Sie tritt ab – ohne Abschiedsturnier, aber mit positiven Emotionen
Fabienne Kocher aus Uster
Judoka Fabienne Kocher ist zurückgetreten – und gleich Trainerin geworden. Die Ustermerin spricht im Interview über die letzten Monate seit den verpassten Olympischen Spielen.
Seit dem Grand-Slam-Sieg in Duschanbe, der Hauptstadt Tadschikistans, und den Weltmeisterschaften im Mai ist es ruhig geworden um Fabienne Kocher. Die Riedikerin, die ihre Karriere wie vor einem Jahr angekündigt im Alter von 31 Jahren beendet, tritt nun noch einmal an – auf nationaler Ebene. In Genf kämpft sie mit dem Judoclub Uster um den nationalen Meistertitel.
Fabienne Kocher, ist Ihr Einsatz am Samstag am Final-4-Turnier mit dem JC Uster Ihr letzter Kampf als Profi – oder der erste als Hobbysportlerin?
Fabienne Kocher: Man kann mich wohl als ambitionierte Hobbysportlerin bezeichnen (lacht). Fairerweise muss ich sagen, dass ich nun über drei Monate lang nicht mehr viel gemacht habe – die Fitness ist nicht mehr ganz die gleiche. Aber im Kopf bin ich immer noch ambitioniert. Und mit purer Willenskraft und Erfahrung ist ja vieles möglich.
Nach den knapp verpassten Olympischen Spielen haben Sie gesagt: «Ich würde gerne einen Abschluss haben im Wissen: Das ist mein letztes Turnier.» Diesen gab es nun auf Profi-Ebene nicht. Warum nicht?
Es hat einfach zeitlich nicht gepasst. Nach der langen und harten Qualifikationsphase brauchte ich psychisch und physisch erst mal eine längere Pause ohne Turnier kurz danach, weil das den Erholungseffekt geschmälert hätte. Und ich musste auch ehrlich sein mit mir selber: Nach einer solchen Pause hätte ich mindestens ein halbes Jahr volles Training gebraucht, um wieder auf die alte Form zu kommen. Für nur ein oder zwei Turniere hätte die Motivation wahrscheinlich nicht gereicht. Und wenn ich nicht zu 100 Prozent bereit bin, muss ich nicht antreten. Ich wollte einen schönen Abschluss, bei dem ich alles gegeben habe, gut kämpfte und glücklich von der Matte treten kann. Das hatte ich schliesslich an der WM.

Fehlt nun nicht etwas?
Nein. Ich habe mich extrem gefreut, dass ich diese Form wiederfand und mich nach einer Verletzungspause zurückkämpfen konnte. Und ich habe mein Ziel erreicht, mich im Olympia-Ranking auf einem Platz zu klassieren, der mir eine Qualifikation einbringt. Dass es trotzdem nicht reichte, war bitter, und ich hatte noch eine Weile daran zu beissen. Doch es hat für mich gepasst – ich tat, was ich tun konnte. Inzwischen ist das Kapitel Olympia für mich beendet, ich habe alles gegeben und kann mir nichts vorwerfen. (Weil nur eine Judoka pro Nation antreten darf, musste Kocher der knapp besser klassierten Binta Ndiaye den Vortritt lassen – die Red.) Es hat einfach nicht sein sollen. Daher sind meine letzten Auftritte mit positiven Emotionen verbunden.
Ihre Karriere war von Verletzungen geprägt. Wie viele Operationen waren es insgesamt?
Fünf am linken Knie. Dreimal ist das Kreuzband gerissen, zweimal war es der Meniskus. Unterdessen habe ich dort kein Kreuzband mehr. Am rechten Knie bekam ich zuletzt Schleimbeutelprobleme – es brauchte wohl nach den zehn Jahren auch einmal etwas Aufmerksamkeit (lacht).
Fragen Sie sich manchmal, wie Ihre Karriere ohne Verletzungen hätte verlaufen können?
Natürlich haben mich die Verletzungen Zeit gekostet. Aber man kann sich in solchen Überlegungen verlieren. Das gilt auch für die Olympia-Qualifikation: Hättest du einen Kampf mehr gewonnen, wäre das der entscheidende Punkt gewesen? Wenn man anfängt, sich solche Gedanken zu machen, wird man nie glücklich.
