein Nachfolger Karel Novy macht das hervorragend. Er ist mit Jahrgang 1980 ja auch einige Jährchen jünger als ich. Ich bin kürzlich 77 geworden.

Herzliche Gratulation nachträglich – auch zur Tatsache, dass Sie einen Nachfolger gefunden haben. Das dürfte nicht ganz einfach gewesen sein nach über 40 Jahren.

Ja, dieser Prozess hat vor etwa fünf Jahren angefangen, als ich mir sagte: Nun müssen wir einen Nachfolger finden. Das Problem war da aber: Präsident zu sein, war zu diesem Zeitpunkt mein kleinster Job. Ich war quasi der Manager des Clubs. Da fiel je nach Saison Arbeit für ein 30- bis 40-Prozent-Pensum an. Als ich noch Vollzeit berufstätig war, war das sehr streng, ab der Pensionierung wurde es besser. Aber das war mein Nachteil. So war es sehr schwierig, einen Nachfolger zu finden. Ich wusste also: Ich muss meinen Ballast loswerden, ich muss die Struktur umbauen.

So viel Vereinsarbeit neben einem Vollzeitjob – wie konnten Sie das stemmen?

Dafür waren die Wochenenden da. Samstag und Sonntag machte ich die Administration, kümmerte mich um Trainerverträge, um die Finanzen, um das Management im Allgemeinen. Dank der grossen Unterstützung meiner Frau konnte ich das so organisieren. In den letzten Jahren haben das dann peu à peu andere Leute übernommen. Und vor einigen Jahren haben wir mit dem Projekt «Geschäftsführer» begonnen. Eine Person zu finden, ist das eine, aber so eine Stelle muss ja auch finanziert werden. Unterdessen haben wir mit Andri Sturzenegger einen Vollzeit-Geschäftsführer.

Ihre Aufgaben sind also verteilt, der Präsident ist «nur» noch Präsident. Doch wieso hatten Sie sich überhaupt so viel aufgeladen?

Ich habe halt alles gemacht, was angefallen ist, während sich der Klub immer weiterentwickelt hat. Unterdessen sind es rund 500 aktive Mitglieder, die bei uns schwimmen. Als ich als 17-jähriger Schwimmer erstmals zum Verein kam, hatten wir nur eine Handvoll Mitglieder. Der Club war nicht sehr wettkampforientiert, Uster war ein Dorf, hatte kein Hallenbad, man trainierte im See, es ging nicht um Leistungssport. Ich war dann einige Jahre im Ausland für das Studium und den Beruf und kam 1973 zurück, als das erste Hallenbad stand. Da waren es vielleicht 50 Mitglieder. Ich wurde ziemlich bald Trainer, schnell auch technischer Leiter und 1983 dann auch noch Präsident. Wir hatten damals kein Sekretariat, ich war effektiv plus/minus eine One-Man-Show mit Support vom Vorstand. Auch als wir in den Neunziger Jahren unseren ersten Cheftrainer Gerard Moerland anstellten, der bis im letzten Jahr im Amt war, blieb im administrativen Bereich vieles bei mir. Ein anderer wäre vielleicht total überlastet gewesen.

Und bei Ihnen gings gut?

Wir haben es geschafft. Meine Frau und meine Familie haben mir den Rücken freigehalten. Ohne sie hätte ich das nicht machen können.

Sagte Ihre Frau nie, dass es langsam Zeit wäre, aufzuhören?

Doch, logisch. Aber ich antwortete jeweils: Nein, nein, es ist schon gut so. Sie hat mir natürlich aber auch gesagt, dass ich einzelne Aufgaben abgeben soll – was ich ja auch getan habe.

Für die einen ist es recht, wenn man dreimal in der Woche trainiert und den Schwimmsport in familiärem Umfeld pflegt – ob man dann Schweizer Meister wird, interessiert sie nicht. Mich aber schon.

Ihre Aufgaben wuchsen quasi mit dem Club – warum haben Sie das Präsidentenamt damals überhaupt übernommen?

Ich pushte auf Leistung. Ich sagte: Ich will, dass der Schwimmclub Uster der beste Schwimmclub der Schweiz wird. Der damalige Präsident wollte eher nicht auf diese Schiene. Wir hatten keinen Streit, wir verstanden uns einfach ideologisch nicht. Deshalb sagte er zu mir: «Dann bin ich der Falsche. Dann mach du das.» Darum wurde ich Präsident.

Ihr Ehrgeiz war also von Beginn weg da. Woher kommt dieser Wille, den Club neben dem Breitensport auch auf Leistung trimmen, ihn an die Spitze zu bringen?

Viele sagen: «Wenn ich etwas mache, mache ich es recht.» Aber was heisst schon recht? Für die einen ist es recht, wenn man dreimal in der Woche trainiert und den Schwimmsport in familiärem Umfeld pflegt – ob man dann Schweizer Meister wird, interessiert sie nicht. Mich aber schon. Ich sagte mir: Wenn ich schon nebenamtlich so viel Opfer bringe, wenn ich es der Familie und der Frau schon antue, dass ich neben dem Beruf an manchen Tagen noch mehrere Stunden für mein Hobby arbeite – dann will ich, dass auch etwas dabei herausschaut.

