Die Frau, die für Verwirrung sorgt
Ustermer Läuferin überrascht
Henriette Radzikowski vom LC Uster brillierte an der SM über 10 km als Unbekannte mit drei Medaillengewinnen und Schweizer Rekord. Wer ist diese junge Frau?
Speaker Michel Herren, ein fundierter Kenner der Schweizer Leichtathletik, sah sich an der 10-km-Strassenlauf-Meisterschaft in Courroux im Jura auf unübliche Weise irritiert. Er fragte sich: «Wer ist diese junge Frau, die da keck in der Spitzengruppe mit den Favoritinnen mitrennt?» Schnelles Googeln brachte erste Erkenntnisse. Aber die für einen Speaker zentrale Frage klärte sich damit noch nicht: «Wie spricht man diesen Namen aus?» Henriette Radzikowski.
Ein Deutschschweizer Journalist wusste Rat. Und so konnte der Bilingue-Fachmann dem Publikum nach der Zielankunft wertvolle Informationen liefern und Radzikowski korrekt ansprechen und interviewen.
Das drängte sich auf. Die erst 18-jährige Newcomerin landete den Überraschungscoup. Nur Fabienne Vonlanthen, die 18 Jahre ältere Titelverteidigerin, spurtete im Finish schneller. Der bisherigen Schweizer U20-Rekordhalterin Fabienne Müller blieb der Bronzeplatz.
Und auch zeitlich resultierte Erstaunliches: Mit 33:41 Minuten pulverisierte Radzikowski die Bestmarke um nicht weniger als 49 Sekunden. Elite-Silber, U20-Gold und Team-Gold mit dem LC Uster I (mit Lilly Nägeli, Anna Gasser, Andreina Schwarz): Die Medaillenausbeute war gigantisch. Mit einem verblüffenden Satz resümierte Radzikowski das Erfolgsarrangement: «Für mich war das ein Training.»
«Ich bin überwältigt»
Die Frage aber bleibt: Wer ist diese Henriette Radzikowski? Die Läuferinnen und Läufer kannten sie kaum, genau so wie Michi Rüegg, seines Zeichens Cheftrainer Lauf bei Swiss Athletics. Wenig erstaunlich: Bei den Leichtathleten war die Newcomerin bisher kaum aufgetaucht. Ihre Aufmerksamkeit gilt dem Orientierungslauf. Doch ähnlich ergangen war es auch vielen aus der Sparte mit Kompass und Karte vor bald zwei Jahren.
Damals qualifizierte sich die aus Erlenbach stammende Läuferin für die Junioren-Weltmeisterschaften in Rumänien – obwohl sie mit ihrem Jahrgang 2006 eigentlich noch gar nicht jener Kategorie angehörte. Nur aufgrund überragender nationaler Testläufe rückte sie damals ins Team auf. Und jener Selektionsentscheid erwies sich als goldrichtig. Sensationell gewann die Teamjüngste den Weltmeister-Titel über die Mitteldistanz.

Zurück in die Gegenwart. Nicht nur die Läuferinnen und Läufer sowie deren Bezugspersonen staunten in Courroux. Ebenso tat es Henriette Radzikowski selber. «Es lief mir extrem gut, vom Resultat bin ich überwältigt.» Nie gerechnet mit diesen Aussichten hatte sie bis lange im Rennen selbst.
Erklärungen für das Überraschende aber fand sie schnell. Ende Februar lieferte ihr «ein Test» in Payerne über dieselbe Distanz Selbstvertrauen (10./34:55). Und in einem grösseren Rahmen erkennt sie, dass «ich seit Herbst und dem Wiederaufbau nach der letzten Saison sehr konstant habe trainieren können». Kaum krank war sie und verletzungsfrei. Beides stellt gerade für sie alles andere als eine Selbstverständlichkeit dar.
Die Balance gefunden
Diesen Gesichtspunkt streicht ihr Lauftrainer Marco Rancan vom LC Uster hervor: «Leistungssport, wie ihn Henriette betreibt, ist eine Gratwanderung.» Mittlerweile scheint ein vielversprechender Weg eingeschlagen. Die Belastungen im läuferischen und OL-spezifischen Bereich sind aufeinander abgestimmt und ergänzen sich. Monatliche Checks bei der Ärztin helfen, dass auch aus medizinischer Sicht «alles im grünen Bereich» bleibt.
So hat die Entwicklung der talentierten Sportlerin zu neuer Zuversicht geführt. Rancan sagt: «In meinen zwei Lauftrainings pro Woche deutete sich an, dass Henriette unter 34 Minuten laufen sollte.» Er gab ihr sodann mit auf den Weg, den Schweizer Rekord anzuvisieren.
Nun hofft der Lauftrainer wie die Athletin selber, dass «wir auf dieser Schiene weiterfahren können». Klar strukturiert ist die Saison. Noch steckt die junge Sportlerin in einer Aufbauphase. Definiert ist, wann es nicht mehr «nur Training» sein soll.
Radzikowskis Saisonhöhepunkt stellen die Junioren-Weltmeisterschaften im OL in Italien dar (26. Juni bis 4. Juli). Ihre internationale Medaillensammlung will sie dann ergänzen. Und dort, so scheint sicher, dürfte sie keine Unbekannte mehr sein.
