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Wetziker Marathonläuferin liebt ihren Trainer: «Bis jetzt funktionierts»

Irgendwann merkten sie, dass sie mehr sind als Athletin und Coach. Ein Gespräch über eine spezielle Konstellation.

Nicht nur sportlich, sondern auch privat ein Duo: Fabienne Schlumpf und Michi Rüegg.

Foto: Oliver Meile

Wetziker Marathonläuferin liebt ihren Trainer: «Bis jetzt funktionierts»

Fabienne Schlumpf und Michi Rüegg

Die Rekordhalterin Fabienne Schlumpf und ihr Trainer Michi Rüegg sind ein Paar. Wie funktioniert das? Und wer ist der Chef?

Florian Bolli und Oliver Meile

Fabienne Schlumpf sorgt mit ihren Leistungen immer wieder für Aufsehen. 2018 holt sie EM-Silber im Steeple. Später sattelt sie auf die Langstrecke um und wird in Tokio Olympia-Zwölfte im Marathon. Das Ticket für die Spiele in Paris 2024 sichert sie sich im September am Berlin Marathon, wo sie in 2:25:27 Stunden ihren eigenen Schweizer Rekord verbessert.

Die Erfolge der Wetzikerin sind eng mit Nationaltrainer Michi Rüegg verknüpft. Vor rund 18 Jahren hat Fabienne Schlumpf ihre ersten Trainings bei ihm absolviert. Es ist nicht nur der Startschuss zu ihrer erfolgreichen Karriere, seit Langem sind der Trainer und die Läuferin auch privat liiert.

Fabienne Schlumpf, wenn es um Ihren Trainer und Freund Michi Rüegg geht, reden Sie immer vom «Chef». Sprechen Sie ihn direkt auch so an?

Fabienne Schlumpf: Nein (lacht), ich sage ihm nicht Chef. Obwohl, im Training ist er das schon.

Was hält denn der «Chef» von dieser Bezeichnung?

Michi Rüegg: Es ist so, im Training bestimme ich. Sie sagt mir aber nie «Chef».

Und wie sieht es daheim aus?

Schlumpf: Ich wusste, dass diese Frage kommt (lacht). Am Schluss gleicht es sich aus, sind wir beide «Chefs».

Rüegg: Oder niemand.

Schlumpf: Dann lieber beide. Das tönt besser.

Rüegg: Aber es braucht ja gar keinen Chef. Ich fände das keine ausgeglichene Beziehung.

Im Training ist die Rollenverteilung klar: Der Trainer gibt vor, die Läuferin setzt um. Führt das zu Diskussionen?

Schlumpf: Es ist schon über eine längere Zeit so. Und ist wie bei allem: Wenn etwas gut läuft, ist es einfacher, als wenn etwas schlecht läuft.

Rüegg: Die meiste Zeit ist es kein Problem. Aber es gibt Zeiten, in denen es schwieriger ist, wenn das eine oder andere nicht läuft.

Gibt es vor wichtigen Wettkämpfen Momente, wo Sie wissen: Jetzt müssen wir uns aus dem Weg gehen?

Rüegg: Nein. Es gibt Phasen, in denen die Arbeit im Vordergrund steht. Dann wieder solche, wo es das Privatleben ist.

Schlumpf: Das ist ja nicht nur in der Beziehung zwischen mir und Michi so, sondern auch in Beziehungen mit meinen Freunden oder in der Familie. In der Marathonvorbereitung kommen diese zu kurz, dafür habe ich danach mehr Zeit.

Müssen Sie sich bewusst Zeit nehmen füreinander?

Schlumpf: Dadurch, dass wir häufig miteinander unterwegs sind, müssen wir nicht abmachen, um uns zu sehen. Es ist eher so, dass wir uns kleine Inseln herausnehmen. Um zusammen essen zu gehen. Oder dies und das zu unternehmen.

Rüegg: Es ist eher das Umgekehrte. Dass wir sagen: Jetzt machen wir mal nichts miteinander. Weil man häufig eng zusammen ist.

Habe ich mal eine ruhige Phase, muss ich sagen: Jetzt nimmst du dir mal zwei oder drei Tage frei, damit wir zusammen irgendwohin gehen können.

