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Sauber braucht einen Neustart – und Klartext

Warum die Saison der Hinwiler so schlecht war – und was nun passieren muss.

Zhou Guanyu am GP von Italien: Alfa Romeo stach in dieser Saison höchstens mit Sonderlackierungen heraus.

Foto: Sauber Motorsport

Sauber braucht einen Neustart – und Klartext

Analyse zur Saison des Hinwiler Teams

Bescheidene Resultate, Fragezeichen bezüglich der Zukunft: Das Formel-1-Team Alfa Romeo hat kein gutes Jahr hinter sich.

Sauber und Abu Dhabi – das ist keine Erfolgsgeschichte. In den letzten zehn Jahren gab es zum Saisonabschluss genau einmal Punkte für den Hinwiler Formel-1-Rennstall, als Charles Leclerc 2018 Siebter wurde. Der Zufall will es, dass es auch das letzte Rennen war, in dem das Team tatsächlich «Sauber» im Namen trug.

Wenn Valtteri Bottas und Zhou Guanyu am Sonntag auf dem Yas Marina Circuit ins Rennen gehen, prangt auf ihren Boliden letztmals der Schriftzug von Titelsponsor Alfa Romeo. Absehbar ist: Es wird salbungsvolle Worte geben. Doch man muss kein Prophet sein, um vorherzusagen: Es wird kein Abschied mit Jubelstürmen. Und das nicht nur wegen der schlechten Abu-Dhabi-Bilanz der vergangenen Jahre. Sondern, weil das Team die Erwartungen einmal mehr nicht erfüllt hat. Daran wird auch ein Punktgewinn nichts ändern.

Der 6. WM-Rang aus der letzten Saison hatte Erwartungen geweckt – unterdessen muss man sagen: Er hatte viele geblendet. Zwar war man in Hinwil realistisch genug und setzte sich nicht öffentlich zum Ziel, dieses Resultat zu toppen. Dass das angesichts der aufrüstenden Konkurrenz (Aston Martin) illusorisch sein würde, war den Verantwortlichen bewusst. Und doch: Es gelang nicht einmal, den Besitzstand zu wahren. Wenn nicht noch ein Wunder passiert, werden die Hinwiler die Saison auf dem 9. WM-Rang beenden.

Aber womit hat das zu tun? An der Zuverlässigkeit des Autos lag es nicht – sie war 2022 ein grosses Problem, in dieser Saison aber keines mehr. Jedenfalls kein entscheidendes. Vier Ausfälle aus technischen Gründen beklagten die Hinwiler heuer – das sind halb so viele wie im Vorjahr.

Und doch gelang es ihnen nicht, konstantere Leistungen zu bringen. Nur an sechs von bisher 21 Rennwochenenden gab es WM-Punkte. Nur einmal punkteten sie zweimal in Folge. Zum Vergleich: 2022 resultierten an 10 von 22 GP-Wochenenden Zähler. Einmal sogar in fünf Rennen in Serie – in der ersten Saisonhälfte, als die Hinwiler daraus Profit schlugen, dass sie ein leichteres Auto als die Konkurrenz gebaut hatten.

Der aus dem letztjährigen Auto weiterentwickelte C43-Ferrari hatte diesen Vorteil nicht mehr. Er stach ganz allgemein nicht mit Performance heraus, sondern höchstens mit Sonderlackierungen. Das freut die Marketingabteilung – sportlich bringt es das Team aber nicht weiter. Zwei achte Ränge von Valtteri Bottas waren die besten Resultate. Das ist bescheiden – und haften bleiben nicht diese Ergebnisse, sondern die Misserfolge und verpassten Chancen.

Schuld sind weder die Fahrer noch das Pech

Davon gab es einige. In Ungarn, wo man das Kunststück fertigbrachte, trotz den Startplätzen 5 (Zhou) und 7 (Bottas) keinen einzigen WM-Punkt zu holen. Oder zuletzt in Las Vegas, wo Bottas den Startplatz 7 nicht in Zähler ummünzen konnte, weil er in der ersten Kurve unverschuldet in eine Kollision verwickelt wurde.