Wenn man so viel macht, ist das Risiko auch da, dass man denkt: Ohne mich funktioniert es ja gar nicht.

Ja, das stimmt. Mittlerweile ist das sicher nicht mehr so. Aber vor 10, 15 Jahren hätte ich diese Bedenken gehabt. Und dann haben wir begonnen, Leute fürs Sekretariat anzustellen. Logischerweise hat das Geld gekostet – für sie war es ein Job. Für mich etwas, was ich zuvor einfach 30 Jahre lang aus Freude getan hatte.

Den ganzen Aufwand leisteten Sie als Fronarbeit? Wurden Sie nie finanziell entschädigt?

Nein, im Gegenteil, ich habe den SCU auch immer wieder finanziell unterstützt, als Privatperson. Wenn wir knapp bei Kasse waren und beispielsweise eine Zugreise nach Bern finanzieren mussten – das hat dann halt der Präsident bezahlt. Da kam über die Jahre schon ein Haufen Geld zusammen. Aber für mich war auch immer klar: Das ist mein Hobby, und das kann auch etwas kosten. Andere haben Freude daran, ein teures Auto zu fahren.

Philippe Walter im Hallenbad Buchholz.
Jahrzehntelang hatte Philippe Walter im SC Uster das Steuer fest in der Hand.

Sind Sie noch immer Sponsor vom Schwimmclub Uster?

Auf gewisse Weise schon, ja. Die Schwimmschule, die meine Frau seit 40 Jahren leitet, ist ein Partner des Schwimmclubs und gibt dem SCU einen Teil des Gewinns auf freiwilliger Basis ab.

Ihr Ziel, den Club zu einem der besten der Schweiz zu machen, haben Sie eigentlich schon lange bevor Sie nun aufhörten erreicht. Kam vorher nie der Gedanke: Jetzt haben wir es geschafft, jetzt kann ich aufhören?

Ja, das hätte ich oft sagen können, es war aber nie eine Option. Genügend Gelegenheiten hätte es gegeben. Als wir erstmals einen Olympiateilnehmer hatten. Oder einen Olympia-Finalisten. Oder einen EM-Medaillengewinner. Nach der Erweiterung des neuen Hallenbads hätte ich auch sagen können: Jetzt schaue ich noch, dass alles organisatorisch gut läuft und höre dann auf. Aber es ist mir nie in den Sinn gekommen. Man kann ja auch mithelfen, dass es weiterläuft. Es gibt doch diesen Spruch: An die Spitze zu kommen ist einfach, aber an der Spitze zu bleiben, das ist ein Kunststück. Und das schaffen wir, Gott sei Dank, bis jetzt.

Das dürfte auch mit Kontinuität in der Führung zusammenhängen – es wird kaum ein anderer Verein über 40 Jahre lang denselben Präsidenten haben.

Sicher bin ich gewissermassen ein Vorbild für unsere Konstanz, aber auch sonst: Unsere Leute im Vorstand sind alle schon lange im Amt. Mein Nachfolger Karel Novy ist schon seit 15 Jahren dabei. Der «Jüngste» seit acht Jahren.

Wir haben vor über 20 Jahren gesagt: Wir wollen im Vorstand neutral bleiben. Seither haben wir keine Eltern mehr im Vorstand.

Was ist der Grund dafür?

Ich habe immer wieder beobachtet, dass die Fluktuation bei anderen Vereinen gross war. Ständig hatten sie einen anderen Präsidenten, und die Vorstandsmitglieder machten ihren Job einige Jahre und verschwanden wieder. Und oft kam es zu einem Zwist. Und warum das? Viele waren Eltern von Athleten. Wir haben deshalb vor über 20 Jahren gesagt: Wir wollen im Vorstand neutral bleiben. Seither haben wir keine Eltern mehr im Vorstand. Sondern ehemalige Schwimmer, die eine geeignete Ausbildung haben und Zeit investieren können. Das gab uns Stabilität, dadurch ist wohl auch der Erfolg geblieben. Wenige andere Vereine tun das unterdessen auch.

War das rückblickend der wichtigste Entscheid in all den Jahren?

Ja, er erlaubte uns auch die Professionalisierung. Die meisten Vorstände von Vereinen sind operativ tätig, die Vorstandsmitglieder sind wie Abteilungsleiter, jeder hat sein Ressort. Das haben wir seit 20 Jahren nicht mehr. Der SCU hat heute ein operatives Führungsgremium mit dem Präsidenten Karel Novy, dem Geschäftsführer Andri Sturzenegger und dem Cheftrainer Pablo Kutscher. Der Vorstand hingegen ist wie ein Verwaltungsrat, wir haben die Aufsichtspflicht und treffen strategische Entscheidungen. Wie etwa jene, dass wir in Uster jedes Jahr für jede Leistungsgruppe einen Wettkampf organisieren, sieben pro Jahr. Damit machen wir deutlich: Die Kleinsten sind uns genauso wichtig wie die Eliteschwimmer.

