Verkantete Radmuttern statt WM-Punkte
Saubers Boxenmisere
Das Hinwiler Sauber-Team hofft vor dem GP von Japan auf ein Ende der Boxenstopp-Pannenserie. Doch die Vorzeichen sind nicht gut.
100,31 Sekunden. So lange stand Valtteri Bottas in den ersten drei Rennen der Saison schon an der Sauber-Box. Weltmeister Max Verstappen verbrachte in der ganzen letzten Saison 110,16 Sekunden mit Boxenstopps.
Der Vergleich illustriert gut, was die Ursache für den schwachen Saisonstart der Hinwiler ist, die noch immer ohne Punkte sind: Das Hauptproblem liegt nicht auf der Rennstrecke, sondern an der Box. Oder anders gesagt: Wie konkurrenzfähig der Sauber-Bolide im Rennen ist, weiss man vor dem GP von Japan noch gar nicht so genau – weil beim Reifenwechsel zu viel Zeit verloren geht.
Elf Boxenstopps absolvierte die Sauber-Crew heuer schon – und dreimal trat das gleiche Problem auf: Am linken Vorderrad verkantete sich die Radmutter auf der Nabe. Zweimal war Bottas betroffen, einmal Zhou, und die Boxenstopps dauerten statt der üblichen 2 bis 3 Sekunden zwischen 28 und 52 Sekunden. Ohne die Probleme wären WM-Punkte durchaus möglich gewesen. Als Bottas zuletzt in Australien erstmals an die Box fuhr, lag er auf Top-Ten-Kurs.
Verursacht werden die Probleme ausgerechnet von Teilen, die auf diese Saison hin neu entwickelt wurden, um die Boxenstopps zu verkürzen. Und erst glaubte man, alles würde wie geplant funktionieren. Schliesslich hatte sich weder bei den Vorsaisontests noch im Training eine Radmutter verkantet. Aber unter Rennbedingungen sind die Temperaturen höher – das ist offenbar der entscheidende Faktor.
Kommt die Lösung erst im Mai?
Auf das letztjährige Material zurückgreifen kann das Team nicht mehr, weil es nicht zur neu entwickelten Vorderradaufhängung passt. Es sind also noch einmal neue Teile gefragt.
Doch deren Produktion bei einem externen Lieferanten braucht ihre Zeit. Sauber-Renndirektor Xevi Pujolar liess nach dem GP von Australien bereits durchblicken, dass die neuen Teile für den GP von Japan von diesem Sonntag noch nicht bereit sind.
Laut Medienberichten soll es erst beim Europa-Auftakt Mitte Mai so weit sein. Die Boxencrew wird also noch mehrere Rennen lang besondere Vorsicht walten lassen müssen. «Wir haben einige Gegenmassnahmen ergriffen, aber die waren noch nicht effektiv genug», sagte Pujolar nach dem GP von Australien.

Gross war der Frust insbesondere bei Valtteri Bottas. «Ein 30-Sekunden-Boxenstopp ist nicht wirklich akzeptabel», sagte der Finne – im Bewusstsein, dass in Australien die Chance für Sauber so gut war wie noch nie in dieser Saison. Wegen Ausfällen der Konkurrenz einerseits, aber auch, weil der C44 im Renntrimm eine bessere Falle machte als in der Qualifikation.
Teamrepräsentant Alessandro Alunni Bravi sagt vor dem GP von Japan: «Wir hatten in Melbourne die Performance, um vor unseren direkten Konkurrenten zu sein.» In Suzuka kommen zudem weitere Updates ans Auto – was den Optimismus in Hinwil steigen lässt.
Am Ende aber helfen nur WM-Punkte. Neben Sauber haben einzig Alpine und Williams ebenfalls noch keinen Zähler gewonnen, während Haas und Racing Bulls das taten, was die Hinwiler eigentlich auch hätten tun wollen: zur Stelle sein, wenn jene fünf Teams patzen, die im Normalfall die Top Ten für sich beanspruchen.
Doch es gibt auch gute Nachrichten aus Hinwil. Der Rennstall, der seit März zu 100 Prozent Audi gehört, rekrutiert im Hinblick auf den Einstieg des deutschen Herstellers 2026 wacker Personal. Jüngster namhafter Neuzugang laut Medienberichten: Lee Stevenson, der Chefmechaniker von Max Verstappen, wechselt nach 18 Jahren bei Red Bull nun «ans andere Ende der Boxengasse», wie er auf Instagram sagt.
Vielleicht kann er kurzfristig Sauber mit seinem Know-how dabei helfen, das Risiko überlanger Boxenstopps zu minimieren, bis das neue Material da ist.
Übrigens: Um den Negativrekord punkto Boxenstopp-Länge zu brechen, müsste bei den Hinwilern noch einiges schieflaufen. Er gehört seit dem GP von Monaco 2021 Valtteri Bottas – respektive seinem damaligen Arbeitgeber Mercedes. Auch da klemmte eine Radmutter, und je länger die Mechaniker sie zu lösen versuchten, umso mehr nahm das Teil Schaden.
Bottas gab das Rennen nach mehr als einer Minute an der Box auf. Bis das Rad dann wirklich weg war, dauerte es aber insgesamt 43 Stunden.
