Er ist auch an der Seitenlinie ein Schlitzohr
Trainer des FC Brüttisellen-Dietlikon
Zahir Idrizi hat sich auch als Coach seine spitzbübisch-selbstbewusste Art bewahrt. Und ist damit beim FC Brüttisellen-Dietlikon erfolgreich.
Trainer? Nein, das hätte er sich vor einiger Zeit nicht vorstellen können. «Vielleicht Sportchef oder Spielerberater», sagt Zahir Idrizi.
Seit einem Jahr ist er allerdings erstmals Cheftrainer – und hat mit dem FC Brüttisellen-Dietlikon gleich den Aufstieg in die 2. Liga geschafft. Es ist ein beachtlicher Erfolg, wäre der FCB doch davor beinahe in die 4. Liga abgestürzt.
Für die Vereinsverantwortlichen, die bis anhin weitgehend auf erfahrene Trainer gesetzt hatten, ist es Warnsignal genug, um einen neuen Weg einzuschlagen. Mit Idrizi. Der 38-Jährige wohnt schon lange in der Gemeinde – und lief im Herbst seiner Karriere als Spieler auch noch zweimal für Brüttisellen auf (2015, 2020/2021).
Erste Erfahrungen in einer neuer Rolle sammelte er zuvor beim Nachbarn Dübendorf, wo er zwei Saisons als Trainerassistent wirkte.
Klubwechsel à go go
Walter Remy, der Leiter Aktive, spricht dennoch von einem gewissen Wagnis. Mit gutem Grund. Dafür reicht ein Blick auf die Vita von Idrizi. Insgesamt 26 (!) Klubwechsel sind es laut der Statistik des Schweizerischen Fussballverbands. Wenn er also irgendwo mehr als ein Jahr dasselbe Trikot trug, war dies schon eine gefühlte halbe Ewigkeit.
Und dieser Fussball-Söldner sollte also das Team wieder stabilisieren? Ja. Brüttisellen findet unter seiner Regie schnell wieder in die Spur. «Mit Platz 1, damit hatte ich aber wirklich nicht gerechnet», sagt Remy.
Auffällig ist hierbei nicht nur Idrizis guter Draht zu den Spielern. Sondern auch seine Akribie, sein Auge auf die Disziplin der Spieler und das Interesse für den Gesamtverein. Beispielsweise, indem er die Spiele der zweiten Mannschaft und der A-Junioren besucht. «Es sind die Dinge neben dem Feld, die mich überrascht haben», sagt Remy.
Nur, wie kam es zu diesem Rollenwechsel – vom eher trainingsfaulen, aber listig-flinken Stürmer an die Seitenlinie? «Die ersten Gedanken kamen in der verkürzten Corona-Saison. Mir fehlte zunehmend die Fitness. Die Luft war draussen», erinnert sich Idrizi.
Da kam die Anfrage des damaligen Dübendorf-Coaches Luca Ferricchio zum richtigen Zeitpunkt. Mit ihm hatte er einst, auf einer seiner unzähligen Stationen, zusammengespielt. Das Gespann harmonierte – und der Lohn folgte im Juni 2023 mit dem Aufstieg in die 2. Liga interregional. Dann trennten sich ihre Wege. Ferricchio heuerte in Muri an, Idrizi übernahm bei Brüttisellen die Verantwortung.
Mehr als ein Assistent beim FCD
Dass Idrizi beim FCD weit mehr als ein gängiger Assistent war, der das Aufwärmen leitete und ein paar Hütchen von A nach B verschob, liegt auf der Hand. «Ich wollte Einfluss haben. Auch wenn Luca am Ende die Entscheidungen fällen musste», sagt er.
Ein offenes Geheimnis ist auch, dass der gut vernetzte Idrizi der Türöffner beim einen oder anderen Spielertransfer war, wodurch letztlich der Sprung in die Interregio möglich wurde.
Auch als Trainer hat er sich seine spitzbübisch-selbstbewusste Art bewahrt. Sie zeichnete ihn schon als Stürmer aus, wo er es bis in die Challenge League schaffte. Idrizi war Profi bei Gossau SG, Wohlen, Le Mont und Schaffhausen.
Der grosse Durchbruch blieb ihm aber trotz 21 Toren in 71 Meisterschaftspartien auf zweithöchster Stufe verwehrt. Bei Wohlen gelang Idrizi in einem Spiel nach 15 Sekunden ein Treffer, der heute noch zu den schnellsten in der Challenge League zählt.
