So will er am Tag X in Paris bereit sein
Djakovics Olympia-Vorbereitung
Als einer der ersten Schweizer hatte Antonio Djakovic das Olympia-Ticket auf sicher. Einblicke in seine Vorbereitung.
Viel mehr Planungssicherheit geht kaum: Am 23. Juli 2023 schwamm Antonio Djakovic an der WM in Japan die 400 m Crawl in 3:44,22 Minuten und unterbot die Olympia-Limite komfortabel. Das brachte ihm einerseits den sechsten WM-Rang ein, andererseits aber auch das Bewusstsein, fix mit den Sommerspielen in Paris planen zu können – als einer der ersten Schweizer.
Eine luxuriöse Situation also für das Aushängeschild des SC Uster, wenn man bedenkt, dass die Qualifikationsphase bis vor knapp einem Monat dauerte.
Wer nun aber glaubt, dass die erreichte Limite auch gleichzusetzen ist mit dem Start der Olympia-Vorbereitung für Djakovic, der kennt seinen Trainer Pablo Kutscher nicht. Er hält nichts davon, ein Jahr oder noch länger den Fokus auf ein Ziel zu richten. «Es gibt Leute, die sprechen davon, einen Wettkampf vier Jahre lang vorzubereiten. Meiner Meinung nach ist das gerade mit jungen Menschen unmöglich.»
Die Ausgangslage: Pläne sind zum Ändern da
Um die Gedankengänge hinter dem Vorbereitungsplan zu verstehen, muss man aber doch weiter zurückblättern. Tokio 2021 waren die ersten Olympischen Sommerspiele von Djakovic, er war damals 17 Jahre alt – der Jüngste in der gesamten Schweizer Delegation – und laut Trainer Pablo Kutscher «ein Teenager, den es nicht interessierte, neben welchen grossen Namen er da schwimmt». Djakovic selber sagt: «Ich ging ohne Erwartungen da hin, es ging darum, Erfahrungen zu sammeln.»
Ein Jahr später, als 18-Jähriger, holte er in Rom zweimal EM-Silber. «Danach war er nicht mehr so leichtfüssig unterwegs», sagt Kutscher. Wegen des Erfolgs, der automatisch Druck mit sich bringt.
«Niemand hat es ausgesprochen, aber wenn du zweifacher Vize-Europameister bist, 18 Jahre alt, in zwei Jahren sind Olympische Spiele und du bist gerade Zeiten geschwommen, die gut gewesen wären für das Finale in Tokio – dann weiss man, wohin die Reise geht.» Dazu kommt der Reifeprozess, den ein Teenager ohnehin durchläuft – mit Lehrabschluss, dem Sich-Lösen von zu Hause und allem, was dazugehört. Darum sagt Kutscher: «Die letzten zwei Jahre waren punkto Vorbereitung sicher nicht so, wie man sie mit einem 25-jährigen gestandenen Mann gemacht hätte.»
Der Startschuss: Vom Holzweg zu den harten Trainings
Am Ende blieben Fragezeichen – und sie sind auch jetzt noch nicht ganz weg. Die WM in Doha im Februar verlief für Djakovic enttäuschend, er war gesundheitlich etwas angeschlagen, aber Kutscher will das nicht als Ausrede gelten lassen. «Der Fehler war vielleicht, dass ich nicht rechtzeitig gesagt habe: Mach mal eine Woche Pause. Egal, ob bald WM ist.»
Dennoch war die WM quasi der Startschuss zur Olympia-Vorbereitung – und zu einer Phase harter Arbeit. Dabei ging es darum, die maximale Sauerstoffaufnahmefähigkeit zu erhöhen, «VO2max» nennt man diesen Wert, der im Schwimmen eine grosse Rolle spielt. Über drei Monate lang standen deshalb alle paar Tage extrem harte Trainings auf dem Programm mit einer sehr hohen Intensität über längere Zeit. Die Einheiten gehen über mehrere Kilometer – allerdings nicht am Stück, sondern aufgeteilt in Serien von Sprints mit nur sehr kurzen Erholungsphasen. «Es geht darum, mit der Sauerstoffschuld zu arbeiten», sagt Kutscher. «Das ist sehr hart und sehr fordernd, auch mental. Aber Antonio ist ein Typ, der das braucht.»

