Wie ein Metzgersohn zur Lauflegende wurde
Markus Ryffel
Vor 40 Jahren gewinnt der Ustermer Olympiasilber über 5000 Meter, schreibt Sportgeschichte und wird zum Lauf-Pionier. Am Donnerstag allerdings endete für ihn eine Ära.
Er tut es mit der ihm ganz eigenen Leidenschaft und Überzeugung: zeigt einer Zürcher Gruppe die Finessen des Nordic Walking vom Bürkliplatz hinauf in den Lindenhof; bietet Kindern in seinem Heimatort Uster einen Nachwuchslauf; führt im Prime Tower Workshops für den Greifenseelauf durch; begleitet Kunden an den Boston Marathon; hält vor dem GP Bern Referate; kommentiert dann den erstmals auf Blue TV übertragenen Grossanlass; promotet den Schweizer Frauenlauf und bereitet seit Donnerstag Läuferinnen in Valbella auf ihren ersten Halbmarathon vor.
Das Tempo ist hoch, noch immer. Es ist die Pace von Markus Ryffel, den ein Kollege einst als «Lebensläufer» bezeichnete.
Er hätte es nicht besser treffen können. Obige Liste ist ziemlich unvollständig, denn Ryffel findet stets noch ein Vorher, Dazwischen oder Nachher. Es kommt vor, dass er von einem «Hamsterrad» redet und sich an seine schöne Idee erinnert, dass er eigentlich ein wenig kürzertreten könnte.
Ryffel ist 69 und 40 Jahre nach seinem Olympiacoup omnipräsent in den Medien. Als Unternehmer, als Organisator, als Laufcoach, dies erst recht, seit die Selbstoptimierung nicht mehr nur ein Trend ist. Seine Ratschläge reichen jedoch weit über «Warum und wie laufen?» hinaus. Ryffels Anliegen waren schon immer die Gesundheit und das Wohlbefinden der Breitensportler, kurz: dass die Menschen aus ihren Wohnungen und Büros herauskommen. Einer seiner liebsten Sprüche: «Das Stadion Natur hat 24 Stunden geöffnet und Gratiseintritt.»

40 Jahre also, seit er im Sommer 1984 für eine Sternstunde in der Schweizer Leichtathletik sorgte und seine lange und erfolgreiche Karriere auf sensationelle Weise krönte. Die Silbermedaille, die Ryffel an den Olympischen Spielen in Los Angeles über 5000 Meter gewann, war die erste eines Schweizer Läufers nach 60 Jahren – und es ist bis heute die letzte. Die Zeit von 13:07,54 Minuten, die er im feuchtheissen «Rennen der Superlative» erzielte, wie diese Redaktion damals schrieb, war die fünftbeste je.
Der 11. August, der Tag des Finals, ist heute für Ryffel dennoch kein spezieller Tag. «Für mich ist es Mitte August passiert», sagt er. Viele Details sind ihm geblieben, als hätte der Wettkampf im riesigen Coliseum mit 120’000 Zuschauerinnen und Zuschauern vergangene Woche stattgefunden. «Klar, Zweiter hinter Saïd Aouita, ich war im siebten Himmel, am Ziel meiner Träume, ich hatte die Medaille, die eigentlich schon 1980 in Moskau möglich gewesen wäre, als ich Fünfter geworden war.» Er schmunzelt, weil er sich auch sehr gut an seinen ersten Gratulanten erinnert. «Jacky Delapierre, der Meetingdirektor von Athletissima, hatte damals einen Job bei Swiss Timing, dem Zeitnehmer. Er stand bei der Ziellinie im Rasen und nahm mich quasi in Empfang.»
Nicht nur euphorisch, auch sehr gefasst
Ryffel, der von 1977 bis 1984 sechs Medaillen an internationalen Meisterschaften gewann, setzte im Schweizer Laufsport neue Massstäbe. Er sagt, er sei aber nicht nur euphorisch gewesen nach seinem Triumph, «ich war auch sehr gefasst. Das hatte vor allem mit der WM im Vorjahr zu tun, als ich nur Zwölfter geworden war.» Helsinki sei für ihn eine grosse Enttäuschung gewesen – und auch für die Medien. «Meine Aktien standen bei null, ich betrieb den Aufwand eines Profis, lebte aber monatlich von 1500 Franken und einem Zustupf der Sporthilfe.»
1976 wurde Ryffel als erst 21-Jähriger bereits für die Spiele in Montreal selektioniert. «Ich habe da vor allem Autogramme der Grossen gesammelt, vom neuseeländischen Olympiasieger John Walker, meinem Vorbild, und auch von Alberto Juantorena», sagt er und lacht. Doch Montreal sei auch die Wende gewesen. «Die anderen hatten einen Masseur, trainierten zweimal täglich, machten einen Mittagsschlaf – das wollte ich auch. Nachher arbeitete ich nur noch halbtags.»
Das Silber von 1984, seinen dritten Spielen, nennt er deshalb eine «Medaille der Erfahrung». Obwohl er sich vor dem Rennen im sogenannten Callroom, wo die Athleten auf ihren Einsatz warten, ganz gern noch von Walker habe beruhigen lassen. «John sass neben mir, er war mein Lehrmeister, er gab mir Sicherheit. Und als der grosse amerikanische Favorit Doug Padilla, ein Mormonenprediger, aufstand und begann, wie wild auf alle einzuschwatzen, meinte John nur: ‹Forget Padilla. Der ist viel zu nervös.› Dieser Moment mit John war wie eine Vater-Sohn-Situation.»