Sie schauen auf eine sehr erfolgreiche Karriere zurück. Was sticht für Sie heraus?
Mit all den Rückschlägen und Tiefpunkten, die ich hatte, schätze ich jeden Sieg umso mehr. Besonders in Erinnerung habe ich das European Youth Olympic Festival in Tampere 2009. Nicht nur wegen der Bronzemedaille, prägend war für mich die Eröffnungsfeier. Da hatte ich Gänsehaut – und es war für mich klar: Das will ich auch bei den Grossen erleben. Dort hat für mich der Olympia-Traum begonnen.
In Tokio 2021 wurde dieser dann wahr. Sie wurden damals Fünfte. Wie sehr schwingt noch der Gedanke mit, dass Sie eine Medaille nur knapp verpassten?
Der ist schon noch da. Am einen Tag bin ich stolz über diesen 5. Rang, an anderen Tagen nerve ich mich über die verpasste Chance. Darum bleibt ein lachendes und ein weinendes Auge. Dieser Beigeschmack wird immer bleiben. Gerade auch, weil es meine einzigen Spiele waren.
Sie sind nicht mehr Spitzensportlerin: Wie füllen Sie die frei gewordene Zeit?
Ich bin zu 65 Prozent als Trainerin am Regionalen Leistungszentrum in Basel angestellt – dieses Angebot kam unerwartet, und es ist für mich ein super Übergang. Man hört ja von vielen Sportlern, die nach dem Rücktritt in ein Loch fallen. Ich bin zudem auch noch am Psychologiestudium, wo nächstes Jahr der Bachelor ansteht – ich bin also genug ausgelastet.

War es von Beginn weg Ihr Wunsch, Trainerin zu sein?
Ich hatte das nie gross auf dem Schirm, nein, ich war überrascht über die Anfrage. Aber ich habe das Angebot sehr gerne angenommen. Ich bin immer noch täglich auf der Matte, aber nicht mehr so viel im Ausland wie in meiner aktiven Karriere und kann mehr Zeit mit meinem Freund und meiner Familie verbringen. Später kann ich mir vorstellen, im Bereich Mentaltraining zu arbeiten. Für die nächsten paar Jahre ist das RLZ für mich aber ein cooles Projekt. Bei den Kampftrainings würde ich ab und zu aber auch lieber mitmachen, da muss ich ehrlich sein. Doch die Arbeit mit den Nachwuchsathleten macht mir enorm Spass. Wir waren auch schon an einem internationalen Turnier – das waren dann für mich emotionale Achterbahnfahrten, wenn auch nun auf der anderen Seite.
Wie unterscheiden sich die Emotionen einer Trainerin von jenen einer Athletin im Wettkampf?
Als Athletin merkte ich, ob ich eine Situation unter Kontrolle habe oder nicht. Als Trainerin zucke ich jedes Mal zusammen. Und ich merke, dass ich auch einmal reinschreie, wenn ich emotional werde, obwohl man das nicht darf. So habe ich mich selber auch noch nie gesehen – ich bin eher eine ruhige Person (lacht).
Am Samstag sind Sie nun aber wieder selber Athletin, kämpfen für den Judoclub Uster – und von Ihnen wird sicher viel erwartet.
Diese Turniere mit der Mannschaft, die haben mir immer viel Spass gemacht. Im Judo ist man Einzelsportler, darum sind solche Momente mit dem Team schon sehr cool. Klar erwarten alle, dass man da als Spitzenathletin gewinnt. Im Normalfall klappt das ja auch ganz gut – aber jetzt, wo ich nicht mehr so trainiert bin? Ich werde sicher sehr nervös sein! Ich trete in der Gewichtsklasse bis 57 Kilogramm an und nicht mehr bis 52.
Das heisst, das Karriereende hat sich schon auf der Waage bemerkbar gemacht?
Auf die Waage bin ich länger nicht mehr gestiegen, das habe ich auch am wenigsten vermisst nach meiner Karriere (lacht). Jetzt vor der SMM musste ich aber wissen, wie schwer ich bin. Lustigerweise bin ich ungefähr gleich schwer geblieben, obwohl ich schon an Muskulatur verloren habe (lacht). Das eine oder andere Gramm Fett ist hinzugekommen – aber mit dem kann ich gut leben.
