«Bis jetzt musste ich zu solchen Schwimmern aufschauen»
Gefeierter SCU-Athlet
Dreifacher Weltmeister, dreimal Weltrekord: Die Show ist gross, als Noè Ponti vom SC Uster am Flughafen empfangen wird – und sein Trainer nach Worten sucht.
Zwei Bahnwagen voller Kinder stürmen plötzlich die Ankunftshalle 1 im Flughafen Kloten, alle in ihren schwarzen SC-Uster-Shirts. Viele von ihnen sind mit ihren Eltern gekommen, viele aber auch mit Clubtrainern.
Es kann sich nur noch um Momente handeln, es geht jetzt darum: Was schreien wir, wenn Noè aus der Tür kommt? Das gleissende Licht der Kameras blendet die einen, die anderen sind fasziniert von diesem Brimborium – einig ist man sich schnell: «Hopp, Noè, hopp!»
Wohl nie zuvor ist ein Schweizer Schwimmer nach internationalen Titelkämpfen wärmer empfangen worden als der dreifache Weltmeister und Weltrekordhalter aus dem Tessin. Es ist auch eine Premiere für die Schweiz, sie hatte zwar schon Weltmeisterinnen im Open-Water-Bereich, aber noch nie einen Weltmeister im Becken und schon gar keinen, der drei Weltrekorde in Kürze schwimmt.
Der Trainer ist «endlich wieder entspannt»
Als er dann dasteht mit seinen drei Goldmedaillen, die er in der vergangenen Woche an der Kurzbahn-WM in Budapest gewonnen hat, ein wenig verlegen, wird er von der Kindermasse fast erdrückt. Wenig später sagt er: «Ich verstehe langsam, was ich geleistet habe. Aber was das für die Schweiz bedeutet, ist mir noch nicht bewusst.»
Seine Mutter und sein Onkel, der sein inbrünstigster Fan ist, sind am Montagmorgen von Budapest ins Tessin zurückgekehrt, am Abend fahren sie aber wieder nach Kloten. Auch für sie sind diese emotionalen Momente ziemlich neu. Ähnlich war es erst einmal – nach seinem Olympiabronzegewinn 2021 in Tokio.

Trainer Massimo Meloni, der mit dem 23-Jährigen täglich im Leistungszentrum in Tenero arbeitet, steht ein wenig abseits.
Der Römer geniesst die Szenerie in vollen Zügen, er geniesst die Stunden, seit Ponti am Samstag über 100 m Schmetterling Weltrekord geschwommen ist, «endlich bin ich wieder entspannt». Er erinnert sich gut: «Ich sagte Ihnen schon vor einem Jahr, dass das Ziel dieser Weltrekord ist – auf der langen Bahn. Jetzt hat er ihn schon mal auf der kurzen.»
Er sagt auch, sein Athlet habe damit das Maximale erreicht, «il massimo» – man kann sich im Zusammenhang mit seinem Namen ein Schmunzeln nicht verkneifen.
Meloni will damit sagen: Ponti hat den Weltrekord des Amerikaners Caeleb Dressel, die 47,78 Sekunden, um sieben Hundertstel unterboten. Den Weltrekord eines 9-fachen Olympiasiegers und 15-fachen Weltmeisters. «Bellissimo! Das war ein fantastisches Gefühl. All das war ein Traum, und alles ist perfekt gelaufen, ich habe gar nicht mehr Worte dafür.»
Er findet dann dennoch welche, denn er schätzt sich in seiner künftigen Arbeit glücklich: «Was jetzt passiert ist, erleichtert jedes Training, verändert die Ausgangslage eines jeden Wettkampfs», weil: «Noè weiss jetzt, dass er alle schlagen kann.»
«Der Weltrekord war nicht mein Ziel»
Derweil wird Ponti von Mikrofon zu Mikrofon gereicht, die ganz jungen Schwimmerinnen und Schwimmer müssen sich gedulden, bis sie ein Autogramm erhalten. Und natürlich wollen alle eines, denn erst im September ist Ponti zum Schwimmclub Uster gestossen – weil er da mit Antonio Djakovic und anderen Schwimmern Kollegen, aber auch kompetitive Gegner hat.
Erste Sympathiepunkte gleich nach dem Wechsel hat er sich im Zürcher Oberland geholt, als er mit seinen kräftigen Händen und Armen die Ustermer Papiersammlung veredelte.
Jetzt erzählt Ponti vom Erlebten, von den Rennen in Budapest und erzählt auch diametral anderes als sein Trainer: «Der Weltrekord von Dressel war nicht mein Ziel, ich wollte einfach Gold. Ja, mein Trainer arbeitete auf diese Marke hin, aber eigentlich habe ich dafür viel zu wenig trainiert.»

Damit stellt er sein Licht natürlich unter den Scheffel. Denn wie kaum ein anderer prägte er die nacholympischen Wettkämpfe, den ganzen Herbst über siegte und siegte Ponti, über 50 m Schmetterling, über 100 m und auch über die kurze Lagendistanz. Zuerst bei den drei Weltcup-Stationen, jetzt an der Kurzbahn-WM. Und das nach einer sechswöchigen Pause nach Paris.
«Ich werde nun der Gejagte sein»
Immerhin gibt er nun inmitten des Gewusels zu, dass ihm die Weltcupsiege viel gegeben haben. «Die haben schon geholfen, vor allem, was meinen Kopf betrifft.»
Damals im Fernen Osten war die Konkurrenz noch ein wenig grösser, doch wer jetzt Dressel schlägt, muss sich darüber keine Gedanken machen. Ponti nennt ihn eine «Legende, er war mein grösstes Idol». Und dann spricht er davon, wie sich sein eigenes Standing mit den neuesten Leistungen verändert wird: «Bis jetzt musste ich zu solchen Schwimmern aufschauen, und jetzt …» Er spricht es nicht aus. Aber er meint: Künftig trifft man sich idealerweise auf Augenhöhe. Doch er ist sich auch bewusst: «Es wird anders werden, ich werde nun der Gejagte sein.»
Das ist keine schlechte Ausgangslage, auch das ist ein Training hinsichtlich der nächsten grossen Rendez-vous – im Sommer wird die WM auf der langen Bahn in Singapur stattfinden. Erst einmal warten nun aber Ferien, die Deutschschweiz hat ihren aussergewöhnlichen Schwimmer gefeiert, am Dienstag steigt das Fest im Tessin.