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Im Winter wird die Schwester zum Fan

Jasmin und Anja Weber sind im Spitzensport unterwegs. Neid kennen die Hinwilerinnen nicht – obschon nicht beide gleich erfolgreich sind.

Sehr oft sind sie nicht mehr zu Hause: Jasmin (links) und Anja Weber im heimischen Garten in Hadlikon.

Foto: Christian Merz

Im Winter wird die Schwester zum Fan

Hinwiler Geschwister Weber

Jasmin und Anja Weber haben den Weg in den Spitzensport zusammen gefunden. Unterdessen gehen die Schwestern ihren eigenen Weg – und doch verbindet sie viel.

Es ist das Natürlichste der Welt für die beiden. Als der Fotograf Anja und Jasmin Weber bittet, nicht in die Kamera zu schauen und miteinander zu plaudern, lachen die Schwestern. Im Garten des Elternhauses in Hadlikon merkt man schon, was Jasmin später drinnen am Esstisch sagt: «Wir verstehen uns sehr gut und stehen uns auch privat sehr nah.»

Es kommt nicht oft vor, dass Spitzensportlerinnen Journalisten zu sich nach Hause einladen – und dass es beim Gespräch dann hausgemachtes Gebäck gibt. Zu Jasmin und Anja Weber aber passt das. Die beiden sind unkompliziert, bodenständig – und sehr offen.

Jasmin, mit 25 Jahren die ältere, ist Profi-Triathletin. 2018 debütierte sie im Weltcup, auf diese Saison hin hat sie auf die Mitteldistanz umgesattelt. Anja, drei Jahre jünger, ist für ihre zweigleisige Karriere bekannt: Die 21-Jährige ist sowohl im Triathlon als auch im Langlauf im Weltcup unterwegs.

Anja ist die bekanntere und hat in ihrer Karriere schon mehr erreicht. 2022 nahm sie an den Olympischen Winterspielen in Peking teil, sie wurde U23-Weltmeisterin im Langlauf, und an den Sports Awards 2022 gewann sie den mit 12’000 Franken dotierten Förderpreis «Best Talent Sport».

Die kleinere Schwester ist die erfolgreichere – das bekommt Jasmin Weber manchmal zu hören: «Viele sagen: Ah, du bist die Schwester von Anja», sagt sie. Es ist ein Fakt, über den sie heute herzhaft lachen. «Das hat aufs Private ja keinen Einfluss», sagt Jasmin Weber. «Ich bin ich und Anja ist Anja.»

Und Anja Weber sagt: «Sie ist immer meine grosse Schwester.» Was punkto Körpergrösse übrigens nicht stimmt – da übertrumpft die 21-Jährige die 25-Jährige sichtlich. Im Gespräch bewegen sie sich auf Augenhöhe, da dominiert weder die eine noch die andere.

Die schwierige Erkenntnis

Leicht fiel es Jasmin Weber nicht, als sie vor einigen Jahren merkte, dass ihre Schwester sie sportlich überholt hat. Es geschah nicht im Triathlon-Direktduell, das gab es ohnehin nur sehr selten. Sondern im übertragenen Sinn: «Bis 20 bist du immer die Grössere, die Ältere, die Bessere, die Schnellere. Und plötzlich kehrts. Das ist schon komisch.» Die Erkenntnis war schwierig für sie, anfänglich haderte sie damit.

Anja und Jasmin Weber bei sich zuhause im Garten.
Die beiden Schwestern verstehen sich sehr gut – obwohl die jüngere erfolgreicher ist als die ältere.

Anja Weber hingegen sagt: «Mir war das gar nicht so bewusst. Ich wollte ja nicht schneller sein als sie, sondern einfach immer besser werden. Sie nahm das viel stärker wahr.» Und Jasmin Weber sagte sich rasch einmal: «Es bringt ja nichts, gegeneinander zu sein, sondern es ist besser, sich gegenseitig zu pushen. Ich muss meinen eigenen Weg gehen.»

Der eigene Weg. Es ist etwas, was die beiden charakterisiert und auch verbindet – obschon es eben nicht derselbe Weg ist.

