Er ist viel mehr als ein Dauerbrenner
Fussball-Funktionär aus Wetzikon
Willy Scramoncini ist wohl das bekannteste Gesicht des Zürcher Regionalverbands. Vor einiger Zeit hat es ihn aus familiären Gründen ins Oberland verschlagen.
Die Aussage liegt schon geraume Zeit zurück – und zeigt den Wert von Willy Scramoncini innerhalb des Fussballverbands der Region Zürich (FVRZ) doch sehr gut.
«Wenn ich dich als meinen Nachfolger vorschlage, dann müssen wir dich ersetzen. Und das ist deutlich schwieriger als mich als Präsidenten.» Die Worte sind von Reinhard Zweifel, einem ehemaligen FVRZ-Präsidenten.
Zweifel hat sein Amt längst abgegeben. Und Scramoncini wurde nie Präsident. Wegzudenken ist der in Wetzikon lebende 74-Jährige im Regionalverband aber noch immer nicht. Seit bereits 1978 (!) ist er ununterbrochen für den FVRZ tätig.
Bekannt ist der pensionierte Sekundarlehrer dabei den meisten Fussballerinnen und Fussballern vor allem als Leiter der Abteilung Spielbetrieb, wo er nun in sein bereits 37. Dienstjahr steigt. «Er ist 360 Tage und täglich 24 Stunden für den Breitenfussball da, auch wenn er in den Ferien weilt», sagt Patrick Meier.
Er muss es wissen. Der ehemalige Geschäftsführer arbeitete über Jahrzehnte mit Scramoncini eng zusammen. Und der Kontakt ist auch nach seinem Abgang im November 2022 nie abgebrochen. Eben erst ist Scramoncini von einem Aufenthalt aus Thailand zurückgekehrt, wo er unter anderem wiederholt zu Gast beim mittlerweile im Nordosten des Landes lebenden Meier war. «Willy ist jemand, der sich für andere Kulturen interessiert», sagt Meier.
Immer wieder auf Reisen
Tatsächlich ist das Reisen eines der grossen Hobbys von Scramoncini. Schon mehrfach war er in Afrika. Der dreifache Familienvater besuchte die Philippinen, war in Myanmar und vielen anderen Orten auf der Welt. Immer wieder nutzte er diese Gelegenheiten, um die lokale Bevölkerung mit Hilfsmitteln zu unterstützen. Oft ist Scramoncini auch im Wallis, wo er eine Ferienwohnung besitzt – und im Winter auf Skipisten unterwegs ist.
Pünktlich zum Saisonstart ist er aber wieder zurück in der Region. Scramoncini sagt: «Ich schaue, dass meine Reisen immer mit dem Fussball aufgehen.» Während einer heissen Meisterschaftsphase zu verreisen, ist für ihn «ein No-Go».

Beim Regionalverband ist Scramoncini das wohl bekannteste Gesicht überhaupt – und nicht etwa die Präsidentin oder der Geschäftsführer. Auch wenn er diese Tatsache herunterspielt und lapidar erklärt: «Ich bin halt am längsten dabei.»
Doch Scramoncini ist viel mehr als ein Dauerbrenner und vor allem eines – omnipräsent. An rund 100 Tagen im Jahr ist er für den FVRZ unterwegs und dabei meist nach Sitzungen und Seminaren einer der letzten Personen, die sich verabschieden. «Weil der persönliche Kontakt ihm wichtig ist», wie Meier betont.
Der gebürtige Stadtzürcher Scramoncini leitet aber nicht nur den Spielbetrieb, er ist auch im Strafenwesen federführend, FVRZ-Delegierter in der für die 2. Liga interregional zuständigen Abteilung Amateurliga und Verantwortlicher des Schulfussballs. In dieser Funktion koordiniert er alljährlich den sogenannten CS-Cup mit rund 700 teilnehmenden Teams.
Dem nicht genug, besucht Scramoncini regelmässig zur Ehrung von verdienstvollen Mitgliedern die Vereine in der ganzen Region Zürich. «Das sind immer wieder schöne und rührende Momente», sagt er.
Klare Ansage vor Kamera
Scramoncini ist aber nicht nur ein Mann für den Applaus, sondern bezieht auch vor laufenden TV-Kameras klar Stellung, wenn der Regionalfussball wegen eines Spielabbruchs in die nationalen Schlagzeilen gerät. Dabei geht es ihm nie darum, einen Verein schlecht aussehen zu lassen. «So ein negatives Ereignis kann überall passieren», ist für ihn klar. Dass sich solche Vorfälle im Regionalfussball in der letzten Zeit gehäuft haben sollen, verneint er. «Es hat schon immer Wellenbewegungen geben», sagt Scramoncini.
