Darum ist Gilles Roulin erst jetzt so richtig Profi
Grüninger Weltcup-Fahrer vor der Saison
Speed-Spezialist Gilles Roulin geht ohne Doppelbelastung in die neue Weltcup-Saison – und vorerst ohne Qualifikationsdruck.
Einfach nur Skirennfahrer sein? Für Gilles Roulin ist das scheinbar nicht genug. Mitten in der letzten Saison, es war kurz nach den Lauberhornrennen, legte der Grüninger die Masterprüfungen in seinem Jus-Studium ab.
Und auch diesen Sommer beschäftigte er seinen Kopf mit juristischen Fragen. Roulin absolvierte von Mai bis September ein Praktikum bei einer der renommiertesten Anwaltskanzleien der Schweiz. Fernziel ist, die Anwaltsprüfung abzulegen.
Sieben Jahre lang hatte Roulin neben seiner Karriere als Skirennfahrer studiert – und er hätte sich durchaus vorstellen können, es den Sommer über einmal etwas gemütlicher angehen zu lassen, dem Kopf eine Pause zu gönnen. «Ich rechnete nicht damit, dass ich die Möglichkeit für dieses Praktikum erhalte», sagt er. «Es zeichnete sich im Frühling ab, und es ist toll, dass ich das so machen konnte. Aber es ist schön, jetzt auch wirklich Profi zu sein.»
Es ist ein Gefühl, das Roulin noch kaum kennt. «Irrsinnig cool» sei es. Vielleicht macht er diesen Spagat auch künftig: im Sommer juristisch arbeiten, den Winter über Skiprofi sein. «Das kann eine spannende Kombination sein.»
Ums Stechen kommt er vorerst herum
Nun aber kann er sich ganz auf den Weltcup konzentrieren, der für die Speed-Fahrer am Wochenende mit den beiden Abfahrten in Zermatt beginnt. Roulin ist einer von 15 Fahrern im Aufgebot von Swiss-Ski – und einer, der wohl nicht ins Stechen um einen Startplatz muss. Er figuriert unter den Top 30 in der Startliste und ist damit gesetzt.
Eine Ausgangslage, die er sich in der letzten Saison erarbeitete, indem er konstant in die Punkteränge fuhr. Noch besser ist die Perspektive im Super-G: Dort hat er dank einem Top-3-Rang in der Europacup-Disziplinenwertung der letzten Saison einen persönlichen Fixplatz für alle acht Weltcup-Rennen in diesem Winter.
Das sind schöne Fakten, sie geben ihm eine gewisse Planungssicherheit, die er in seiner Karriere so bisher noch kaum hatte. Er steigt aber nicht mit anderen Gefühlen in die neue Saison. «Klar ist es angenehmer, wenn man eine Qualifikation nicht fahren muss. Aber man wird ja an den Resultaten gemessen. Ich will ja weiter nach vorne kommen. Das war letzte Saison das Ziel, und das ist es auch jetzt.»
Nun peilt er die Top 20 an
Der letzte Winter war sein zweitbester im Weltcup nach der Debütsaison 2017/2018. Er fuhr in der Abfahrt wieder öfter in die Punkte, in Bormio und am Lauberhorn mit zwei 8. Rängen gar in die Top Ten. Und auch im Super-G fasste er nach einer Durststrecke wieder Fuss und fuhr dreimal in die Punkteränge.
Den Aufwärtstrend will Roulin in dieser Saison fortsetzen. Regelmässig in die Top 20 zu fahren, setzt er sich als Ziel. Das klingt unspektakulär, es passt aber zu ihm. Konstanz ist wichtiger als ein einzelner Ausreisser nach oben.
Seine Schwächen kennt Roulin. Es sind der Start, die Gleiterpassagen – und die Rennen bei weichen Verhältnissen. An diesen Dingen arbeitete er den Sommer über. Und gerade für Letzteres war das Trainingscamp in Chile eine willkommene Gelegenheit.
Optimal waren die Bedingungen dort nicht, es schneite viel – was Roulin es aber zumindest erlaubte, an seinen Fähigkeiten bei weichen Verhältnissen zu arbeiten. «Ich habe wertvolle Erkenntnisse gewonnen. Oft ist es eine linientechnische und taktische Angelegenheit. Ich hoffe, dass ich nun darauf aufbauen kann.»
Auch aus einem anderen Aspekt war die Reise nach Chile wertvoll: Es war das erste Mal für Roulin überhaupt. Jahrelang gehörten die Trainingscamps auf dem Theodulgletscher oberhalb von Zermatt zu seiner Routine vor jeder Saison.
Dass es nun zur Premiere in Übersee kam, hat mit der Zugehörigkeit zu einer anderen Trainingsgruppe zu tun. Roulin ist aufgestiegen und gehört (wieder) der höchsten Gruppe unter Trainer Reto Nydegger an, «Mastery WC Speed» heisst sie bei Swiss-Ski.