Klar wurde bei diesen und ähnlichen Gelegenheiten der eine oder andere Punkt verschenkt. Und vielleicht hätten beide Piloten beim einen oder andern Rennen bessere Leistungen zeigen können.

Doch an der Misere in dieser Saison waren weder Bottas oder Zhou schuld, noch hatte sie mit Pech zu tun: Der Bolide war schlicht zu schlecht. Von Beginn weg bis zum Schluss. Klammert man das gute erste Halbjahr 2022 einmal aus, bewegte sich Sauber immer nur auf den hintersten WM-Rängen. Obwohl immer wieder Updates ans Auto kamen, wurden die Resultate nicht besser. Das muss den Verantwortlichen in Hinwil zu denken geben.

Immerhin: Genau das scheint der Fall zu sein. Früher redete man in Hinwil schwache Resultate gerne schön – nun scheint ein gewisser Realitätssinn eingekehrt. In den letzten Wochen bestätigte Teamvertreter Alessandro Alunni Bravi in mehreren Interviews das, was Beobachter längst vermutet hatten: Das Potenzial des Autos ist ausgereizt, es liegt keine Performance mehr verborgen.

Der Neustart ist bitter nötig

Für die nächste Saison wird es keine Weiterentwicklung mehr geben, sondern bezüglich Auto einen Neustart. Das ist auch bitter nötig. Und dass mit James Key ein neuer technischer Direktor für dieses neue Konzept verantwortlich zeichnet, ist auch nicht verkehrt. Unter seinem Vorgänger Jan Monchaux gelang der Schritt zurück ins Mittelfeld – für den nächsten Schritt braucht es aber offensichtlich auch neue Kräfte.

Was es auch braucht: Endlich einmal ein klares Bekenntnis von Audi. Die Gerüchte, der deutsche Hersteller überlege sich noch vor dem Einstieg per 2026 wieder auszusteigen, stehen nun einmal in der Welt.

Dementiert wurden sie bisher von Medienstellen mit Hinweisen auf Beschlüsse von führenden Konzerngremien. Das bringt die Gerüchte nicht zum Verstummen. Anders wäre das, wenn ein Entscheidungsträger selber hinstehen und Klartext reden würde.

Andreas Seidl (GER) Sauber Group Chief Executive Officer. Formula 1 World Championship, Rd 13, Belgian Grand Prix, Saturday 29th July 2023. Spa-Francorchamps, Belgium.
Wann bricht er sein Schweigen? Sauber-CEO Andreas Seidl trat bisher nicht öffentlich in Erscheinung.

Noch nicht öffentlich geredet hat auch Andreas Seidl, seit er vor bald elf Monaten CEO der Sauber Group geworden ist. Es ist davon auszugehen, dass er intern nicht ganz so zurückhaltend ist – und womöglich bald öffentlich in Erscheinung tritt.

Schliesslich ist man ab nächster Saison nicht mehr Titelsponsor Alfa Romeo verpflichtet – sondern nur noch sich selber und der Zukunft mit Audi. Da wäre es vertrauensbildend, wenn sich Seidl künftig zu Wort melden würde. Schliesslich gehörte der Bayer in seiner Zeit als Teamchef bei McLaren zu den beliebtesten und nahbarsten Interviewpartnern im Fahrerlager.

Seidl könnte überdies identitätsstiftend wirken für ein Team, das nicht mehr Alfa Romeo und noch nicht Audi heisst, sondern für zwei Jahre wieder nur Sauber. Es sind zwei Jahre, in denen der Aufwärtstrend zwingend einsetzen muss, wenn die Partnerschaft mit Audi nicht schon von vornherein zum Scheitern verurteilt sein soll.

Immerhin: Viel schlechter als in dieser Saison kann es nicht werden. Und etwas Gutes hat das schlechte Abschneiden in der WM: Je weiter hinten man klassiert ist, um so länger darf man sein Auto in der nächsten Saison im Windkanal entwickeln.

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