«Er ist ein Kämpfer, so kennen wir ihn»
Ustermer Schwimmtrainer im Interview
Pablo Kutscher, Trainer beim Schwimmclub Uster, spricht über die EM-Medaillen von Antonio Djakovic und ordnet die Leistungen der weiteren Ustermer EM-Starter ein.
Für Aussenstehende kamen die beiden Bronzemedaillen von Antonio Djakovic an den Europameisterschaften in Belgrad völlig überraschend. Schliesslich gilt der Fokus des Aushängeschilds des SC Uster den Olympischen Sommerspielen in Paris, die am 26. Juli beginnen. Pablo Kutscher, Trainer beim SC Uster sowie beim Schwimmverband ordnet die Erfolg ein – und analysiert die Auftritte der weiteren Ustermer EM-Starter.
Pablo Kutscher, wie überraschend kamen die EM-Medaillen von Antonio Djakovic für Sie?
Pablo Kutscher: Ich hatte im Vorfeld Fragezeichen, denn man muss sehen: Die EM fand fünf Wochen vor den Olympischen Spielen, und alle haben sich zur Vorbereitung eine eigene Taktik zurechtgelegt. Die einen haben die EM genutzt um Selbstvertrauen zu tanken, und schwammen Topzeiten. Andere haben während der EM voll trainiert. Wieder andere waren gar nicht da – die Italiener hatten ihre Olympia-Trials gleichzeitig. Für Antonio war es eine Formüberprüfung aus dem Training heraus. Im Vorfeld hätte ich gesagt: Kommt er in den Final, ist es gut. Und wenn er im Final ist, ist er ein Kämpfer, so kennen wir ihn.
Aber gerechnet hatten Sie nicht mit diesen Medaillen?
Über 200 m Crawl war er überraschend schnell. Ich hatte überhaupt nicht damit gerechnet, dass er zu diesem Zeitpunkt eine solche Zeit schwimmen kann, und auch nicht mit einer vorderen Platzierung. Danach konnte man natürlich darauf spekulieren, dass es über 400 m Crawl auch so nach vorne geht, schliesslich ist das seine Paradestrecke.
Und wenn Djakovic den Fokus voll auf die EM gelegt hätte, hätte er dann statt Bronze jeweils Gold gewonnen?
Nein, er wäre zweimal Zweiter geworden. Der Rumäne David Popovici hat über 200 m Crawl die drittbeste Performance aller Zeiten hingelegt – diese Zeit ist für Antonio noch ausser Reichweite. Dasselbe gilt für den Moment über 400 m Crawl für die Zeit von Felix Auböck. Diese kann Antonio in Paris erreichen, wenn er an sein absolutes Maximum herankommt.
Was bedeutet das im Hinblick auf die Olympischen Spiele?
Wir sind gut im Plan – nicht mehr und nicht weniger. Was man aber sagen muss: In Paris muss für einen Finalplatz einfach alles passen, jede Kleinigkeit. Ausgerechnet auf den Strecken von Antonio ist die Konkurrenz brutal, die Leistungsdichte sehr hoch. Da gibt es 20 bis 25 Schwimmer, die für Finalplätze gut sind. Es werden Hundertstel entscheiden. Es klingt wie ein Klischee, aber: Da entscheidet absolut die Tagesform.

Für Antonios 18-jährige Schwester Vanna war es die erste Elite-EM. Der sechste Rang über 400 m Crawl sticht heraus – wie lautet Ihr Urteil?
Ihre Entwicklung macht Freude, sie hat tolle Bestzeiten erzielt. Aber man muss auch ehrlich sagen: Die Platzierungen täuschen ein wenig über das Niveau hinweg. Es haben einige Leistungsträgerinnen gefehlt. Was aber nicht heisst, dass ihr Resultat weniger wert ist. Sie hat das Maximum erreicht – und sie hat geliefert, als es drauf an kam. Das kann nicht jeder. Sie schwimmt mit etwas Glück ins Finale und hat eigentlich keine Chance mehr nach vorne. Und dann explodiert sie. Das ist ein super Zeichen.
Eine persönliche Bestzeit hat auch Gian-Luca Gartmann im Halbfinal über 200 m Lagen erzielt – er verpasste den Final als 9. denkbar knapp.
Er ist förmlich explodiert. Klar ist es «nur» ein 9. Rang, aber mit einer Superzeit. Mit 21 Jahren ist er eine Zeit geschwommen die vergleichbar ist mit jener von Jérémy Desplanches, als er im selben Alter war. Und man muss auch sehen: Wir reden in der Schweiz erst seit den Leistungen von Desplanches und Maria Ugolkova vor einigen Jahren wieder von Medaillen und Finalrängen.
Olympia ist für Gartmann kein Thema. Wie sieht es bei der Österreicherin Lena Kreundl aus, die ebenfalls für den SC Uster schwimmt? Hat sie noch eine Chance?
Lena hat eine gute EM hinter sich, sie war vor allem über 100 m Crawl sehr stark und hat Bestzeiten geschwommen. Allerdings hat sie die Olympia-Limite nicht geschafft und ist deshalb in der gleichen Situation wie Lisa Mamié in der Schweiz – sie kann über die Universality-Regel zur Selektion vorgeschlagen werden, weil keine andere Österreicherin die Limite erreicht hat. Ich bin zuversichtlich für sie, dass dies passieren wird.
