Er lässt sich den Spass nicht nehmen
Neuverpflichtung des FC Gossau
Beim FCZ zählte er einst zu den vielversprechendsten Talenten seines Jahrgangs. Nun spielt Diego Zoller für den FC Gossau. Sein ehemaliger Trainer sagt: «Er wird seine Tore erzielen.»
Ein Alltag ohne Fussball? Ohne Bewegung? Ohne Emotionen? «Nein!», ruft Diego Zoller, «das ist unvorstellbar.»
Der 29-Jährige liebt den Sport, liebt das Leben in der Garderobe, liebt das Duell auf dem Platz. Inzwischen bewegt er sich auf der regionalen Bühne: Mit dem FC Gossau nimmt er die Saison in der 2. Liga in Angriff. Er gehört zur Schar der Hobbykicker, aber er hat eine Geschichte, die durchaus einen anderen Verlauf hätte nehmen können.
Seine Kindheit verbringt Zoller in Hedingen, einer Gemeinde im Knonauer Amt. Und via FC Wettswil-Bonstetten landet er als Knirps bei den Letzi-Kids. In der Nachwuchsabteilung des FC Zürich nimmt er Stufe um Stufe und bestreitet regelmässig Länderspiele in nationalen Auswahlen.
Steven Gerrard war sein grosses Vorbild
Aber etwas begleitet ihn bereits in all den Jahren als Junior: instabile Kniescheiben. Mit 14 muss er den ersten Eingriff über sich ergehen lassen, mit 20 hat er beide Knie je dreimal operiert. Dazu kommt eine Fussverletzung, die ihm eine Zwangspause auferlegt.
Trotzdem zählt Zoller oft zu den Auffälligsten, wenn er auf dem Platz steht. Und lange sieht es danach aus, als würde er sich nicht vom Durchbruch abhalten lassen. Er eifert Steven Gerrard nach, der Legende seines Lieblingsclubs FC Liverpool. Er glaubt, dass sich mit eisernem Willen Berge versetzen lassen.
Doch es kommt alles anders.
«Ich bin kein Fan von Ausreden», sagt er nun, «ich weiss auch nicht, wohin mich meine Reise tatsächlich geführt hätte. Und doch ist es offensichtlich, dass die Knie mich ausbremsten. Mein Körper schien nicht geschaffen zu sein für den Leistungssport.»
In der U21 des FC Zürich platzt schliesslich der Traum vom Profivertrag. Ihm wird eröffnet, dass er keine Perspektive bei den Profis hat. Er selber weiss auch, dass es keinen Sinn machen würde, etwas zu erzwingen. Aber der Entscheid trifft ihn hart, er tut sich schwer damit, ihn zu akzeptieren: «Es war mental sehr schwierig für mich. Es dauerte mehrere Monate, bis ich mich damit abgefunden hatte, dass ich eine Karriere auf höchstem Niveau vergessen kann.»
Nach dem geplatzten Traum
Er sieht ehemalige Teamkollegen wie Nico Elvedi, der in Mönchengladbach einen Vertrag erhält, oder Saidy Janko, der Erfahrungen in mehreren Ligen Europas sammelt und mit YB schon zweimal Meister geworden ist. Oder er verfolgt interessiert den Weg von Berat Djimsiti. Mit dem ehemaligen FCZler, der es bei Atalanta Bergamo zum Stammspieler und Captain gebracht hat, besuchte er einst die United school of sports in Zürich.
Bei allem Bedauern über die verpasste Profi-Laufbahn will sich Diego Zoller aber nicht vom Fussball abwenden. Schwimmen oder Velofahren wären für seine lädierten Knie zwar besser, aber er denkt sich: «Wenn ich den Trainingsumfang dosiere und auf Amateurebene weitermache, klappt das schon.»
Zoller, der sich im offensiven Zentrum am wohlsten fühlt, wechselt zum SC Cham in die Promotion League, kehrt zu Wettswil-Bonstetten zurück. Von da gehts nach Zug, weiter zu Kosova und über Muri zum FC Thalwil.