Und trotzdem zog er beim FC Schaffhausen im Sommer 2010 nach vier Ligaspielen einen plötzlichen Schlussstrich unter seine Profikarriere, weil Trainer René Weiler einen frisch verpflichteten Spieler ihm vorzog. «Ich habe nie eine faire Chance erhalten», findet Idrizi.
Der heutige Servette-Sportchef Weiler ist nicht der einzige bekannte Trainer, unter dem er spielte – und mit dem er zuweilen haderte. Bleibend in Erinnerung sind ihm ohnehin die wenigsten geblieben. Er will es anders, besser machen – und die Stärken der Spieler fördern. «Mutig auch als Trainer sein», ist sein Credo.

Überhaupt ist sein Selbstverständnis auffällig – mit Sätzen wie: «Ich wäre auch heute mit meinen Qualitäten ein begehrter Stürmer.»
Tatsächlich ist sein sportlicher Weg aussergewöhnlich. Idrizi kommt mit seiner Familie wegen des Kosovokriegs als Elfjähriger in die Schweiz. Er schliesst sich vorerst dem damaligen FC Oerlikon an und debütiert schon als Teenager bei YF Juventus in der 1. Liga.
Idrizi ist über viele Jahre ein umworbener Torjäger im gehobenen Amateurfussball. Und nach eigenen Angaben ein knallharter Verhandler. «Ihr wisst, ich mache den Unterschied aus. Und Qualität hat seinen Preis», pflegt er in den Gesprächen mit den Vereinen zu sagen.
Stimmen die Konditionen für ihn, fährt er dafür auch über die Kantonsgrenzen. Und so läuft Idrizi beispielsweise für Langenthal, Linth 04 oder Ibach auf. Obwohl er schon da in Brüttisellen lebt.
Mit der Familie im selben Block
Beruflich ist Idrizi lange als Pöstler in der eigenen Gemeinde unterwegs. Doch auch in diesem Bereich kann er sich dank dem Fussball verändern, als ihm ein Assistenztrainer mit dem Wechsel in sein Team einen neuen Job vermittelt.
Seither arbeitet er als Monteur für Sensoren bei einer grossen Messtechnik-Firma in Wülflingen. «Der Lohn stimmt. Ich habe einen kurzen Anfahrtsweg und geregelte Arbeitszeiten», sagt er. So bleibt ihm genügend Zeit für den Fussball und natürlich seine Familie. Der Vater eines siebenjährigen Sohnes lebt im selben Wohnblock wie seine Eltern – und zwei seiner drei Brüder. Dass sie eine enge Beziehung zueinander haben, ist selbsterklärend.
Auf dem Lindenbuck wird er in der neuen Saison sogar noch öfters präsent sein. Sein Sohn Yll (zu Deutsch: Stern) beginnt im FCB zu spielen. Idrizi sagt: «Ich habe den Verein gern.» Der Fussball-Söldner scheint nach den Wanderjahren sesshaft geworden zu sein.
Ersatz für den weggezogenen Topskorer geholt
31 der 73 Tore in der letzten Saison hat Antonio Kaba Mangrei erzielt. Der Angreifer schoss also den FC Brüttisellen-Dietlikon quasi im Alleingang in die 2. Liga. Nur: Jetzt ist Kaba Mangrei zu Höngg in die 1. Liga gezogen. Ein Grund zur Besorgnis oder um zu Hadern? Mitnichten. Trainer Zahir Idrizi sagt: «Wir wollen auch in der 2. Liga überraschen.» Im personellen Bereich lassen sich die Brüttiseller tatsächlich nicht lumpen. Auch wenn Rückkehrer Arbin Adili (von Muri) nach einer weiteren schweren Knieverletzung lange ausfällt. Ebenso ein Altbekannter ist Joâo Miguel Pereira (Freienbach), der beim FCB gross wurde, in den letzten Jahren aber von Klub zu Klub tingelte. An Pereiras Seite stürmen wird neu der langjährige Ustermer Denis Dzepo, der eine Saison lang für Dübendorf auflief – und in den letzten Jahren stets für eine zweistellige Torquote gut war. Fürs Mittelfeld konnte ausserdem Albert Buqaj von Erstligist Kosova dazu gewonnen werden. Brüttisellen scheint damit gut gerüstet. (dsc)