Das war früher noch anders – da galt, was bei vielen Familien gilt: Die kleinen Kinder eifern den grössern nach. Bei Webers hiess das: Die beiden Mädchen dem grossen Bruder Jan. «Wenn wir zu dritt unterwegs waren, war alles ein Wettkampf», erinnert sich Jasmin Weber. «Jan rannte immer voraus, meistens Anja hinterher und am Schluss ich.»

Alle waren im Turnverein, sehr polysportiv unterwegs – und schon früh entdeckten sie ihre kompetitive Ader. «Egal, ob beim Räuber und Poli oder bei anderen Spielen, wir gingen immer voll und wollten gewinnen. Es war eine ernste Sache!», erinnert sich Anja Weber.

Eigentlich hätte der Bruder zum Vorschwimmen sollen

Am Bruder liegt es auch, dass die Schwestern in den Schwimmclub Uster eintraten. «Jasmin ging zum Vorschwimmen, weil Jan nicht konnte», sagt Anja Weber. Sie folgte ihrer Schwester bald. «Nicht, weil ich ihr unbedingt nacheifern wollte – ich ging halt, weil sie ging. Es ergab sich.» Als es dann um den Übertritt an die Kunst- und Sportschule Uster ging, war das für Jasmin Weber eine Weichenstellung: Als Schwimmerin schaffte sie die Aufnahme wegen der starken Konkurrenz in ihrem Jahrgang knapp nicht. «Als Triathletin kommst du rein», wurde ihr beschieden. Der Wechsel war damit Tatsache.

Anja Weber folgte ihr später an die Kunst- und Sportschule – sie war da aber bereits mehrgleisig unterwegs. Triathlon betrieb sie zu Beginn eher nebenher und ohne spezifischen Trainer. Früh begann sie mit Langlauf, zwischendurch probierte sie Biathlon aus, und vielleicht hätte aus ihr auch eine Kunstturnerin werden können.

Dass es Richtung Spitzensport gehen kann, spürten die Geschwister an der Sportschule erstmals, weil sie da in einem ambitionierten Umfeld waren. «Alle sind in ihrer Sportart auf einem hohen Niveau und wollen etwas erreichen. Da kommst du richtig vorwärts. Wenn wir nach Hinwil in die normale Sekundarschule gegangen wären, hätte dieses Umfeld sicher gefehlt.»

Schulisch gingen sie verschiedene Wege. Jasmin Weber entschied sich fürs Gymnasium, Anja Weber dagegen. «Jasmin war schon immer sehr fleissig, da würde ich mir gerne eine Scheibe abschneiden», sagt die 21-Jährige lachend. Ihr Fokus lag auf dem Sport, sie wollte in der Schule gewiss nicht abfallen, aber musste auch nicht speziell gut sein.

Das hingegen wollte sie im Sport – auch, weil die Erfolge ihrer Schwester sie anstachelten. «Sie war immer eine Stufe höher als ich, wurde Schweizer Meisterin – das war eine Motivation für mich.»

Sie verstehen sich ohne Worte – und ohne Blicke

Heute geht es zwischen den Schwestern nicht primär um Motivation, sondern darum, sich gegenseitig zu unterstützen. Oft passiert das per Telefon, weil Jasmin Weber unterdessen nicht mehr in Hinwil, sondern im luzernischen St. Erhard wohnt. Und wenn es um Triathlon geht, sind die Telefonate vor dem Wettkampf wichtig, weil die beiden sich gegenseitig Tipps geben können. Da profitiert die Jüngere vom Erfahrungsschatz der Älteren. «Ich kenne ihre Gegnerinnen, ich weiss genau, wer wo wie stark ist.»

Anja und Jasmin Weber bei sich zuhause im Garten.
Gruppenbild mit Katze: Die beiden Schwestern verstehen einander blind.

Im Winter hingegen wird Jasmin Weber zum Fan, «da bin ich weniger nahe dran und habe nicht so viel zu sagen». Da fiebert sie öfter vor dem Bildschirm mit – und ist dabei nervöser als an einem eigenen Wettkampf. «Du siehst, was läuft, aber hast keinen Einfluss. Das ist schlimm.»

