Das sind die speziellsten Disziplinen am Turnfest
Am Eidgenössischen Turnfest in Lausanne wird geturnt. Aber nicht nur. Vier unbekanntere Disziplinen und ihre Eigenheiten.
Das Eidgenössische Turnfest (ETF) ist riesig – nicht nur, wenn es um die Anzahl der Teilnehmerinnen und Teilnehmer geht, sondern auch, was das sportliche Angebot betrifft. In 27 Sportstätten warten in Lausanne 43 Sportplätze, neun Turnhallen und 600 Matten auf die gut 65’000 Turnenden.
Wobei «turnen» ein verwirrlicher Begriff ist – zumindest für all jene, die den Turnsport nur aus der Schule kennen. Sie bringen ihn mit Dingen wie Reck, Barren und Ringen in Verbindung. Von diesen Geräten wird es in Lausanne viele geben, schliesslich stehen Kunst- und Geräteturnen im Programm.
Doch der Schweizerische Turnverband umfasst noch viel mehr Disziplinen – solche, die man gemeinhin weniger mit Turnen in Verbindung bringt, und solche, die auf Anhieb wohl nur versteht, wer selber Turner ist, wie folgende Auswahl an Begriffen aus dem Programm zeigt.
Indiaca
Für Nichtturner taucht die Disziplin nur auf, wenn ein Eidgenössisches Turnfest ansteht – und verschwindet dann für sechs Jahre wieder. Doch im Indiaca gibt es auch Schweizer Meisterschaften, seit 2000 existiert ein Weltverband, und seit 2001 werden im Vierjahresrhythmus Weltmeisterschaften ausgetragen. Ursprünglich soll das Spiel aus Südamerika stammen und mehrere hundert Jahre alt sein, ein deutscher Sportlehrer importierte die Disziplin vor rund 90 Jahren nach Europa.
Indiaca ähnelt dem Volleyball: Zwei Mannschaften versuchen das Spielgerät – keinen Ball, sondern eben die Indiaca, ein mit Federn bestücktes Kissen – so über ein Netz zu spielen, dass es im gegnerischen Spielfeld den Boden berührt. Drei Ballberührungen sind dabei (zusätzlich zum Block) erlaubt, ehe man die Indiaca übers Netz spedieren muss.
Nationalturnen
Eine durch und durch schweizerische Sportart, die seit Jahrhunderten besteht. Es ist ein Mehrkampf, in dem man Geräte wie Reck und Barren vergeblich sucht. Und statt an die Ringe müssen die Teilnehmer ringen – nicht auf der Matte, sondern im Sägemehl. Das gehört zusammen mit dem Schwingen zum zweiten Teil des Wettkampfs.
Im ersten Teil, der tatsächlich der «turnerische Teil» genannt wird, stehen verschiedene Disziplinen zur Auswahl. Neben bekannten und selbsterklärenden wie Steinheben, Steinstossen, Weitsprung und Läufen über Sprintdistanzen gibt es auch da Eigenheiten. Den Hochweitsprung zum Beispiel, der mit Weitsprung-Anlauf stattfindet und bei dem sich zwei Meter hinter dem Absprungbalken eine Hochsprunglatte auf einem Meter Höhe befindet. Von dieser Ausgangshöhe aus kann man sich die Latte höher legen lassen – doch dann wird auch die Distanz zur Latte um denselben Wert grösser.
Und dann wird doch auch noch geturnt – in der sogenannten Freiübung. Sie ähnelt der Bodenübung im Geräteturnen, umfasst statische und dynamische Elemente, es gibt verschiedene Schwierigkeitsgrade, Abzüge für Haltungsfehler und Zuschläge etwa für «ausgeprägte Dynamik und Ausdruckskraft».
Dodgeball
Diese Sportart steht erstmals im ETF-Programm und klingt wahnsinnig modern und hip – ist aber sehr ähnlich wie etwas, das viele aus dem Sportunterricht in der Schule kennen: Völkerball. Zwei Teams versuchen sich gegenseitig zu eliminieren, indem gegnerische Spieler mit dem Ball getroffen werden, bevor dieser den Boden berührt. Fängt ein Spieler den Ball, scheidet allerdings der Werfer aus. Die Krux dabei: Es sind mehrere Bälle im Spiel. Das Spiel wird in mehreren Runden à je 3 Minuten ausgetragen, wobei diejenige Mannschaft mit den meisten Spielern auf dem Feld die Runde gewinnt.
Dodgeball wird in der Schweiz zwar erst seit knapp zehn Jahren wettkampfmässig gespielt, international ist die Sportart aber vor allem im schulischen Umfeld nicht unumstritten. Es gibt Studien aus Nordamerika, laut denen das Spiel Aggressionen auf- statt abbaut und die Demütigung von Schwächeren begünstigt.
Netzball
Nein, das hat nichts damit zu tun, dass hier ein Ball in ein Netz muss. Oder mit einem Netz gespielt wird. Das Netz steht in der Mitte des Spielfelds, der Ball muss darüber gespielt werden.
Klingt fast wie Volleyball – ist aber ziemlich anders: Wer den Ball fängt, darf ihn nicht einem Teamkollegen zuspielen, sondern muss ihn so auf die andere Seite des Felds werfen, dass ihn dort niemand fangen kann. Gelingt das, gibt es einen Punkt – und das Spiel geht unmittelbar von dort weiter, wo sich der Ball gerade befindet. Dies ohne Unterbruch – denn ein Satz endet nicht mit einer Punktzahl, sondern nach acht Minuten. Die Sportart steht in Lausanne erst zum zweiten Mal im ETF-Programm.
