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Vom beschaulichen Pfäffikon ins lärmige Millionen-Kairo

Für ihren Olympia-Traum hat Cindy Merlo die Komfortzone verlassen. Die Pfäffikerin will in der Squash-Hochburg Ägypten zu einer noch kompletteren Spielerin reifen.

In eine andere Welt eingetaucht: Die Pfäffikerin Cindy Merlo lebt mitten in Kairo.

Foto: PD

Vom beschaulichen Pfäffikon ins lärmige Millionen-Kairo

Pfäffiker Squasherin

Für ihren Olympia-Traum hat Cindy Merlo die Komfortzone verlassen. Die Pfäffikerin will in der Squash-Hochburg Ägypten zu einer noch kompletteren Spielerin reifen.

Zur Vorbereitung für die nächsten Olympischen Spiele nach Kairo ziehen? «Das wäre doch ein Traum», sagt Cindy Merlo. So hat alles im letzten Mai angefangen. Ihre Worte richteten sich an Squash-Kollege Yannick Wilhelmi, mit dem sie die Sonne in Ägyptens Hauptstadt genoss. Merlo spielte dort gerade an der Weltmeisterschaft. Dabei schaffte es die Pfäffikerin in die 2. Runde, wo sie an der Weltnummer 22 scheiterte.

Kairo ist nicht einfach irgendein Austragungsort einer WM. Hier ist Squash ein Ereignis. Der Vierwand-Glascourt, in dem jeweils die entscheidenden Partien der Turniere ausgetragen werden, steht vor den Pyramiden von Gizeh. Und: An der Squash-Spitze gibt Ägypten deutlich den Ton an – bei den Frauen wie den Männern.

Von den Besten lernen

Also weshalb nicht von der absoluten Elite lernen? Das dachte sich auch Merlo. Sie hat ihren launigen Spruch gleich in die Tat umgesetzt. Weshalb? Squash steht an den Sommerspielen von 2028 in Los Angeles erstmals im olympischen Programm. Und sie will unbedingt dabei sein. Die 26-Jährige sagt: «In Kairo kann ich mich ideal vorbereiten. Mit den besten Spielerinnen und Coaches.»

Merlo ist die 10-Millionen-Metropole vertraut. Sie sagt: «Ägypten hat mich immer angezogen.» Mehrfach schon reiste die Oberländerin in ihrer bisherigen Karriere für Turniere und Trainings hierhin.

Und doch: Es ist ein aussergewöhnlicher Schritt – nur schon aus kulturellen Gründen. «Die meisten ziehen für ein neues Trainingsumfeld in die USA», weiss sie.

Zuerst in Ausprobierphase

Blauäugig hat Merlo den Schritt aus dem vertrauten Umfeld aber ohnehin nicht gemacht. Sie erkundigte sich vorab. Und ging dann mit einem Budgetplan auf ihren im Bankenwesen tätigen Vater zu.

Ihr Vorhaben: Zuerst für eine mehrmonatige Testphase nach Kairo ziehen, um zu sehen, ob es passt. Es passte. «Für mich war schnell klar. Das muss ich durchziehen», sagt Merlo.

Am meisten zu kämpfen hatte sie nicht mit der ungewohnten Umgebung – sondern vielmehr mit der Intensität und dem Umfang der Trainings. «Ich werde da auch mental ständig gefordert», so Merlo.

Vier Einheiten auf und neben dem Court bestreitet sie täglich. Einzig der Freitag, den die Moslems zum Gebet nutzen, bleibt für sie weitgehend trainingsfrei.

Heimisch geworden ist Merlo in Alt-Kairo, wo sie über einen Kollegen zu einer Wohnung gekommen ist. Der Deal: Die Pfäffikerin muss keine Miete bezahlen, sondern sie einfach so weit renovieren, wie es ihr passt.

Sie ist zufrieden, auch wenn es darin noch einiges zu tun gibt. Erst seit ein paar Wochen hat sie warmes Wasser. Eben haben Handwerker ihre Küche fertiggestellt. Dafür lebt Merlo mitten im pulsierenden Kairo. In ihrer Wohnung hat es auch ein freies Zimmer für Familie und Freunde, wenn diese zu Besuch anreisen.

«Es ist laut hier. Und dies nicht nur, weil die wenigsten Wohnungen isoliert sind», sagt Merlo und lacht. Sie hat sich aber gut eingelebt und schätzt die Herzlichkeit sowie Hilfsbereitschaft der Einheimischen auf den Strassen.

