Sein Weg ist vorgezeichnet
Assistenztrainer Simon Schaich
Eine verschworene Gruppe von Spielern hält den kleinen FC Greifensee seit 13 Jahren in der 2. Liga. Mit Simon Schaich schickt sich nun einer von ihnen an, die Kultur an die Seitenlinie zu tragen.
Zugegeben, es mag im Sport etwas eigenartig klingen. Doch man muss nicht immer gross denken, um zum Erfolg zu kommen.
Das zeigt das Beispiel des kleinen FC Greifensee. Der Klub spielt seit 2011 in der 2. Liga – und steht dort mit seinen finanziellen und spielerischen Mitteln stets in etwas grossen Schuhen.
Saison für Saison lautet das Ziel: Klassenerhalt. Saison für Saison erreicht er es, bislang 13-mal. Dazu gewinnen die Greifenseer 2014, 2018 und 2023 den Regionalcup. Diese Mischung aus Konstanz und Highlight prägt das Selbstverständnis.
Nicht immer läuft dabei alles glatt. 2023 entgeht der FCG dem Abstieg nur, weil gleich zwei Zürcher Teams in die 2. Liga interregional aufsteigen. Und in der letzten Spielzeit braucht es nach einer miserablen Hinrunde unter extremem Druck eine überragende Rückrunde, um den Kopf aus der Schlinge zu ziehen.
«Wir sind bekanntlich am besten, wenn wir das Messer am Hals haben», sagt der Assistenztrainer Simon Schaich und lächelt.
Der 33-Jährige weiss genau, wovon er redet. Er gehört zu einer Generation von starken Eigengewächsen, die jahrelang den festen Kern dieser Mannschaft bildet. Er sagt: «Wir sind hier ein eigenes Völkli, haben wenig Fluktuation. Wer zu uns kommt, der bleibt bei uns.»
In einer fliessenden Erneuerungsphase
Seit zwei Jahren aber befindet sich das Team in einer fliessenden Erneuerungsphase. Die inzwischen über 30-jährigen Kernspieler ziehen sich Schritt für Schritt zurück. In diesem Sommer hängen mit den Zwillingen Sasa und Nino Fikic zwei weitere die Schuhe an den Nagel.
Schaich selbst dankt nach dem dritten Kreuzbandriss in der Winterpause 2023 ab. Doch anders als bei seinen Weggefährten gehen dem Team seine Qualitäten nicht verloren. Als Assistent von Trainer Felix Bollmann, ebenfalls ein Greifenseer Urgestein, wirkt er seither an der Seitenlinie.
Dass ausgerechnet er diesen Schritt macht, hat seine Logik. Auf dem Platz ist der zweifache Familienvater und Geschäftsleiter einer Bodenverlegungsfirma ein technisch versierter und emotionaler Führungsspieler. Er selbst sagt: «Ich habe mir schon als Aktiver immer etwas mehr Gedanken über das Spiel gemacht.»
Diese Gedanken äussert Schaich gerne. Eine Eigenschaft, die Trainer Bollmann schätzt. Das sei zwar in der Beziehung zwischen Trainer und Spieler nicht immer nur einfach gewesen. Doch nun, da die Verantwortung anders liegt, kommt sie konstruktiv zum Tragen. Für Bollmann ist schon lange klar: «Simon ist ein Typ, der wie ein Trainer denkt.»
Gemeinsam an der Seitenlinie und am Familientisch
Sowieso weiss der 65-Jährige genau, was er an seinem Assistenten hat – schliesslich ist er ihm engstens verbunden. Nicht nur als Trainer, der ihn auch über weite Strecken bei den Junioren begleitet hat. Sondern auch als Stiefvater, der mit ihm Sonntag für Sonntag am Familientisch sitzt.
Dass diese spezielle Kombination keine zufällige Ad-hoc-Lösung ist, zeigt sich spätestens in der letzten Winterpause, als der FC Greifensee mit nur drei Siegen aus 13 Spielen auf einem Abstiegsplatz überwintert. Schaich ist sich sicher: «Bei manch anderem Klub wären wir entlassen worden.»
Die Klubführung verzichtet indessen auf diese Ultima Ratio. Einerseits, weil sie – zu Recht – davon überzeugt ist, dass die Coaching-Crew das Ruder herumreissen wird. Andererseits, weil sie glaubt, dass Simon Schaich die Zukunft gehört.
Der designierte Nachfolger?
