Der Gentleman, der aus der Reihe tanzen will
Tristan Geiger aus Volketswil
Für den Menschen ist Tanzen Leidenschaft, Gefühlsausdruck und Freiheit. Für den Volketswiler Tristan Geiger ist es ambitionierter Sport. Der Paartänzer will endlich Schweizer Meister werden.
Der Turnier- und Tanzsportklub Zürich (TTZ) gehört in der Schweiz gemäss eigener Deklaration zu den ältesten, renommiertesten und grössten seiner Art. Insofern sagt seine Homebase ein bisschen etwas über den Status aus, den der Sport hierzulande geniesst.
Von aussen wirkt die Tanzschule Dancers in den Gewerbehallen in Wallisellen maximal unscheinbar und versteckt. Eingeklemmt zwischen grauen Industriebetriebsbalken unten und den Fahrbahnen des Autobahndreiecks Zürich Ost oben, ist der Eingang für den Aussenstehenden nicht einfach zu finden.
Öffnet man die Tür, betritt man eine eigene, fast schon etwas nostalgisch anmutende Welt. Man wähnt sich in einem Klub der 1970er oder 1980er Jahre, wie man ihn aus bekannten Hollywood-Filmen kennt. Vom Feierabendverkehr, der gerade in seiner ganzen Unbarmherzigkeit über die Decke rollt, ist rein gar nichts zu spüren.
In einer der knapp zwei Dutzend Lounges, die rund um das riesige Parkett in der Mitte angeordnet sind, sitzt der Volketswiler Tristan Geiger neben seiner Tanzpartnerin Catherine Pisarenko. Er sagt: «Die Turniertanzszene ist hierzulande nicht sehr gross.» Und sie ergänzt: «Und leider schrumpft sie.»

Natürlich, der Sport hat in der Schweiz nie auf der ganz grossen Bühne getanzt. Dass er als Kontaktsport von Corona hart getroffen wurde und zwei Jahre lang auf Sparflamme kochte, hat ihm nicht geholfen. 288 Lizenzierte und total 782 Mitglieder listet der nationale Verband STSV für das Jahr 2022. Es ist eine kleine und dementsprechend verschworene Welt.
Der 23-jährige Geiger und die 25-jährige, mittlerweile in Uster wohnende Zugerin Pisarenko sind zwei ihrer bekannteren Exponenten. Das Duo gehört in der Klasse des lateinamerikanischen Tanzes zur Spitze und hat die Schweizer Meisterschaften 2020 im zweiten und 2023 im dritten Rang abgeschlossen. Als Teil des Elitekaders kommen die beiden in den Genuss der Förderprogramme, die der STSV als Mitglied von Swiss Olympic betreibt.
Am 5. Oktober werden die nationalen Titelkämpfe ihrer Kategorie hier in Wallisellen stattfinden. Ein Heimspiel also. Für Geiger ist klar: «Unser Ziel ist es, Schweizer Meister zu werden.» Es wäre der Höhepunkt ihrer Karriere, womöglich das Maximum, das sie realistischerweise erreichen können.
Dazu muss man wissen, dass der Tanzsport eine kostenintensive Angelegenheit ist. Man muss unter anderem für Turniere ins Ausland reisen, die Kleidung anschaffen und bei Bedarf auch internationale Trainer engagieren. Der Erfolg hängt letztlich auch vom Betrag ab, den man bereit ist, zu investieren. Umgekehrt gibt es an Preisgeldern national nichts und international wenig zu holen.
«Konservativ geschätzt, lege ich pro Jahr etwa 5000 Franken drauf», sagt Tristan Geiger. Wolle man sich wirklich reinknien, könnten es durchaus 20’000 Franken werden, ordnet seine Tanzpartnerin Pisarenko ein.
Beträge in dieser Grössenordnung sind für das Duo indessen Wunschdenken. Schliesslich befindet er sich gerade in der Ausbildung zum Physiotherapeuten und sie sich im Psychologie-Masterstudiengang an der Universität Zürich.
Mit 15 hat es ihm den Ärmel reingezogen
Wie so viele der erfolgreichen Athletinnen und Athleten hat Tristan Geiger schon früh seinen Fuss in die Tanzwelt gesetzt. Im Alter von nur sechs Jahren nimmt ihn sein Nachbar Oliver Baumann mit ins Training nach Wallisellen. Baumann, seinerseits sechsfacher Schweizer Meister im Standardtanz, Präsident des TTZ, Trainer und Chef des nationalen Nachwuchs- und Elite-Kaders, lässt ihn dort mit seiner Tochter tanzen.
Anfänglich ist es nur eine Einheit in der Woche, doch mit den zunehmenden Fortschritten und Erfolgen an Turnieren steigt die Kadenz. «Mit 15 durfte ich an ein internationales Jugendturnier reisen. Ich war fasziniert von der starken Konkurrenz und erkannte, was alles möglich ist. Da hat es mir den Ärmel reingezogen.»
Zum Beginn seiner Lehre zum Fachmann Gesundheit trainiert er bereits drei- bis fünfmal die Woche. Es ist auch der Zeitpunkt, als ihn die Trainer mit der zwei Jahre älteren Pisarenko paaren. Beide sind klein gewachsen, was für eine Spezialisierung auf den quirligen und rassigen Latein-Tanz passt.
Obschon die Trainingsbereiche vielfältig und auch individuell sind – von der Ausdauer über das Krafttraining bis hin zum Intervalltraining ist alles dabei –, ist es vor allem die gemeinsame Arbeit, die diesen Sport ausmacht. «Eine Choreografie zu kreieren, anzupassen und zu vollenden: Das macht am meisten Spass», sagt Geiger.

