Der Hausmann setzt nun auch auf Mentaltraining
Bester Oberländer Schwinger
Mehr Kränze als Fabian Kindlimann hat im Schwingklub Zürcher Oberland niemand gewonnen. Am Jubiläumsfest in Appenzell am Sonntag gibt es zwar keine Kränze. Und doch will er angreifen.
Das Jubiläumsfest: So macht er das Dutzend voll
Sechs Teilnahmen an einem Eidgenössischen Schwingfest, dazu fünf an Anlässen mit eidgenössischem Charakter (drei Unspunnen, zwei Kilchberger): Fabian Kindlimann hat Erfahrung mit Grossanlässen im Schwingsport. Mit dem Fest in Appenzell macht der Fischenthaler nun das Dutzend voll.
Nur alle 25 Jahre gibt es ein Eidgenössisches Jubiläumsschwingfest – einer von 120 Schwingern dort zu sein, «das ist etwas Besonderes», sagt Kindlimann. Und doch hilft ihm seine Erfahrung. Punkto Vorbereitung, aber auch Einstellung ist der Anlass für ihn vergleichbar mit einem Unspunnen etwa. Denn da wie dort gibt es keine Kränze zu gewinnen – «es geht nur darum, am Schluss möglichst weit vorne zu sein».
Kindlimann ist einer von vier SKZO-Schwingern in Appenzell. Neben ihm ist auch der Ustermer Gian Maria Odermatt am Start. Arjuna Fuster (Bubikon) und Roman Schnurrenberger (Sternenberg) sind Ersatz.
Das Mentale: Den Gegner Gegner sein lassen
Das Jubiläumsfest ist auch in einem anderen Bereich ein Novum: Es ist der erste Anlass mit eidgenössischem Charakter, an dem Kindlimann antritt, seit er mit einer Mentaltrainerin zusammenarbeitet. Nach dem Zürcher Kantonalen entschied er sich zu diesem Schritt, weil er sich sagte: «Jetzt muss ich etwas ändern.»
Es geht vor allem um die Einstellung, mit der Kindlimann einen Gang in Angriff nimmt. «Weniger darauf schauen, wer da genau kommt, und sich davon beeinflussen lassen, sondern ihn einfach als weiteren Gegner zu nehmen.» Die Massnahme zeigte Wirkung: «Ich konnte die Aufgabe gegen Gegner lösen, gegen die ich sonst Mühe hatte. Wenn man bis zum Schluss daran glaubt, dass es möglich ist, funktioniert es.»
Ein gutes Omen also womöglich für das Jubiläumsfest. Denn dieses nimmt Kindlimann mit der Einstellung in Angriff, weniger abzuwarten und mehr anzugreifen.
Die Kränze: So gut war noch kein anderer Oberländer
Kindlimann ist schon sein halbes Leben ein Kranzschwinger. Den ersten Kranz gewann er, als er noch keine 17 Jahre alt war. Unterdessen ist er bald 34 und steht bei 56 Kränzen.
Zur Einordnung: In der gesamten Nordostschweiz gibt es unter den über 170 aktiven Kranzschwingern nur fünf, die erfolgreicher waren als der Fischenthaler. Und im Schwingklub Zürcher Oberland thront er einsam an der Spitze vor Markus Spörri, der es auf 43 Kränze brachte.
Kindlimann freut sich darüber und sagt: «Es zeigt, wie konstant man schwingt. Aus der Sicht des Trainers wäre es aber mein Ziel, dass mich irgendwann jemand aus dem Klub übertrifft.» Das Potenzial für noch deutlich mehr als 56 Kränze hätte Kindlimann wohl gehabt – schliesslich hatte er laut eigener Aussage seine letzte verletzungsfreie Saison bei den Jungschwingern und fiel beispielsweise 2018 komplett aus nach einem Bandscheibenvorfall.
Könnte Kindlimann gar im Hunderter-Klub sein? «Nein, nein», sagt er bestimmt. «Wir wollen realistisch bleiben. Wenn ich einmal nicht mehr schwinge, möchte ich zurückblicken und sagen können: Ich habe das herausgeholt, was möglich war.»
Und möglich ist noch mehr als die aktuellen 56. Die nächste Saison, in der das Eidgenössische in Mollis ansteht, will der 33-Jährige sicher noch aktiv sein. Wie es danach weitergeht, ist offen. In seinen Überlegungen spielt auch sein Sohn eine Rolle, der ab nächstem Jahr an Schwingertagen teilnehmen wird.
Der Nachwuchs: Mit Disziplin und Teamgedanken
Doch Kindlimann liegt nicht nur die Schwingerkarriere seines eigenen Sohns am Herzen, sondern auch der Nachwuchs im Schwingklub Zürcher Oberland. Als Technischer Leiter Jungschwingen führt er pro Jahr 86 Trainings und betreut seine Schützlinge wenn immer möglich auch an Anlässen an den Wochenenden.
«Er nimmt sich sehr viel Zeit, um den Buben zu zeigen, wie das Schwingen funktioniert, und er bringt eine grosse Ruhe hinein, ohne viel sagen zu müssen», sagt Klubpräsident Daniel Spörri. Kindlimann selber legt Wert auf Disziplin, aber auch auf einen respektvollen Umgang miteinander. «Es geht darum, dass man als Team an ein Schwingfest geht und aufeinander schaut. Das funktioniert extrem gut.»
Und wer von seinen Schützlingen könnte ihn dereinst als erfolgreichsten SKZO-Kranzschwinger ablösen? «Es gibt schon den einen oder anderen, der das Potenzial hat», sagt Kindlimann. Konkreter werden und Namen nennen will er nicht. «Ich möchte nicht eine Erwartungshaltung auslösen oder Druck aufbauen.»
Der Job: Seit fünf Jahren als Hausmann zufrieden
2018 war für Kindlimann gleich mehrfach ein einschneidendes Jahr. Er erlitt da den Bandscheibenvorfall, der eine Operation nach sich zog – «eigentlich war meine Karriere da schon fertig», sagt er. Im Akkord auf dem Bau zu arbeiten, das ging nicht mehr.
Dass es im Schwingsport doch weiterging, das hat unter anderem auch mit einer beruflichen Veränderung zu tun: Seit 2019 ist Kindlimann Hausmann. Damals hatten sich nach seiner Operation sowohl seine Frau als auch er selbst auf Stellen beworben und Zusagen erhalten. «Die Entscheidung, Hausmann zu werden, war in dieser Situation das Sinnvollste, und sie passt für die Familie. Ich finde es sehr schön, die Kinder beim Aufwachsen begleiten zu dürfen», sagt Kindlimann.
Dass er sich um die beiden Kinder und den Haushalt kümmert, bringt ihm punkto Regeneration nach Wochenenden mit Schwingfesten einen Vorteil. Dass er ab und zu Sprüche hört deswegen, kommt noch immer vor. «Oft kommen sie von Jungen, die an einem anderen Punkt im Leben stehen und gar nicht wissen, wie es mit Kindern ist.» Kindlimann steht da drüber. Er sagt: «Zu tun habe ich genug. Ich kann mir meine Zeit zwar einteilen, wie ich möchte – am Schluss muss aber doch alles gemacht sein.»