«Ich bin nicht mehr gewillt, wochenlang zu hungern»
Fischenthaler Skispringer tritt zurück
Dominik Peter kehrt nicht auf die Schanze zurück. Im Interview spricht er über die Gründe und sagt, was in seiner Karriere hätte anders laufen müssen.
Vor zehn Monaten legte Dominik Peter eine Pause vom Wettkampfsport ein, um wieder einen normalen Umgang mit der Ernährung zu finden. Aus der Auszeit wird nun ein Rücktritt.
Der Fischenthaler beendet nach 50 Weltcup-Einsätzen mit einem 7. Rang als Bestresultat seine Karriere. «Die Probleme mit der Ernährung löschten das Feuer, das ich für den Sport hatte», sagt er beim Kaffee in Einsiedeln, wo Peter lebt und in einem Restaurant arbeitet.
Einen Groll hegt er nicht (mehr). «Ich liebe den Sport und werde ihn immer lieben. Aber es gab zu viele Schattenseiten.»
Dominik Peter, warum kehren Sie nicht auf die Schanze zurück?
Dominik Peter: Ich bin nicht mehr gewillt, wochenlang zu hungern. Dazu kommt: Ich spüre mit meinen aktuellen Arbeitskollegen einen Zusammenhalt im Team, wie ich es vorher noch nicht kannte. Ich fühle mich in diesem Gefüge und in der Arbeitswelt extrem wohl. Ich sehe mich nicht mehr im alten Film. Der Respekt und die Angst, wieder in denselben Teufelskreis zu kommen, waren viel grösser als die Vorfreude auf einen Sprung.
Was gab am Ende den Ausschlag?
Ich mache die Ausbildung zum Polizisten bei der Kantonspolizei Schwyz. Als ich die Zusage dafür erhalten habe, fiel mir ein Stein vom Herzen. Da war die Entscheidung klar. Eigentlich war das schon immer einer meiner Traumjobs, ich verdrängte das aber, weil ich die Ausbildung nicht neben dem Spitzensport machen konnte. Nun in der Pause kam das Thema wieder auf. Und als ich wieder gesund war, bewarb ich mich.
Wieder gesund – was heisst das?
Ich kann wieder normal essen, habe ein Sättigungsgefühl. Mir tut nichts weh, kein Körperteil, kein Gelenk. Ich fühle mich völlig gesund.
Ich war auf der Schanze zwar leistungsfähig, aber bei allem anderen nur halb lebendig.
Dominik Peter
Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Sie litten nicht unter einer Bulimie, einer Ess-Brech-Sucht.
Nein, das hatte ich nicht. Ich hatte eine sogenannte Binge-Eating-Störung. Der Körper wollte das Verbotene, was ich ihm jahrelang weggenommen hatte, nachholen. Ich hatte Fressattacken. Am Sonntag ass ich mich voll, danach unter der Woche praktisch nichts mehr bis zum Wettkampf. Dann explodierte die Bombe wieder.
Wie fanden Sie zu einem normalen Essverhalten zurück?
Ich durfte die Fressattacken zuerst zulassen, damit sich das Körpergewicht normalisiert, die Psyche sich beruhigt und auch einmal etwas Energie übrig bleibt. Zuvor war ich auf der Schanze zwar leistungsfähig, aber bei allem anderen nur halb lebendig.
Wie lange dauerte es, bis Sie wieder einen normalen Umgang mit dem Essen fanden?
Etwa drei Monate. Dann konnte ich den Blick öffnen und mich um meine Zukunft kümmern.
Wie schwer sind Sie nun?
Etwa 70 Kilo. Früher mussten es während der Saison etwas über 60 Kilo sein.
Was hätte anders laufen müssen in Ihrer Karriere?
Während der letzten Phase meiner Pubertät hätte man nicht so aufs Gewicht achten dürfen. Wäre der Umgang damit lockerer gewesen, wäre ich nie in die Spirale gekommen. Als gewisse Leute aber damit begannen, habe ich mich selber hineingesteigert und kam nicht mehr hinaus.
Jedem Skispringer würden zwei, drei Kilo mehr guttun.
Dominik Peter
Wer sind «gewisse Leute»?
