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Vor dem wichtigsten Rennen des Jahres sagt sie: «Ich kann jetzt in Ruhe schlafen»

Jeannine Gmelins besonderes Comeback im Doppelzweier: Die 33-jährige Ustermerin will sich auf dem Rotsee ein Olympia-Ticket holen.

Jeannine Gmelin musste sich noch einmal intensiv mit ihren Emotionen auseinandersetzen.

Foto: Keystone

Vor dem wichtigsten Rennen des Jahres sagt sie: «Ich kann jetzt in Ruhe schlafen»

Ustermer Ruderin

Marco Keller

Zehn Monate nach dem Tod ihres Coachs und Partners Robin Dowell gab Jeannine Gmelin den Rücktritt vom Rücktritt. Ab Sonntag rudert sie um ein Olympiaticket – gewonnen hat sie schon.

Sind Jeannine Gmelin und Nina Wettstein bereit für die Olympia-Qualifikationsregatta auf dem Rotsee? Die Antwort auf diese Frage ist deshalb so wichtig, weil es für die beiden die letzte Chance auf das Ticket für Paris ist.

Jeannine Gmelin sitzt in Sarnen vor einem Cappuccino und bejaht: «Wir sind bereit. Die Fortschritte, die wir in der kurzen Zeit gemacht haben, und wie wir zusammenarbeiten, machen extrem Freude. Wir hatten von Anfang an eine gute und starke Basis, sportlich und menschlich, und die Fortschritte haben diese noch stärker gemacht.»

Gross war die Überraschung, als Swiss Rowing Mitte März nach den internen Trials in Italien die Zusammensetzung der Boote für die neue Saison kommunizierte. Mit dem Duo Jeannine Gmelin/ Nina Wettstein im Doppelzweier hatte niemand gerechnet. Ausser der Tatsache, dass beide aus dem Kanton Zürich stammen, hatten sie keine Berührungspunkte gehabt.

Hier die 33-jährige Ustermerin, die in ihrer langen Karriere im Skiff und seit Jahren fernab der Verbandsstrukturen unterwegs war, dort die 25-jährige Wettstein, die es im vergangenen Jahr in kein Verbandsboot geschafft hatte. «Ich wusste, wer Nina ist, und sie hatte mich vor allem im TV gesehen. Das war alles», sagt Gmelin.

Mit dem Rudern noch nicht abgeschlossen

Für eine Überraschung hatte Jeannine Gmelin bereits im November 2023 gesorgt. Knapp zehn Monate nach ihrem Rücktritt aufgrund des tragischen Todes von Coach und Partner Robin Dowell, der bei einer Trainingsfahrt verstorben war, hatte sie mitgeteilt: Sie wolle die Olympischen Spiele ins Visier nehmen.

Gmelin ist äusserst reflektiert, und dieser Ankündigung war ein langer Prozess vorausgegangen: «Im März oder April merkte ich bereits, dass ich mit dem Rudern irgendwie noch nicht ganz abgeschlossen habe. Auf der einen Seite ist das normal, dass man etwas vermisst nach einer so langen Zeit. Gleichzeitig habe ich aber auch gewusst, dass ich aktuell gar nicht wieder hätte rudern können. Der Trauerprozess hat mich rausgenommen.»

Im Mai informierte sie Managerin Daniela Gisler erstmals über ihre Gedanken. Danach folgte eine Zeit mit mehreren aufwendigen Projekten – «die Gedanken an die Zukunft habe ich in dieser Zeit einfach mit mir rumgetragen».

Die Verabschiedung am Rotsee und auch das Verfolgen der Rennen als Zuschauerin hinterliessen aber ein seltsames Gefühl. Als sie mehr Zeit gehabt habe, habe der Entscheidungsfindungsprozess länger als erwartet gedauert: «Ich dachte: Ich setze mich hin, schreibe Pro und Kontra auf, und dann weiss ichs. Das war eine Illusion und etwas naiv.» Sie lacht.

In vier Phasen zur Comeback-Ankündigung

Wie immer sucht sie nach Lösungen. Und merkt: «Ich muss den Entscheid in verschiedene Phasen aufteilen.» Sie erstellt einen Viermonatsplan mit vier Phasen. In Phase 1 geht es darum, sich zehn Stunden pro Woche zu bewegen. Kann sie das noch? Will sie das noch? Als sie sieht, dass es gut geht und jedes Mal die Lust an der Bewegung obsiegt, geht sie weiter. Auch Phase 2 ist stimmig, sie schafft es nun, rund 80 Prozent der Anzahl Stunden vom Vollzeittrainingspensum zu absolvieren. Mehrheitlich nicht im Boot, sondern alternativ.

In Phase 3 geht es darum, ob sie wieder einen Trainingsplan einhalten kann, obwohl die Trauer nach dem Tod von Robin Dowell viel Volatilität im Leben mit sich bringt. Und in Phase 4 absolviert sie in den USA einen ersten Wettkampf überhaupt ohne Dowell – just for fun. Und verbunden mit den Fragen: «Wie fühlt sich das an? Kann ich mir das überhaupt vorstellen?»

Sie teilt ihre Gedanken nur mit ganz wenigen Personen. Das habe sich ausbezahlt: «Ich konnte unabhängig von anderen Einflüssen für mich entscheiden.» Ein wichtiger Faktor auch: der Wunsch, die Karriere nach den eigenen Bedingungen beenden zu können.

Die Erkenntnis an den Trials: Im Skiff ist es vorbei

Von der Comeback-Ankündigung bleiben vier Monate bis zu den Trials. Nun erhöht sie vor allem die Zeit im Ruderboot. Die Vorbereitung bestreitet sie ohne Coach. Zum ersten Mal ist sie gezwungen, allein herauszufinden, wie sie das Boot schnell machen kann.

Und sie muss sich auch noch einmal intensiv mit sich und ihren Emotionen auseinandersetzen. An den Trials kommt sie zum Schluss: Es ist fertig mit dem Einer. «Es war schön, als ich das realisiert hatte. Ich kann jetzt in Ruhe schlafen, das hat mir den inneren Frieden wiedergegeben.»

epa11306931 Nina Wettstein and Jeannine Gmelin of Switzerland react after they came in sixth in the final of women's double sculls competition at the European Rowing Championships in Szeged, Hungary, 28 April 2024.  EPA/Tamas Kovacs HUNGARY OUT
Neues Gespann: Jeannine Gmelin (l.) mit Nina Wettstein im Doppelzweier an der EM in Ungarn Ende April.

Mittlerweile hat sie mit Nina Wettstein zwei Regatten bestritten, an der EM in Ungarn belegten sie zuletzt Ende April Rang 6. Kein schlechtes Ergebnis, ihre Konkurrentinnen rudern meist schon seit Jahren zusammen. Auf dem Rotsee geht es um noch mehr. Sieben Boote wollen die beiden Olympiatickets, vier haben gemäss Gmelin realistische Chancen. «Wir wollen das Ticket holen. Falls das gelingt, würde ich mich extrem freuen.»

Eine «regatta of death», als die sie sogar der Weltverband in sehr unglücklicher Wortwahl bezeichnet, ist es sicher nicht. Vielmehr eine «regatta of opportunity», also eine grosse Chance.

Das Comeback, es hat sich für Jeannine Gmelin aber ohnehin gelohnt: «Was wir gemeinsam erleben durften und was ich mitnehmen werde, ist eine megacoole Erfahrung, ein toller Prozess und eine Zusammenarbeit, von der ich nicht gedacht hätte, dass ich sie noch einmal so intensiv finden werde. Das ist fast mehr wert als die Olympiateilnahme an sich.»

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