Wenn sie einmal im selben Rennen unterwegs sind, verstehen sie sich hingegen ohne Worte – und manchmal auch ohne Blicke. Anja Weber erinnert sich an einen Moment, als ihre Schwester hinter ihr in einer Radgruppe an Boden verlor, weil vor ihr eine Konkurrentin stürzte. «Ich spürte, dass sie nicht mehr da ist.» Sie liess sich selber zurückfallen und führte ihre Schwester wieder zurück. «Das würde sonst ja niemand machen», sagt Jasmin Weber.

Die Familie merkt nur fast alles

Mit blindem Verständnis innerhalb der Familie hatte gewissermassen auch ihr Wechsel auf die längeren Distanzen zu tun. Den Gedanken hatte sie bereits im Hinterkopf, sie traute sich aber nicht, den Schritt zu tun. Bis sie zusammen mit der Familie letztes Jahr am Ironman 70.3 in Rapperswil-Jona als Zuschauerin verfolgte – und von der Familie die Bemerkung kam: Das wäre doch etwas für dich. «Sie spürten, dass mir die Kurzdistanz nicht mehr gefällt. Die Familie merkt solche Dinge am ehesten.»

Manchmal aber auch nicht. Vor etwas mehr als einem Jahr machte Jasmin Weber publik, dass sie am Energiedefizitsyndrom Red-S leidet – salopp gesagt, ihrem Körper über Jahre hinweg zu wenig Energie zuführte, was Verletzungen und Infekte begünstigte. Zum Thema wurde das in der Familie, weil Trainer Michi Rüegg das Gespräch suchte. «Wenn man sich täglich sieht, ist es schwierig, Veränderungen zu sehen», sagt sie. Unterdessen hat Jasmin Weber die Probleme überwunden. Und sie will sich künftig auch beruflich um Menschen und ihre Ernährung kümmern. Ihre Diplomarbeit für die Ausbildung zur Ernährungsberaterin hat sie soeben fertiggestellt.

Für die grosse Schwester wird Olympia ein Traum bleiben

Auch Anja Weber kann vom Wissen der Schwester profitieren. «Mir ist die Thematik heute stärker bewusst als damals, als es bei ihr präsent war», sagt sie. Auch sie hat schon Erfahrungen mit gesundheitlichen Problemen gemacht. Eine Herzmuskelentzündung im Sommer 2021 nach einer Corona-Infektion verhinderte ihre Triathlon-Saison und beeinträchtigte die Vorbereitung auf den Langlauf-Winter. Dass sie in derselben Wintersaison noch ihr Olympia-Debüt feiern würde, damit hatte niemand gerechnet.

Jasmin Weber träumte derweil einst von einer Teilnahme an den Sommerspielen 2024 in Paris. Macht es ihr Mühe, dass ihre Schwester das Olympia-Ziel erreichte, während es für sie ein Traum bleiben wird? «Vielleicht hätte es mir vor zwei, drei Jahren Mühe gemacht. Aber jetzt bin ich auf einem anderen Weg.»

Auf die Frage, was sie an ihrer Schwester bewundert, sagt Jasmin Weber: «Ihre Bodenständigkeit. Ich kenne Sportler, die wissen, wie gut sie sind und nicht mehr mit solchen reden, die nicht ganz so gut sind. Aber du bist immer noch Anja. Du kümmerst Dich um die Menschen und schaust nicht nur die Erfolge an.» Es verwundert nicht, dass Anja Weber darauf sagt: «Aber du bist doch genauso.»

Wenn es in der Familie bleibt

Im Zürcher Oberland gibt es einige erfolgreiche Spitzensportler-Duos. Entweder sind es Geschwister. Oder Liebespaare. Wir stellen sie in einer kleinen Serie vor. Bisher erschienen:

Die Ustermer Schwimmgeschwister Antonio und Vanna Djakovic: Ihr gemeinsamer Traum treibt sie an

Läuferin Fabienne Schlumpf und ihr Trainer und Freund Michael Rüegg: Wetziker Marathonläuferin liebt ihren Trainer: «Bis jetzt funktionierts»

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