«Er war wie ein Bruder – wieso muss ein Mensch so früh gehen?»
Marathonläufer des LC Uster
Erst läuft er schneller denn je, dann stirbt Freund Adrian Lehmann: Der Schweizer Rekordhalter Tadesse Abraham erlebt aufwühlende Tage. Vor dem Rücktritt plant er ein Schlussfurioso.
Tadesse Abraham, Sie sind 41, waren nie besser, haben nun zum 14. Mal den GP Bern bestritten: Was ist Ihr Rezept?
Tadesse Abraham: Ich liebe, was ich mache, und das war in jeder Altersstufe so. Was nicht nur für Sportler, sondern in jedem Beruf gilt: Wenn man etwas mit Lust und Interesse tut, macht man es auch gut. Mache ich etwas falsch, ist das für mich eine Erfahrung für die Zukunft. Deshalb bin ich immer besser geworden. So will ich auch die nächste Generation inspirieren.
Sie haben emotionale Wochen hinter sich, liefen im März in 2:05:01 Stunden Schweizer Rekord im Marathon und verloren später Ihren Freund Adrian Lehmann.
Ja, die Gefühle hätten nicht gegensätzlicher sein können. Da der Erfolg, die riesige Freude, und dann – wenn ich nur irgendein Wort über Ädu sage, wird ihm das nicht gerecht. Aber ich tue es trotzdem. Ädu war als Mensch perfekt. Er hat immer gelacht, war nie enttäuscht, immer optimistisch, immer hilfsbereit und hat alle unterstützt. Er hatte einen grossen Willen, grosse Ziele. Er war nicht nur ein Freund, er war für mich wie ein Bruder. Wir hatten eine enge Beziehung, fühlten uns im Herzen verbunden, wir haben ständig telefoniert.
Sie machen dasselbe, was Adrian Lehmann tat – laufen bei Höchstbelastung. Was hat sein Tod bei Ihnen ausgelöst?
Einen Schock. Ich werde das nie verstehen können. Wieso muss ein Mensch so früh gehen? Er war Sportler, er war gesund, dann muss er doch leben. Es hat mich sehr nachdenklich gestimmt – wann ist unsere Zeit? Wenn alles so plötzlich zu Ende sein kann, verliert man die Hoffnung. Eine gewisse Angst hat sich bei mir schon eingeschlichen.
Unabhängig davon planen Sie schon länger, Ihre Karriere im Dezember zu beenden. Wieso ist trotz Ihrer Leistungen Zeit für Neues?
Ich bin in der besten Form, seit ich 1998 Profiläufer geworden bin. Ich möchte mich auf dem Höhepunkt verabschieden. Noch kann ich selber bestimmen, wann ich aufhöre. Und nicht der Sport tut es.
Sie sind vor 20 Jahren in die Schweiz geflüchtet. Haben Sie sich je vorgestellt, dass Sie einst in die erweiterte Weltspitze aufsteigen könnten?
Nein, man muss realistisch sein, 2004 habe ich noch nicht an solches gedacht. Ich flüchtete aus Eritrea und hatte nichts. Ausser der Hoffnung, dass ich es mit harter Arbeit irgendwo hinbringen könnte. Das Selbstvertrauen hatte ich immer. Und physisch bin ich bevorteilt. Ich bin auch bei grossen Trainingsumfängen nicht anfällig für Verletzungen. Aber ich habe auch, je älter ich geworden bin, mehr in die Regeneration investiert. Das hat sich ausbezahlt – mit immer besseren Leistungen.
Die Entwicklung der Schuhtechnologie war jüngst enorm – inwiefern haben Sie davon profitiert?
Zuerst habe ich ein paar Jahre verloren. Von 2016 bis 2020 feierte Nike viele Erfolge mit seinem Karbonschuh, andere Marken wie Adidas, bei denen ich unter Vertrag war, zogen erst später nach. Und als ich 2021 eine Zusammenarbeit mit On einging, waren sie noch am Anfang der Entwicklung. Für mich aber war wichtig, dass es eine Schweizer Marke ist, ich konnte von Anfang an intensiv mitarbeiten. Sie glaubten an mich, sie gaben mir die Chance; für mich ist es eine Ehre. Und On hat sehr schnell sehr grosse Fortschritte gemacht.