Ihre Charaktere sind zwar unterschiedlich, Geiger ist vom Typ her eher zurückhaltend, Pisarenko temperamentvoll. Doch sie gehen aufeinander ein, entwickeln sich und reisen gemeinsam an nationale und internationale Turniere – zuweilen bis nach Singapur. Während sie bei Ersteren schnell einmal in die Spitzengefilde vorstossen und von Zeit zu Zeit auch gewinnen, sind Letztere vor allem in lern- und erfahrungstechnischer Hinsicht wertvoll.
So sind sie im Lauf der Jahre auf dem Parkett zu einem eigentlichen Tanzehepaar und im Privaten zu engen Freunden geworden. «Rein platonisch», wie Pisarenko betont, schliesslich leben beide in Beziehungen. «Auch wenn es nicht immer nur einfach ist: Ohne diese Freundschaft würde das Ganze nicht funktionieren.»
Die Planung ist zentral
Catherine Pisarenko weiss denn auch, was sie an Geiger hat. «Er verhält sich wie beim Tanzen wie ein Gentleman und geht stark auf die Partnerin ein. Das ist in diesem Sport nicht so selbstverständlich, wie man meinen könnte», sagt sie. Technisch lobt sie derweil seine Beweglichkeit und seine Geschwindigkeit.
Um das grosse Ziel, den Gewinn des Schweizer-Meister-Titels, zu erreichen, braucht es gemäss ihrer Einschätzung noch eine bessere Selbstpräsentation und vor allem eine grössere Konstanz. In einer Runde müssen fünf knapp zwei Minuten lange Tänze am Stück absolviert werden – das verlangt Beherrschung und Konzentration.

Freilich ist auch die Planung wichtig. In diesem Jahr sieht ihr Programm zehn Wettkämpfe vor, darunter drei im Ausland. Bei den beiden grösseren, in England und den Niederlanden, verfolgen sie das ambitionierte Ziel, in die dritte Runde –oder anders formuliert unter die besten 48 – zu kommen.
Vorderhand geht es aber dieses Wochenende nach Österreich. Am World-Masters-Turnier in Innsbruck, bei dem das Teilnehmerfeld überschaubarer sein wird, peilt das Duo die Finalrunde, also die Top 6, an.
Ähnlich einem Steigerungslauf sollen Choreografie, Formstand und Mindset bis zum Saisonhöhepunkt im Oktober auf dem Höhepunkt sein. Schritt für Schritt – im Tanzsport ist dieses Motto nicht nur auf dem Parkett essenziell.