Dass er mit dieser Fülle an Aufgaben allerdings auch ein gewisses «Klumpenrisiko» für den Verband darstellt, ist ihm bewusst. Im Fall der Schulfussball-Meisterschaft CS-Cup hat Scramoncini seine Nachfolge bereits initiiert. Und die Leitung des Spielbetriebs will er in absehbarer Zeit abgeben. Bereits beendet hat Scramoncini 2023 seine Karriere als Schiedsrichter. Auch diese Funktion übte er 30 Jahre lang aus.
Erst mit 17 zum Fussball
Dabei ist Scramoncini eigentlich sogar ein Spätberufener. In Zürich-Seebach aufgewachsen, bewegt er sich zunächst im Turnverein und im Handball-Klub, ehe er im Alter von 17 dem damaligen FC Polizei (heute FC Oerlikon/Polizei) beitritt. «Mein Vater hat mit einem Polizisten jeweils gejasst», erinnert er sich.
Scramoncini spielt aber nicht nur Fussball, sondern engagiert sich schnell einmal als Juniorentrainer und -obmann. Während 25 Jahren leitet er das Juniorenlager des Klubs. In seiner ganzen Aktivzeit bleibt er stets dem FC Polizei treu.
Diese Konstanz zieht sich auch durch Scramoncinis Berufsleben, in dem er ausschliesslich im Quartier Wiedikon als Sekundarlehrer unterrichtet, wo er grösstenteils lebt. Erst 2019 verlässt Scramoncini die Stadt Zürich und zieht ins Oberland.
Den Tipp erhält er von Martin Müllhaupt, der beim FVRZ in der Abteilung Spielbetrieb sein Stellvertreter ist – und auch beim FC Wetzikon schon nahezu jede Funktion innehatte. Ein mitentscheidender Grund bei der Wahl des Wohnorts ist Scramoncinis Tochter, die bereits mit ihren beiden Kindern in der Stadt lebt.

Der FVRZ-Funktionär hat sich gut im Ortsteil Kempten eingelebt. Um aktiv zu bleiben, geht Scramoncini in Wetzikon regelmässig ins Fitnesscenter und fährt mit dem Velo um den Pfäffikersee.
Ab und an ist er auch auf der Sportanlage Meierwiesen bei den Spielen anzutreffen. Im FCW ist er unlängst der Supporter-Vereinigung beigetreten. Und beim Schülerturnier gab er sogar ein kleines Comeback als Schiedsrichter.
Ein «gewisses Unbehagen»
Fast ein halbes Jahrhundert ist Scramoncini schon als Funktionär im Regionalverband tätig. Vieles hat sich seither einschneidend verändert. «Die technische Entwicklung ist schon toll – und spart den Leuten viel Zeit», sagt er. Die zunehmende Professionalisierung auf allen Ebenen verfolgt er allerdings mit einem «gewissen Unbehagen». Er macht kein Geheimnis daraus, dass die Entscheidungen bei den einzelnen Abteilungen liegen müssen. Und nicht beim Sekretariat in Winterthur.
Der ehemalige Geschäftsführer Meier meint dazu: «Willy will auch bei allen Schnittstellen seiner Verantwortungsbereiche mitentscheiden.» Dies habe auch mal für laute und intensive Diskussionen gesorgt. «Unsere Freundschaft hat jedoch nie nach einer Auseinandersetzung gelitten», sagt Meier aus 9000 Kilometern Distanz. Bei Scramoncinis jüngstem Besuch haben sie im fernen Thailand wieder bis tief in die Nacht über den Fussball debattiert.
Der grösste Wurf von Scramoncini
Die Regeländerung war eine kleine Revolution. Auf die Saison 2006/2007 wurde die Strafpunkteregelung – vorerst in drei Regionalverbänden – eingeführt. Fortan zählte die Anzahl Strafpunkte, die man sich durch Verwarnungen und Platzverweise eingehandelt hatte, in der Rangliste vor der Tordifferenz. Sprich: Bei Punktgleichheit wird seither bei der Auf- und Abstiegsentscheidung das fairere Team belohnt. Federführend bei dieser Anpassung waren Alois Kessler vom Innerschweizer Verband und sein Zürcher Kollege Willy Scramoncini. Es ist vielleicht der grösste Wurf in seiner langen Karriere als Funktionär. «Wir haben viele Kritiker gehabt», blickt Scramoncini zurück. Heute sind diese weitgehend verstummt, und die Strafpunkteregel ist nicht mehr wegzudenken. Mittlerweile wird sie nicht nur in allen 13 Regionalverbänden angewendet (Scramoncini: «Am längsten hat es bei den Welschen gedauert.»), sondern ist seit der Spielzeit 2013/2014 auch in der 2. Liga interregional und der 1. Liga der Frauen fester Bestandteil.
Und doch: Nachhaltig fairer ist der Regionalfussball wegen der vermutlich weltweit einzigartigen Regeländerung nicht geworden. «Die Hoffnung auf mehr Fairness stirbt bekanntlich zuletzt», sagt Scramoncini. (dsc)
