Der Hoffnungsträger mit dem weltmeisterlichen Segen
Sauber-Brasilianer vor Debüt
Gabriel Bortoleto steht vor seinem ersten Formel-1-Rennen für das Hinwiler Sauber-Team. Der 20-Jährige hat einen steilen Aufstieg hinter sich.
Das Hinwiler Sauber-Team hat den Ruf einer Talentschmiede. Gerechtfertigt ist dieses Etikett mal mehr und mal weniger. Spätere Siegfahrer wie Kimi Räikkönen, Heinz-Harald Frentzen, Felipe Massa oder Sergio Pérez debütierten bei Sauber in der Formel 1. Als das Team Alfa Romeo hiess, schickte Ferrari seinen besten Nachwuchspiloten nach Hinwil, einen gewissen Charles Leclerc.
Andern hingegen heftete das Etikett eines Paydrivers an – auch wenn es das in der modernen Formel 1 nicht mehr im selben Stil wie früher gibt. Zhou Guanyu, dessen Vertrag nach der letzten Saison nicht mehr verlängert wurde, sagte man das trotz seinen fünf Formel-2-Rennsiegen nach, weil er mit einem Paket an chinesischen Sponsoren hierherkam. Der letzte reine Paydriver bei Sauber war der Brasilianer Pedro Diniz, der es dank den Millionen seiner Familie und ohne nennenswerte Erfolge auf tieferer Stufe in die Formel 1 schaffte.
Nun hat das Sauber-Team – respektive Team-Eigentümer Audi – wieder ein Cockpit an einen (brasilianischen) Neuling vergeben. Gabriel Bortoleto ist der vierte Sauber-Brasilianer nach Diniz, Felipe Massa und Felipe Nasr. Vor allem aber gelang ihm etwas mit Seltenheitswert. 2023 gewann er die Formel-3-Gesamtwertung, 2024 die Formel-2-Gesamtwertung – und steigt nun ohne Verzögerung zum Formel-1-Stammfahrer auf. Vor ihm haben das nicht viele geschafft: Charles Leclerc, George Russell – und Bortoletos Teamkollege bei Sauber, Nico Hülkenberg.
«Der Beste von allen»
Hinter dem Potenzial des 20-Jährigen gibt es also kein Fragezeichen, sondern eher ein Ausrufezeichen. Und Bortoleto erhielt schon viel Vorschusslorbeer, noch bevor er überhaupt seinen Vertrag bei Sauber unterschrieben hatte. «Wenn ich Sauber wäre, hätte ich ihn längst unter Vertrag genommen», sagte etwa Max Verstappen.
Der niederländische Serienweltmeister war damit aber längst nicht der grösste Fürsprecher. «Die Rookies sind alle sehr talentiert – aber Gabriel ist der Beste von allen. Er hat es auf der Strecke gezeigt. Er ist einer, der sehr hart arbeitet und die Dinge sehr ernst nimmt, was in seinem Alter nicht selbstverständlich ist.» Diese Worte wählte Fernando Alonso, wobei der spanische Ex-Weltmeister nicht ganz unbefangen ist.
Seit 2023 betreut Alonso mit seiner Managementfirma A14 den Brasilianer. Alonso fuhr schon in der Formel 1, als Bortoleto noch nicht auf der Welt war – nun werden die beiden auf der Rennstrecke Gegner sein.
Er überzeugt mit Konstanz
Bortoleto begann seine Karriere in seiner Heimat São Paulo als Siebenjähriger im Kartsport (Alonso war da übrigens schon Doppelweltmeister). Schon als Elfjähriger übersiedelte er ohne seine Familie nach Europa, um seine Karriere voranzutreiben. Erst seit 2020 ist er in den Formel-Klassen unterwegs – und legte da einen steilen Aufstieg hin.
Es verging kein Jahr ohne mindestens einen Podestplatz. Und Bortoleto machte sich einen Namen als sehr konstanter Fahrer. Das zeigt ein Blick auf die Resultate der letzten Formel-2-Saison. Andere standen zwar öfter zuoberst auf dem Podest als der zweifache Sieger Bortoleto, doch der Brasilianer beendete 24 von 28 Rennen in den Top Ten.
Nicht zuletzt mit dieser Konstanz machte er Audi auf sich aufmerksam. Der deutsche Hersteller warb letzte Saison ganz lange um Carlos Sainz und machte kein Geheimnis daraus, dass der Spanier absoluter Wunschkandidat ist. Als dieser sich für Williams entschied, stand Audi mit abgesägten Hosen da. Die Verpflichtung Bortoletos wurde dann allerdings mit Wohlwollen kommentiert.
Der Brasilianer ist mehr als eine Notlösung, auch wenn er unerfahren ist. Die Unerfahrenheit hat ihn zumindest in der Formel 3 und der Formel 2 nicht am Titelgewinn im Debütjahr gehindert. Und in diesen Kategorien hatte Bortoleto laut Alonso weniger Testkilometer auf den entsprechenden Autos absolviert als seine Konkurrenten. Der Spanier kommt deshalb zum Schluss: «Er ist unglaublich talentiert.»
Sein Talent braucht er auch in seiner ersten Formel-1-Saison – denn Bortoleto dürfte von allen fünf Neulingen jener sein mit der geringsten Erfahrung auf der Strecke. Während Mercedes beispielsweise seinen Rookie Andrea Kimi Antonelli schon letztes Jahr über 9000 Kilometer in alten Autos testen liess, um ihn darauf vorzubereiten, die Nachfolge von Lewis Hamilton anzutreten, beschränkt sich Bortoletos Erfahrung auf einen Bruchteil davon.
Nicht nur, weil er von Sauber erst im November verpflichtet wurde, sondern auch weil die Tests in diesem Jahr reglementarisch noch stärker eingeschränkt wurden. Man darf nur noch 1000 Kilometer testen, und dies in Autos, die älter sind als zwei Jahre. Dazu gibt es zwei sogenannte «Filming Days», an denen je 200 km gefahren werden dürfen. Ein Fachportal bezeichnete ihn schon als «einen der am schlechtesten vorbereiteten Formel-1-Neulinge aller Zeiten». Natürlich ist das übertrieben, denn schliesslich steht auch in Hinwil ein Simulator.
Ambitionen werden steigen
Und auch wenn Bortoleto unendlich viele Testkilometer abgespult hätte: Weltmeister wird er in seiner Debütsaison mit Sauber garantiert nicht werden – seine Serie reisst also. Doch wenn der Hinwiler Rennstall ab 2026 als Audi-Werkteam an den Start geht, werden die Ambitionen Jahr für Jahr grösser. Und Bortoleto wird immer stärker spüren, dass er auch der Hoffnungsträger eines ganzen Landes ist.
Die Brasilianer sind stolz auf ihre Formel-1-Geschichte, die untrennbar mit dem Namen Ayrton Senna verknüpft ist. Acht WM-Titel gingen schon nach Brasilien (je drei für Senna und Nelson Piquet, zwei für Emerson Fittipaldi) – nur Grossbritannien (20) und Deutschland (12) brachten mehr Weltmeister hervor.
Doch die Durststrecke wird immer länger, auch jene seit dem letzten Sieg eines Brasilianers. 2009 stand Rubens Barrichello für Brawn noch zuoberst auf dem Podest. Und seit Felipe Massa Ende 2017 aufhörte, gab es keinen brasilianischen Stammfahrer mehr. Wenigstens das ändert sich nun für die Brasilianer dank Bortoleto.