Dort trifft er einen alten Weggefährten: Artur Petrosyan. Der frühere armenische Nationalspieler, einst auch beim FC Zürich und YB unter Vertrag, wird zum zweiten Mal nach der Zeit in der U18 des FCZ sein Trainer. Zoller schätzt Petrosyan – und umgekehrt ist es auch der Fall. «Er war einer der besten Fussballer seines Jahrgangs. Wären seine Knieprobleme nicht gewesen, hätte ich ihm eine schöne Karriere zugetraut.»
Für Petrosyan war Diego Zoller sportlich ein Talent – und er fand sich mit ihm auf menschlicher Ebene stets bestens zurecht. «Er ist ein feiner Typ, der den Fussball liebt. Mit ihm arbeitete ich einfach gerne zusammen.»
Sein Kumpel lotst ihn zum FCG
Für Zoller ist das, was einst sein Beruf werden sollte, längst ein Hobby. Nun also macht der gelernte Kaufmann und heutige Key Account Manager beim FC Gossau weiter, was vor allem mit einem engen Freund zu tun hat. Fabio De Nunzio ist Assistenztrainer der ersten Mannschaft, bei Bedarf hilft er auch als Spieler aus. Und De Nunzio machte Zoller den FCG «schmackhaft», indem er ihm von der familiären Ambiance berichtete.

«Tatsächlich herrscht im Verein eine Atmosphäre, die mir gefällt», sagt Zoller. «Wenn der Spass da ist und im Team ein guter Spirit herrscht, kann man sich als Kollektiv gegen individuell besser besetzte Mannschaften durchsetzen.»
Und wie steht es um seine physische Verfassung? Lassen die Knie Einsätze überhaupt zu? «Nach einem Match am Samstag kann ich eine Wanderung am Sonntag zwar vergessen», antwortet er, «aber deswegen höre ich sicher nicht auf. Im Gegenteil. Schlimmer wäre es, wenn ich mich gar nicht bewegen würde.» Und: «Ich habe gelernt, mit Schmerzen umzugehen, und weiss, dass ich vor einem Training oder Match mehr Zeit ins Aufwärmen investieren muss.»
Eines ist immer noch gleich wie früher: Zoller kann Niederlagen nur schwer ertragen. Das wird auch in der 2. Liga so sein. Also will er alles daransetzen, dass er mit Gossau eine erfolgreiche Saison erlebt. Sein ehemaliger Trainer Artur Petrosyan geht schon einmal davon aus, dass es an Diego Zoller nicht scheitern wird: «Er wird seine Tore erzielen, keine Frage.»
Mit ganz viel Power in der Offensive
In den letzten fünf Saisons klassierte sich der FC Gossau stets in den Top 5 der Gruppe 2. Zuletzt wurden die Oberländer sogar Dritte. Es spricht also einiges für die nächste Spitzenplatzierung. Zumal es im Kader nur marginale Veränderungen gab. Dazu kommt: Im Verlauf des Herbsts werden einige Langzeitverletzte zurückkehren. Und: Diego Zoller (von Thalwil), der einzige externe Neue, dürfte dem Team zusätzliche Qualität geben. Gerade ganz vorne scheint der FCG luxuriös besetzt. Mit Riley Christen (zuletzt 12 Saisontore), den wieder genesenen Mario Limata, Yves Sanchez und dem erwähnten Zoller. Trotz dieser vielversprechenden Grundvoraussetzungen gibt sich Trainer Andreas Häsler eher defensiv. «Das Ziel ist jede Saison dasselbe. Mindestens 20 Punkte nach der Vorrunde. Und dann vorne ein Wörtchen mitreden.» Er nennt Veltheim und Seuzach als erste Kandidaten für einen Spitzenplatz. Einiges traut Häsler zudem Glattbrugg zu. Er sagt: «Es deutet wieder vieles auf eine ausgeglichene Meisterschaft hin.» (dsc)
