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Wie die Silberpfeile Sauber-Geschichte schrieben

Denkwürdiges, Erheiterndes und Historisches aus dem Oberländer Sportgeschehen. Heute: Der grösste Sauber-Triumph.

Dominanz in Silbergrau: der in Le Mans 1989 siegreiche C9 mit der Nummer 63 und das Schwesterauto mit der Nummer 62, das am Ende den fünften Rang belegte. 

Foto: Daimler AG

Wie die Silberpfeile Sauber-Geschichte schrieben

Oberländer Sportmomente (1)

Das Hinwiler Sauber-Team fährt zwar seit über 30 Jahren in der Formel 1. Seinen eindrücklichsten Triumph feierte der Rennstall aber vor dieser Zeit.

Dieser Artikel erschien erstmals am 27. August 2024.

Was ist der grösste Erfolg der Sauber Motorsport AG? Viele denken bei dieser Frage an den 8. Juni 2008, als Robert Kubica vor Nick Heidfeld den GP von Kanada gewann. Der Doppelsieg für BMW-Sauber ist heute noch der einzige Sieg des Hinwiler Rennstalls in der Formel 1. Er dürfte auch in den Erinnerungen von Peter Sauber einen grossen Stellenwert einnehmen.

Wer aber den Teamgründer nach seinen prägendsten Momenten fragt, der erhält eine auf den ersten Blick überraschende Antwort. Als ein «Erfolgserlebnis, von dem ich vermutlich heute noch zehre», bezeichnete Peter Sauber in einem Interview vor fünf Jahren einen Triumph in der Sportwagen-WM an einem der prestigeträchtigsten Orte im Motorsport überhaupt. «Dass wir mit einem kleinen Team in Hinwil ein Auto bauten, das Le Mans gewann. Gegen Porsche oder Jaguar. Ich hatte schon da viel mehr erreicht, als ich je gedacht hätte.»

Es war im Jahr 1989. Die Formel 1 war damals für Peter Sauber noch weit weg, auch wenn der Einstieg drei Jahre später Tatsache wurde – früher, als ihm selber wohl lieb war. Im Werk in Hinwil baute die P.P. Sauber AG Fahrzeuge für die Gruppe C. So hiess die Prototypenklasse, mit der die Sportwagen-WM ausgetragen wurde, zwischen 1982 und 1992.

Die Gruppe C lockte Hersteller an – unter anderem auch Mercedes-Benz. Allerdings nicht mit einem eigenen Werksteam, sondern in einer Kooperation mit Sauber, wobei die deutsche Marke vorerst im Hintergrund blieb. Erst in der Saison 1989 legte Mercedes die Zurückhaltung ab. Die zuvor in Schwarz und Dunkelblau lackierten Autos erhielten das typische Silberpfeil-Design – was man durchaus als historisch bezeichnen kann. Seit dem Rückzug von Daimler-Benz aus dem Rennsport 1955 war das Design aus dem internationalen Motorsport bis auf vereinzelte Ausnahmen verschwunden.

Dominant mit nur 35 Mitarbeitern

Und die Silberpfeile dominierten die Saison in der Sportwagen-WM 1989 quasi nach Belieben. Sieben von acht Rennen gewann das Team Sauber Mercedes mit seinen zwei C9-Rennautos, in der Fahrer-WM gab es einen Vierfachsieg für Sauber: Der Franzose Jean-Louis Schlesser gewann vor dem Deutschen Jochen Mass, dem Italiener Mauro Baldi und dem Briten Kenny Acheson.

Es ist ein aussergewöhnlicher Triumph – und man muss sich vor Augen führen, dass damals in Hinwil nicht mehrere hundert Mitarbeiter angestellt waren, sondern gerade einmal 35. Einer davon war notabene Beat Zehnder – der Illnauer war damals Mechaniker, heute ist er der dienstälteste Teammanager der Formel 1.