Das Rennen selber geriet dann völlig nach Ryffels Gusto: schnell und gleichmässig. Der Portugiese António Leitão ging als Leader in die letzte Runde, 300 Meter vor dem Ziel übernahm erwartungsgemäss Aouita die Führung – mit: Ryffel an den Fersen. Walker wurde schliesslich Achter. «Von ihm hatte ich gelernt, dass eine olympische Medaille aus einem ausgeklügelten Zusammenspiel aller Konditionsfaktoren, taktischer Raffinesse und mentalem Durchhaltewillen besteht.»
Triumph ohne Entdecker und Förderer
Nicht in der Olympiadelegation war damals Heinz Schild, sein persönlicher Trainer. Schild, der Gründer des Grand Prix Bern und des Jungfrau-Marathons, hatte einst das Potenzial des jungen Ryffel erkannt. Er überredete 1972 dessen Eltern, die in Uster eine Metzgerei und das Restaurant Traube betrieben, den Sohn nach Bern ziehen zu lassen. «Mein Vater hatte mir die Lehrstelle als Koch schon besorgt. Die vier Söhne sollten Koch, Metzger, Confiseur und Kaufmann werden. Ich wollte aber etwas anderes, wenn Sie so wollen: den sozialen Aufstieg, ich wollte hinaus in die olympische Welt. Heinz war mein Förderer, dank ihm konnte ich in Bern Schriftsetzer lernen.»
Ryffel schaffte beides. Den sportlichen und den sozialen Aufstieg. Er war später der erste Schweizer Leichtathlet, der vom Sport leben und sich daneben eine Existenz aufbauen konnte. Auch das hatte viel mit Schild zu tun, der seinen Athleten nicht nur laufen liess, sondern grossen Wert auf Kraft- und Koordinationstraining legte. Ryffel sollte sich für die langen, den Bewegungsapparat belastenden Läufe eine gewisse Robustheit zulegen. Und musste sich von seinen Kollegen deshalb Sprüche wie «Wotsch as Turnfescht?» anhören.
Schild war es auch, der Ryffel nach ein paar Jahren ins Ausland schickte. «Ich ging 1978 erstmals nach Auckland. Aus Neuseeland und vom führenden Trainer Arthur Lydiard wusste man, wie wichtig Ausdauer- und Krafttraining ist. In den 1970er-Jahren konnte man aber nicht schnell per E-Mail um Rat fragen, man musste dorthin gehen», sagt Ryffel. Er habe dabei auch die Nähe zu Walker, dem damaligen Weltstar, gesucht. In jenem Jahr wurde er auch zum Sportler des Jahres gewählt, nachdem er Hallen-Europameister geworden war und EM-Silber gewonnen hatte. Dass er noch vor dieser Ehrung nach Down Under flog, goutierte die Sportschweiz nicht sonderlich.
Befreiungsschlag vor der Silbermedaille
Ryffel sagt, das Laufen habe ihn gelehrt, den Weg nie zu verlieren. «Ich konnte kaum Englisch. Als ich nach Neuseeland kam, wäre ich fast wieder umgekehrt. Aber das Laufen hat mir geholfen, es gab mir sehr viel Selbstvertrauen, bis heute.» Insgesamt vier Winter legte er die Basis in Neuseeland, auch in jenem vor den Spielen in Los Angeles.
Zuvor war ihm, Bruder Urs und Freund Markus Bill das gelungen, was er noch heute als «Befreiungsschlag» bezeichnet. Sie gaben bekannt, dass sie ihr Hobby zum Beruf machen und 1984 in Bern ein Laufsportgeschäft eröffnen. «Es ging um meine berufliche Reintegration, ich wollte ja auch einmal eine Familie gründen. Die WM 1983 beschäftigte mich, und ich fragte mich: Schaffe ich es noch an die Spiele?» Seit ein paar Jahren schon boten sie Jogging-Workshops an, hatten 1980 den Greifenseelauf gegründet, Ryffel Running wurde zur Marke und sie in etlichen Bereichen Pioniere. Heute hat der jüngere Sohn Stephan mit dem Team «Markus Ryffel’s» das Erbe angetreten.
Seit bald 50 Jahren hat Ryffel im ehemaligen Weltklasseläufer Thomas Wessinghage einen Wegbegleiter. Einst Konkurrenten, waren sie bald Freunde. Kaum einer kennt den Schweizer so gut wie der Deutsche. Wessinghage sagt: «Markus ist der weltoffenste Mensch, den ich kenne. Er hat überall Neues gesucht, in Neuseeland, Australien, Kalifornien, Arizona. Er war immer bereit, von anderen zu lernen.»
Für Ryffel ging am Donnerstag eine fast 40-jährige Ära zu Ende, in der sich einige an seinem Schweizer Rekord abgearbeitet haben. Pierre Délèze, Christian Belz, Julien Wanders und Jonas Raess scheiterten, am Donnerstag in Oslo schaffte es Dominic Lobalu. Ryffel hatte im Vorfeld keine Zweifel. «Dominic kann nicht nur schnell laufen, sondern er besitzt die ganz spezielle Fähigkeit, im entscheidenden Moment seine Bestleistung abzurufen, dem Druck standzuhalten und die Mischung zwischen Können und Risiko zu finden.»

Und dann, natürlich, noch diese eine Frage, die in keinem Artikel über den Doyen des Laufsports in der Schweiz fehlen darf: «Laufen Sie eigentlich noch?» Es ist nicht wirklich eine Frage. Denn er ist über 200’000 Kilometer oder fünfmal um die Erde gelaufen. Er lacht und sagt: «Natürlich! Dreimal die Woche, insgesamt etwa 40 Kilometer.»