Das Finale Ihrer Karriere ist angebrochen, Sie laufen in drei Wochen noch den Halbmarathon an der EM in Rom, den Olympiamarathon in Paris und einen weiteren Marathon im Herbst. Was spüren Sie – Druck, Wehmut?
Gar nichts von alledem, ich laufe wie sonst, mein letzter Marathon soll schnell sein. Und dann werde ich mich an den Weihnachtsläufen von meinen Fans verabschieden.

Mussten Sie in den letzten 25 Jahren auf etwas verzichten?
Ja, auf eine Ausbildung. Eine Lehre oder ein Studium, das wäre neben dem Vollprofitum für mich nicht möglich gewesen. Dann hätte ich wohl beides nicht richtig gemacht. Mein Kapital ist meine Karriere.
Sie möchten darüber hinaus im Sport bleiben? Wie sehr beschäftigen Sie Gedanken an die Zukunft?
Ich bin noch immer Vollprofi. Aber klar, manchmal denke ich schon darüber nach. Aber ich glaube, je besser ich meinen Job jetzt mache, desto eher geht dann irgendwo eine Tür auf.
Haben Sie Ideen?
Ich bin offen, noch gibt es nichts Konkretes. Eine Tätigkeit im Langstreckenbereich würde mich faszinieren. Ich habe Zeit, und ich gebe mir Zeit.
In Ihrem Bereich sind Sie jetzt top. Wären Sie bereit, in den nächsten Jahren weiter unten anzufangen?
Wenn ich zu Hause bleibe, haushalte und meine Frau arbeitet, dann bin ich auch top und dort der Chef. (lacht) Aber ich mag das Wort Chef nicht. Ich will einst mit allen gut zusammenarbeiten können, so, dass alle Freude haben. Und natürlich – ich will auch einmal Verantwortung übernehmen.

Wie sehr hilft Ihnen, dass Sie eine Familie mit einem zwölfjährigen Sohn haben und damit nicht nur in der Spitzensport-Welt leben?
Das hat in der Vergangenheit sehr geholfen und hilft auch jetzt. Damit bin ich mit dem Alltagsleben einer Familie konfrontiert. Aber ich muss auch ehrlich sein: Ich kann gar nicht zu hundert Prozent für die Familie da sein, dafür bin ich viel zu oft und viel zu lange in Trainingslagern. Da bin ich meiner Frau sehr dankbar, dass sie sich um alles kümmert und mir den Rücken freihält. Manchmal habe ich deswegen ein schlechtes Gewissen. Sie würde mir nie sagen, dass sie oder Elod (der Sohn – die Red.) krank ist, wenn ich unterwegs am Trainieren bin. Sie will mich nicht belasten. Das wiederum verpflichtet mich, so seriös wie nur möglich zu trainieren.
Was ist Ihnen zum Abschluss der Karriere wichtiger: im Herbst beim letzten Marathon Ihren Schweizer Rekord auf eine 2:04-Stunden-Zeit zu verbessern oder eine Toprangierung an den Olympischen Spielen zu erzielen?
Keine Frage! Zu 2:04 Stunden bin ich fähig, ich bin nur zwei Sekunden daneben gelandet, also schaffe ich das. Aber ein Topplatz in Paris? Das ist schwieriger, und deshalb ist es mir wichtiger. Die Leistungsdichte im Marathon ist enorm, wenn nur schon aus jedem afrikanischen Land die besten drei starten. Ich hätte eine Riesenfreude, wenn ich die Top Ten erreichen würde, in Rio war ich Siebter. Aber letztlich ist es auch wichtig, dass ich das Olympiarennen geniessen kann. Es ist mein letztes.