Gibt es von all den Erfolgen einen, der für Sie heraussticht?

Die Erweiterung des Hallenbads mit dem 50-Meter-Olympiabecken und den zehn Bahnen ab 2016 ist eine der grössten Erfolgsgeschichten, nebst all den unzähligen sportlichen Erfolgen. Und dass unterdessen Noè Ponti für Uster schwimmt, das ist für mich schon (überlegt) …

… wie eine Olympia-Goldmedaille?

Nein, schon nicht ganz, er ist ja auch nicht immer hier vor Ort, sondern trainiert meistens im Tessin. Aber dass der erfolgreichste Schwimmer, den die Schweiz je hatte, letzten September anrief und sagte: «Philippe, ich will für den Schwimmclub Uster lizenziert werden», das war für uns ein Riesenerfolg. Und das war noch bevor er seine Weltrekorde schwamm. Doch der «gefühlte» allergrösste Erfolg war wohl die Olympia-Finalteilnahme von Remo Lütolf im Jahr 2000 in Sydney.

Was macht diesen Erfolg so besonders?

Die Leistungsdichte im Schwimmsport ist enorm, man darf das nicht vergessen. Die ganze Welt schwimmt, über 220 Nationen. Wenn man da einen Olympia-Final erreicht, hat das eine ähnliche Bedeutung, wie wenn man in einer anderen Sportart eine Olympia-Medaille holt. Im Skisport beispielsweise sind nicht so viele Nationen dabei. Nichts gegen die Leistungen der Schweizer Skifahrer – das muss man auch zuerst schaffen. Es geht mir darum, die Relationen zu sehen. Es war die erste Olympia-Finalteilnahme für den SCU. Das war ein Endpunkt, aber gleichzeitig auch ein Startpunkt. Emotional gesehen ist das etwas, was bleibt.

Apropos Endpunkt: Sie sind zwar nicht mehr Präsident, verbleiben aber im Vorstand. Warum das?

Das hat sich der neue Präsident Karel Novy gewünscht. Ich wollte mich nicht aufdrängen, ich fragte den Verein. Es gab ja zwei Möglichkeiten: Entweder – und darauf hoffte ich – ich bleibe für eine Übergangszeit, bis ich ihnen wirklich alle meine bisherigen Aufgaben gezeigt habe. Oder ich verschwinde, und man kann mich bei Fragen anrufen – es hätte ja auch sein können, dass der neue Präsident sagt: Wir wissen genug, wir melden uns, wenn wir etwas brauchen.

Und was ist nun Ihre Aufgabe im Vorstand?

Ich möchte dafür sorgen, dass der Verein finanziell gut abgesichert ist. Wir haben derzeit ein knapp ausgeglichenes Budget. Unser Eigenkapital ist aber zu gering. Der grösste Ausgabenposten sind mit rund 60 Prozent die Personalkosten. Wir betreuen unsere Trainingsgruppen mit sieben Vollzeit- und fünf Teilzeit-Trainern. Die Pandemie hat uns gelehrt, dass wir genügend Rückstellungen brauchen, um abgesichert zu sein, falls etwas passiert.

Dass der Bund die J+S-Subventionen kürzt, hilft dabei sicher nicht. Wie wollen Sie dieses Ziel erreichen?

Ich habe einen Mix von verschiedenen Massnahmen im Kopf. Dazu gehört vor allem, dass wir uns nebst unserem langjährigen Hauptsponsor Energie Uster mehr wichtige Sponsoren wünschen, die uns dabei unterstützen, den SCU ständig weiterzuentwickeln.

Ihre Arbeit ist also auch nach vielen Jahrzehnten im SC Uster noch nicht beendet.

Dazu fällt mir ein: Ich habe von der Stadt Uster eine Dankeskarte bekommen. Darauf stand: «Wir danken Dir für Dein Lebenswerk.» Ich habe gar nicht an dieses Wort gedacht. Als ich es gelesen habe, sagte ich mir: Doch, eigentlich trifft das zu. Ich bin über 50 Jahre im Verein. Das ist schon ein kleines Lebenswerk.

Haben Sie auch noch Träume, die Sie sich nun dank mehr Zeit erfüllen können?

Ich habe immer Ziele. Ich habe durch den Sport viel erlebt, bin auch viel gereist. Einige Ecken dieser Welt kenne ich noch nicht, die könnten wir jetzt noch entdecken. Mit meiner Frau und meiner Familie Ferien an schönen Orten machen, mit den Enkelkindern Zeit verbringen – vor allem die Familie geniessen. Aber ich bin auch einer, der etwas zu tun haben muss. Mein Tag muss Struktur haben, sonst fühle ich mich neben den Schuhen. Vielleicht brauche ich dann wieder ein Projekt, in das ich mich reinknien kann.

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