Der grösste Moment des Jahres – und einer der grössten der Teamgeschichte – war aber nicht jener, als der WM-Gewinn feststand, sondern der Sieg am 11. Juni in Le Mans. Das prestigeträchtige 24-Stunden-Rennen zählte nicht zur Weltmeisterschaft, es war in vielen Belangen auch nicht vergleichbar mit den WM-Läufen, sondern eine ganz andere Herausforderung für Mensch und Material.

Erster, Zweiter, Fünfter: Die silberfarbenen C9 bescherten Sauber und Mercedes in Le Mans ein Traumresultat.

Während auf den acht WM-Strecken jeweils Rennen über 480 Kilometer gefahren wurden, kam in Le Mans mehr als die zehnfache Distanz zusammen. 390 Runden oder eben 5265,12 Kilometer legte der Sauber-Silberpfeil mit der Nummer 63 zurück. Die beiden Deutschen Jochen Mass und Manuel Reuter sowie der Schwede Stanley Dickens teilten sich das Auto und den Triumph.

Kaputter Unterboden, Dreher, Getriebeschaden

Der Verlauf des Rennens illustriert die Unwägbarkeiten eines Langstreckenrennens, in dem es auch um Durchhaltevermögen nach Zwischenfällen geht, vortrefflich. Dass das Trio Mass/Reuter/Dickens nur vom elften Startplatz aus ins Rennen ging, war das kleinere Handicap. Mass preschte auf Rang 2 vor, ehe Reuter ein Auspuffteil eines Konkurrenten überfuhr. Der beschädigte Unterboden musste repariert werden – das war zeitraubend und bedeutete den Fall auf Rang 20.

Auch die anderen beiden Sauber-Autos kamen nicht ungeschoren davon: Am Boliden mit der Startnummer 62, den sich die drei Franzosen Jean-Louis Schlesser, Jean-Pierre Jabouille und Alain Cudini teilten, musste erst der Heckflügel gewechselt werden – er ging bei einem Dreher kaputt, weil Cudini ein Sandkorn ins Auge geraten war. Später erlitt Schlesser einen Reifenschaden und fiel bis auf Rang 25 zurück.

Und die Startnummer 61 mit den Italienern Mauro Baldi und Gianfranco Brancatelli sowie dem Briten Kenny Acheson erlitt 90 Minuten vor Schluss in Führung liegend einen Getriebeschaden – das Getriebe blieb im 5. Gang stecken. Für den zweiten Rang und damit den Doppelsieg reichte das allerdings noch.

Le Mans 1989
Das siegreiche Trio: Stanley Dickens, Jochen Mass und Manuel Reuter (von links).

Über das Zustandekommen dieses Doppelsiegs gibt es zwei Überlieferungen. Die Presseabteilung von Mercedes zitierte zum 30. Jahrestag des Triumphs 2019 Jochen Mass: «Ich bin die letzten Runden langsamer gefahren und habe Zeit verschenkt, um unmittelbar nach 16 Uhr durchs Ziel zu rollen und nicht noch eine weitere Runde drehen zu müssen.»

Im Buch «Die Sauber-Formel» von 2004 hingegen heisst es, Peter Sauber selber habe per Funk eingegriffen und Mass angewiesen, vor Ablauf der 24 Stunden keine neue Runde mehr anzufangen. Einerseits, damit die drei Autos gemeinsam ins Ziel kamen und für ein Fotosujet sorgten – vor allem aber, weil Baldi im zweitplatzierten Auto das Benzin auszugehen drohte.

Gerechnet hatte man bei Sauber mit einem Sieg nicht – angeblich musste man sich den Champagner beim Jaguar-Team ausleihen, das bis in die frühen Morgenstunden noch in Führung gelegen hatte.

Le Mans 1989, Peter Sauber
Das Podest in Le Mans – Jochen Mass hantiert an der Champagnerflasche, Teambesitzer Peter Sauber schaut ihm lachend zu.

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