Per Crowdfunding zum Ziel

Doch so tief ihre Lebenskosten in Kairo sind, das Training unter professionellsten Bedingungen hat seinen Preis. 700 Franken pro Woche kostet es, hat Merlo ausgerechnet. Das ist viel Geld, vor allem weil sie plant, bis 2028 vor Ort zu bleiben.

Merlo hat deshalb unlängst auf der Crowdfunding-Plattform «I Believe In You» ein Projekt gestartet. Das Ziel: Innert eines Monats 10’000 Franken zusammenzukriegen, damit sie sich ohne finanziellen Druck auf ihr Training fokussieren kann. Das Crowdfunding ist gut angelaufen. Bereits fast 70 Prozent der nötigen Summe wurde zugesichert.

Für die Unterstützerinnen und Unterstützer gibt es individuelle Gegenleistungen. Darunter ist beispielsweise ein Wettkampf-Racket mit persönlicher Widmung. Oder ein Training mit ihr, respektive ein Match gegen sie. «Ich war bei der Auswahl kreativ», findet Merlo.

Nur was passiert, wenn der nötige Betrag nicht erreicht wird? «Dann wäre es so. Und ich müsste wohl einem Nebenerwerb nachgehen», sagt sie. Für Merlo steht fest: Ein Grund, um Kairo vorzeitig zu verlassen, wäre ein Scheitern des Projekts nicht.

Impressionen von der Pfäffiker Squash-Spielerin Cindy Merlo aus Kairo.
Cindy Merlo in ihrer Wohnung in Kairo.

Professionell Squash spielen kann sie dank der Unterstützung der Schweizer Sporthilfe, Spitzensportförderung der Armee, persönlichen Sponsoren und Preisgeldern. Merlo hat zudem einen Nebenjob beim Verband Swiss Squash und studiert Kriminologie und Recht.

Letzteres will sie im Juli mit dem Bachelor abschliessen. Sie könnte sich dann vorstellen, die arabische Sprache besser zu erlernen. «Im Moment schlage ich mich im Alltag mit Händen und Füssen so durch», sagt sie.

Im Ranking auf Kurs

Sportlich ist Merlo auf Kurs. Und der Traum von Olympia mehr als nur ein realistisches Szenario. Je zwei Schweizerinnen und Schweizer dürften in dreieinhalb Jahren in Kalifornien bei der Squash-Premiere im Tableau stehen. Sie ist derzeit im Weltranking auf Position 54 klassiert.

Nach ihr folgen Nadia Pfister (86.) und Ambre Allinckx (130.). Der Punkterückstand der beiden ist erheblich. Derweil bewegt sich Merlo – ihre bisher beste Klassierung war Rang 38 – seit Jahren auf konstantem Niveau.

Zusätzlich Zuversicht geben ihr Erfolge wie ihr dritter SM-Titel von Mitte Januar in Langnau am Albis. «Er war für mich emotional wichtig. Und zeigte mir, dass ich auf dem richtigen Weg bin», sagt Merlo, die zuletzt 2018 und 2019 Schweizer Meisterin geworden war.

Dabei wurde sie hart gefordert und wehrte im Halbfinal sogar einen Matchball ab. Im Endspiel setzte sich Merlo dann gegen die Krienserin Allinckx durch – ihrer wohl national härtesten Widersacherin.

Weltklasse im Zürcher HB

Merlo hofft in naher Zukunft die Top 40 zu erreichen. Als nächste Prüfungen warten im März zwei PSA-Turniere in Neuseeland und Australien, wo sie bereits in der Startrunde auf besser klassierte Gegnerinnen trifft.

Ihr eigentlicher Saisonhöhepunkt steigt dann aber im April am Grasshopper Cup, der erstmals im Zürcher Hauptbahnhof stattfindet. Das Turnier ist mit 100’000 US-Dollar dotiert, wodurch die absolute Weltspitze anreisen dürfte.

Ihre Vorfreude auf den besonderen Anlass ist gross. Auch muss sie sich nicht sorgen, keine Aufnahme ins starke Tableau zu finden. Reicht es ihr aufgrund der Klassierung in der Weltrangliste nicht, bekommt GC-Mitglied Merlo eine Wildcard. Sie sagt: «Ich will es natürlich auf dem sportlichen Weg schaffen.»

Die Basis dafür legt sie in Kairo. Jeden Tag aufs Neue.

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