Ich möchte keine Namen nennen. Es war mit 17 Jahren. Mein Körper hätte sich erst fertig entwickeln müssen. Ich merkte das letzten Frühling, als mein Körper erstmals wieder Energie übrig hatte. Das Gewicht darf nicht wichtiger sein als die Leistungen und der Spass, solange man keinen fertig entwickelten Körper hat.
Muss man als Skispringer fast schon magersüchtig sein?
Man bewegt sich sicher im Grenzbereich. Es gehört ja zum Sport, dass nicht jeder die perfekten Voraussetzungen hat. Jeder Springer weiss: Je leichter er ist, desto besser fliegt er. Manche haben eine Veranlagung, um so leicht zu sein – denen gratuliere ich. Andere wie ich müssen extrem kämpfen. Ich glaube aber, jedem Skispringer würden zwei, drei Kilo mehr guttun.
Also ist der Sport ungesund.
Er kann ungesund sein, wenn man den Körper in eine Richtung drängt, für die er nicht gemacht ist. Für mich war es so. Aber der Sport an sich ist nicht ungesund.
Du probierst wochenlang dünner zu werden, hast wieder eine Fressattacke, und am nächsten Morgen gibts so einen verbalen Schlag auf den Hinterkopf. Das war brutal.
Dominik Peter
Swiss-Ski leitete ein Projekt in die Wege, in dem es um einen gesunden Umgang mit der Ernährung geht. Reicht das?
Das kann ich nicht beurteilen, es ist aber auf jeden Fall sehr gut. Es braucht Vertrauenspersonen. Das Thema ist so heikel – ich hätte mit gewissen Betreuern nie über meine Essprobleme geredet. Es braucht professionelle Unterstützung, was Ernährung und Psychologie anbelangt. Also jemand, der dir nicht einfach sagt, was du essen musst, sondern auch weiss, wie sich einer fühlt, der immer leichter werden muss. Hilfreich wäre ein offener Umgang mit dem Thema. Dass man nicht scharfe Blicke auf den Teller eines anderen wirft. Und dass beim Wägen keiner denkt: Boah, ist der schwer.
War das wirklich so?
Wenn ich Blicke lesen kann, ja. Ich fühlte mich so.
Aber gesagt hat niemand etwas?
Die Teamkollegen nicht. Es gab Sprüche von Betreuern. Meine Oberschenkel seien dick, ich sähe schwer aus. Das tat zwar nicht unmittelbar weh, verletzte mich aber im Herzen zutiefst. Du probierst wochenlang dünner zu werden, hast wieder eine Fressattacke, und am nächsten Morgen gibts so einen verbalen Schlag auf den Hinterkopf. Das war brutal.
Machen Sie jemandem Vorwürfe?
Nein, nicht mehr. Ich habe Frieden geschlossen mit dem Sport und mit allen, die mich in diese Situation gedrängt haben. Für mich gibt es keine Schuldigen mehr. Es ist abgehakt.
Worauf sind Sie stolz?
Auf vieles. Ich lernte durch den Sport, zu kämpfen, zu beissen, ich lernte schon in sehr jungem Alter, selbständig zu sein. Ich habe mein Leben früh selber gemanagt. Und unterdessen kann ich das, was ich erreicht habe, einordnen. Klar bin ich stolz auf die Junioren-WM-Medaille und auf die Olympia-Teilnahme 2022. Eine richtig coole Zeit hatte ich aber auch früher im Alpencup im U20-Alter. Da hielt ich mit der internationalen Spitze mit und sprang Wettkampf für Wettkampf aufs Podest.
Planen Sie einen Abschiedssprung?
Ja, das würde ich gerne tun. Vielleicht im Rahmen der Schweizer Meisterschaften im August hier in Einsiedeln.
Nicht in Gibswil?
Das fragen viele (lacht). Ich habe mich noch nicht entschieden. Die Schanze in Gibswil würde mich mehr Überwindung kosten, ich bin solche kleinen Schanzen nicht mehr gewohnt. Deshalb wäre sie für mich anspruchsvoller als die grosse in Einsiedeln. Und ich will schon noch einen richtig versöhnlichen Sprung machen. Denn der letzte Trainingssprung im letzten Frühling war das nicht.