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Sie hätte um eine EM-Medaille kämpfen wollen

Fabienne Kocher muss derzeit verletzungsbedingt pausieren. Ist ihre Olympia-Teilnahme in Gefahr?

Ihr bisher letzter Kampf: Fabienne Kocher duelliert sich am Masters mit der Französin Amandine Buchard.

Foto: SJV/Paco Lozano

Sie hätte um eine EM-Medaille kämpfen wollen

Verletzte Ustermer Judoka

Statt an der EM teilzunehmen, muss Fabienne Kocher verletzungsbedingt pausieren. Was bedeutet das für ihre Olympia-Ambitionen?

Das Aufgebot ist gross, die Hoffnungen sind es auch. Acht Schweizer Judoka sind von Freitag bis Sonntag in Montpellier an den Europameisterschaften im Einsatz. Gleich drei davon stammen aus dem Judoclub Uster. Für Gioia Vetterli (Gewichtsklasse bis 70 kg) und Lukas Wittwer (bis 81 kg) ist es das Debüt auf Stufe Elite. Für Nils Stump hingegen ist es die fünfte EM – und der aktuelle Weltmeister in der Gewichtsklasse bis 73 kg ist naturgemäss der Top-Favorit.

«Ich werde versuchen, mein bestes Judo zu zeigen. Wenn mir dies gelingt, ist alles möglich», sagt der 26-Jährige. «Mein Ziel ist eine Medaille – der Europameistertitel wäre natürlich sehr schön.»

Eigentlich hätte der Judoclub Uster ein zweites heisses Eisen im Feuer gehabt. Fabienne Kocher hätte die Reise nach Montpellier mit ganz ähnlichen Ambitionen in Angriff genommen wie Stump. «Die Medaille wäre definitiv ein Wunsch gewesen», sagt sie.

Hätte, wäre. Fakt ist: Kocher, die Olympia-Fünfte von Tokio 2021, kämpft nicht um EM-Edelmetall, sondern ist verletzt. Und das schon eine ganze Weile.

Der Sturz und das «megagruusige» Gefühl

Es passierte am 18. September im zweitletzten Training vor der Abreise ans Grand-Slam-Turnier in Baku. Die 30-jährige Riedikerin setzte zum Wurf an, ihre Gegnerin drehte sich weg – und Kocher fiel unglücklich auf den Nacken. Ein «megagruusiges» Gefühl sei das gewesen, erzählt sie. «Es war sehr schmerzhaft und unangenehm.»

Anfänglich spielte sie noch mit dem Gedanken, doch nach Baku zu reisen – weil es ihr am Tag nach dem Zwischenfall besser ging. Sie entschied sich dagegen, weil sie wusste, dass ein Start in einem so starken Teilnehmerfeld keinen Sinn machen würde, wenn sie nicht bei vollen Kräften ist. Und sie spürte: Etwas ist nicht gut.

Was, das wurde drei Tage nach dem Trainingsunfall klar: Kocher erlitt ein Wirbelsäulentrauma mit einer Muskelzerrung und einem gerissenen Band am Nacken. Weil sie zusätzlich seit Geburt einen sogenannten Blockwirbel hat, quasi zwei zusammengewachsene Wirbel, der neben dem in Mitleidenschaft gezogenen Wirbel liegt, ist die Verletzung komplizierter, der Nacken instabiler.

«Im normalen Leben ist das nicht heikel. Aber ein Schlag auf den Kopf beim Judo wäre nicht gut», sagte Kocher vor einigen Wochen. Verordnet wurde ihr deshalb ein sechswöchiges Kontaktsportverbot, das Anfang dieser Woche zu Ende ging.

Der Findungsprozess und das Zeichen

Trainieren durfte sie in dieser Zeit; es ging auch darum, die Nackenmuskulatur aufzubauen und zu stabilisieren. Auch Joggen durfte sie, verzichtete aber vorerst darauf, weil gleichzeitig der Schleimbeutel im Knie Probleme machte. Immerhin konnte sie diese mit Cortisonspritzen bekämpfen – ausserhalb der Wettkämpfe sind diese erlaubt.

«Es ist nicht gerade mein Glanzmoment», sagt Kocher. Den hätte sie auf der Matte erleben wollen. Sie fühlte sich eigentlich im Aufwind, nachdem der Start in die Saison harzig verlaufen war. Nach einem Kreuzbandriss Ende 2022 – es ist der x-te in ihrer Karriere – verzichtete sie auf eine Operation. Sie brauchte aber eine Weile, um das Vertrauen zurückzugewinnen.

Dazu kamen Regeländerungen, die ihrer Art zu kämpfen nicht eben entgegenkamen. Kocher spricht von einem Findungsprozess, der von Erfolg gekrönt war: Am Masters in Budapest Anfang August hat sie ihr «altes kämpferisches Ich» wiedergefunden. «Es war ein Zeichen: Ich bin wieder parat.» Und das, obwohl sie in der zweiten Runde gegen die vierfache Weltmeisterin und spätere Turniersiegerin Amandine Buchard verlor. Es war ihr bis anhin letzter Kampf.

Die nächste Saison wird die letzte sein

Wann sie in den Wettkampfbetrieb zurückkehren kann, weiss Kocher noch nicht. Sie muss erst das Resultat von Tests abwarten – und sich dann überlegen, welche Einsätze für sie Sinn machen. Denn Kocher braucht Punkte fürs Olympia-Ranking im Hinblick auf die Sommerspiele 2024 in Paris. Derzeit liegt sie dort auf dem 23. Rang und hätte damit einen Startplatz gerade so auf sicher. Doch schon nach der EM kann das wieder anders aussehen.

Es bleibt allerdings noch Zeit. Die Qualifikationsperiode dauert noch knapp acht Monate, in dieser Zeitspanne gibt es genügend Turniere – ursprünglich wäre etwa ein Start am Grand Slam von Tokio im Dezember geplant gewesen. Dieses Turnier dürfte nun zu früh kommen, zumal es traditionell sehr stark besetzt ist. Womöglich macht es mehr Sinn, den Fokus jetzt schon auf die Vorbereitung der nächsten Saison zu legen.

Jetzt schon ist klar: Es wird die letzte Saison in ihrer Karriere sein. «Irgendwann merkt man körperlich, dass es langsam Zeit wird», sagt Kocher. Noch einen Olympia-Zyklus anhängen möchte sie nicht. Klappt es mit der Qualifikation für Paris 2024, ist das für sie «ein toller Abschluss». Klappt es nicht, ändert das an ihrem Entscheid nichts.

Mit dem Gedanken befasst sie sich ohnehin nicht erst seit der Verletzung. «Ich hatte immer im Hinterkopf, dass es mit der Qualifikation auch nicht klappen könnte.» Grund dafür ist die interne Konkurrenz: Mit Binta Ndiaye ist ihr eine junge Westschweizerin in derselben Gewichtsklasse auf den Fersen. Pro Nation darf aber nur eine Athletin in Paris starten. Derzeit hat Kocher die Nase vorn. Und: Auch Ndiaye fehlt an der EM verletzt.

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