Djakovic bereitet sich auf solche Einheiten vor wie auf einen Wettkampf. Er sagt: «Ich liebte diese Trainings von Anfang an. Sie helfen mir, damit ich im Rennen auch dann durchhalten kann, wenn es weh tut. Ich habe den Schmerz von Beginn weg akzeptiert.»
Alle vier bis fünf Tage stand im Schnitt so ein Training an – unterbrochen von Pausen oder auch von den Europameisterschaften. Auf sie bereitete sich Djakovic zwar nicht spezifisch vor, doch Kutscher baute einen sogenannten Drop Taper ein, eine kurze Erholungsphase. Die EM sollte eine Formüberprüfung sein. Dass gleich zwei Bronzemedaillen resultierten, war so nicht geplant. Als ein «sehr gutes Zeichen, dass wir auf einem guten Weg sind», deutete nicht nur Djakovic diese Erfolge.
Das Finetuning: Technik und Detailfragen
Die harte Trainingsphase endete mit den Schweizer Meisterschaften vom vergangenen Wochenende. Nun ist Djakovic seit Montag im Pre-Camp in Paris – und dort geht es nicht mehr um ein hohes Volumen, sondern um die Feinarbeit. Technische Fragen vernachlässigte Kutscher auch davor nicht, er sagt: «Seine Stärke ist die Technik – das müssen wir nutzen, und deswegen arbeiten wir auch immer wieder daran.» Nun aber geht es auch um ganz konkrete Detailfragen, die sich für diese 400 m Crawl stellen. Wie teilt er diese ein? Mit welcher Frequenz nimmt er sie in Angriff? Wann soll er vor der Wende zuletzt atmen? Es sind Dinge, die schon unzählige Male besprochen wurden. «Er weiss es, und ich weiss es auch», sagt Kutscher. «Aber trotzdem gehen wir das alles noch einmal durch.»
Was aussergewöhnlich ist in dieser Phase: Kutscher betreut Djakovic exklusiv und nicht mehr in einer Gruppe wie daheim in Uster. Und er kann viel gezielter auf den Athleten eingehen, vor allem in der mental wichtigen Phase, kurz bevor es ernst gilt. Worum es da geht, weiss der Coach: «Antonio ist schon in den Tagen vor dem Rennen wie ein Pferd, das in den Startlöchern steht und nur darauf wartet, dass die Klappe aufgeht. Ihn muss man bremsen.» Ablenkung ist gefragt – beispielsweise mit Gesprächen, die sich nicht ums Schwimmen drehen. Djakovic vermutet, dass die Nervosität nun grösser sein wird als vor drei Jahren in Tokio. «Denn das Ziel ist auch grösser und die Konkurrenz ist schneller und stärker geworden.»
Der Tag X: Mit Flexibilität, aber ohne Haare
Bald ist er da, dieser Tag X, der 27. Juli, den Kutscher immer nur als «den Samstag» bezeichnet. Aus eigener Erfahrung weiss der Coach: Da geht es auch um Flexibilität. Als Beispiel nennt er den Transport: Theoretisch dauert die Fahrt von der Unterkunft ins Schwimmcenter 30 Minuten, Kutscher stellt Djakovic und sich selber aber jetzt schon darauf ein, dass es auch eine Stunde dauern könnte. Und das nicht nur einmal am Wettkampftag: Der Vorlauf steht um 11 Uhr an, der Final, den Djakovic anpeilt, um 20.42 Uhr. «Da ist die Reisezeit nicht zu unterschätzen», sagt Kutscher.
Flexibilität dürfte am Wettkampftag also gefragt sein – Haare sind dann dafür out. Für Schwimmer ist die Rasur des Körpers wichtig – dass dies Leistungsvorteile bringt, wurde in Studien schon belegt. An der EM reizte Djakovic dies noch nicht voll aus – da trug er etwa noch einen Schnauz. «Wenn die Gegner sehen, dass einer mit Schnauz und unrasierten Armen und unrasiertem Oberkörper so eine Zeit schwimmt, sind das auch Psychospielchen», sagt Kutscher. «Es geht auch um das Mentale», sagt Djakovic. «Mein Fokus galt ja nicht der EM, also rasierte ich mich nicht entsprechend. An den Spielen wird aber alles weg sein», sagt er. Es ist eins der vielen Details, die ihm zum Finaleinzug verhelfen sollen. Was es dafür im Wettkampf selber braucht, weiss er: «Ich muss an meiner Bestzeit kratzen. Wenn ich das schaffe, werde ich im Final stehen.»