So bestätigt Felix Bollmann freimütig, dass er in seinem Stiefsohn seinen Nachfolger sieht. Dieser wiederum formuliert es ein wenig diplomatischer, aber nicht minder klar: «Ich bin kein Assistent, der einfach Anweisungen ausführt. Es ist mein Ziel, Cheftrainer zu werden. Am liebsten hier in Greifensee – und wenn nicht, dann halt woanders.»
Darauf arbeitet er hin, in seinen inzwischen anderthalb Jahren wandelt er sich kontinuierlich vom Mitspieler zum Trainer. Dazu gehört die Wahl des Tons, aber auch der Umgang mit den langjährigen Kollegen, das Trennen von Privatem und Fussball. «Ich finde, das gelingt mir inzwischen über weite Strecken gut.»

Wann die Stabübergabe tatsächlich erfolgen wird, steht in den Sternen. Es ist vorderhand weder für Schaich, der gegenwärtig das Uefa-B-Diplom absolviert, noch für den Trainer Bollmann relevant.
Momentan geht es darum, einen besseren Start als in der letzten Saison zu erwischen. Schaich zeigt sich dabei optimistisch, dass die Mannschaft den Schwung aus der gelungenen Rückrunde mitnehmen kann.
Die Ausgangslage ist nicht einfacher geworden
Gleichzeitig ist er sich bewusst, dass die Ausgangslage nicht einfacher geworden ist. Neben den eingangs erwähnten Fikic-Brüdern ist dem Team auch der Kapitän und beste Torschütze Severin Burkart (14 Tore) abhanden gekommen, der sich neu bei Dübendorf in der 2. Liga interregional versuchen wird.
Einen Eins-zu-eins-Ersatz für den 27-Jährigen gibt es nicht. Weder aus dem eigenen Nachwuchs, der wegen des grossen Niveaugefälles sowieso nur bedingt als Erneuerungsreservoir herhalten kann, noch mittels Transfers.
«Jetzt müssen unsere jüngeren Spieler in die Bresche springen», findet der Assistenztrainer lapidar. Wissend, dass immer noch einige seiner langjährigen Wegbegleiter wie Patrick Ley, Patrick Schmid oder Tobias Niklaus an Bord sind, die diese stützen können.
Aus der Ruhe bringt ihn diese Perspektive nicht. Es ist schlicht der Modus Operandi dieses Klubs, der sich ständig sanft erneuert und stets ein Ziel im Visier hat: den Klassenerhalt.
Und wie man diesen erreicht, weiss letztlich kaum einer besser als Simon Schaich. Er sagt: «Ich bin in meiner ganzen Karriere nie abgestiegen. Das soll sich auch nicht ändern.»
Ein Mammutprogramm zum Auftakt
Er sah nach der Vorrunde wie der designierte Absteiger aus. Magere neun Punkte hatte der FC Greifensee zur Halbzeit auf dem Konto. Doch die «Unabsteigbaren» zogen einmal mehr den Kopf aus der Schlinge. Mit einer bärenstarken zweiten Meisterschaftshälfte (27 Punkte!), in der nur noch der Tabellenzweite Seuzach etwas besser war. Von einer grossen Freude spricht Trainer Felix Bollmann in diesem Zusammenhang. Er ist aber auch Realist genug, um zu wissen, dass es mit dem FCG nicht einfach so weitergeht. Dabei ist für die weiter verjüngte Mannschaft die erste Herausforderung, den sehr komprimierten Start – mit vier Partien innert zehn Tagen – in die Saison gut zu meistern. «Das ist sicher nicht optimal», sagt Bollmann. Ein erfahrener Coach wie er lässt sich dadurch aber auch nicht beirren. Überhaupt erwartet der 65-Jährige wiederholt eine sehr ausgeglichene Gruppe 2 – ohne einen klaren Favoriten. Neu in seinem Team sind einzig Rückkehrer Maurin Frehner (von Wallisellen) und Oliver Milanovic (Oerlikon/Polizei). Gerade Letzterer braucht allerdings aufgrund einer längeren Verletzungspause sicher noch etwas Anlaufzeit. So oder so: Für die Greifenseer ändert sich an der Ausgangslage ohnehin nichts. Sie dürften nach dem jüngsten Substanzverlust im Kader bei vielen als Abstiegskandidat gelten. Dies erneut zu widerlegen, müsste Motivation genug sein. (dsc)