Fabienne Schlumpf

Schlumpf: Als Nationaltrainer hast du ständig Athleten, die am Trainieren sind. Es haben nie alle gleichzeitig Pause. Habe ich mal eine ruhige Phase, muss ich sagen: Jetzt nimmst du dir mal zwei oder drei Tage frei, damit wir zusammen irgendwohin gehen können. Sonst würdest du immer arbeiten.

Rüegg: Das schon. Aber es gibt auch andere Zeiten. Nach dem letzten Marathon war es gut, dass du nicht mit mir, sondern mit jemandem anderen wandern gehst. Und wir uns ein paar Tage nicht sahen.

Schlumpf: Ja, ja – klar.

Wer von Ihnen braucht mehr Zeit für sich selber?

Schlumpf: Ich glaube ich.

Rüegg: Du hast ja auch mehr Zeit.

Schlumpf: (Lacht.) Ja, das ist so. Ich treffe häufiger jemanden oder gehe irgendwohin. Ich war gestern also nicht mit Michi auf dem grossen Mythen.

Rüegg: Ich hätte nicht gekonnt.

Schlumpf: Wir hätten dich auch nicht dabei haben wollen (lacht). Und du wolltest nicht dabei sein.

Welche Interessen teilen Sie neben dem Sport?

Rüegg: Tomaten und Zucchettis.

Schlumpf: Wir haben einen Garten. Der macht uns beiden sehr viel Freude.

Rüegg: Wir haben ein Beet gemietet. Wir müssen quasi nichts machen, nur ernten. Es hat 30 verschiedene Gemüse da. Das ist für uns perfekt.

Schlumpf: Ein Garten für Anfänger. Sonst sind wir auch gerne in den Bergen, am Wandern. Wir sind eher Naturmenschen.

Rüegg: Wir sind beide auch mal in St. Moritz ohne Training.

Schlumpf: Ich kann gut dahin reisen, ohne meine Laufschuhe herauszuholen.

Rüegg: Letztlich haben wir keine Zeit für diverse grosse Hobbys.

Lassen Sie den Sport bisweilen bewusst aussen vor?

Rüegg: Eigentlich ist er gar nicht so häufig Thema. Wenn beispielsweise der Berlin Marathon ist, sprechen wir nicht Tag und Nacht darüber.

Schlumpf: Nein, gar nicht. Da würde ich ja durchdrehen. (Lacht.)

Hat sich der Umgang mit privater und sportlicher Beziehung einfach ergeben? Oder haben Sie bewusst Abmachungen getroffen?

Rüegg: Wir haben keine Regeln aufgestellt. Es war ja nicht so, dass wir zehn Jahre zusammenarbeiteten und dann diese Athleten-Trainer-Beziehung eingingen. Dann hätte man das vielleicht machen müssen. Es hat sich entwickelt. Wir kennen uns rund 20 Jahre. Ewig.

Und wann kam der Zeitpunkt, als Sie realisierten: Wir sind mehr als Trainer und Athletin?

Schlumpf: Etwa vor 15 Jahren.

Haben Sie Vorbehalte gehabt?

Schlumpf: Ehrlicherweise schon. Ich machte mir Gedanken wie: Wer denkt sich wohl was? Irgendwann kam ich zum Punkt, an dem ich mir sagte: Ich muss auf mich und meine Gefühle hören. Es muss für mich stimmen.

Rüegg: Bei mir war es ähnlich.

Führte diese Konstellation zu Gerede? Oder haben Sie es innerhalb der Trainingsgruppe einfach mal offizialisiert?

Rüegg: Wir haben nie ein Schreiben veröffentlicht (lacht).

Schlumpf: Nein, keine Ansage.

Rüegg: Im Training ist es kein Thema ...

Schlumpf: ... da bin ich wie alle anderen. Ich habe keine Extrawurst. Und will das auch nicht.

Rüegg: Ob die anderen über unsere Beziehung reden, weiss ich nicht. Da müssten Sie die anderen fragen (lacht).

Sport ist emotional, man ist sehr eng zusammen. Das muss zwangsläufig zu Beziehungen oder aber zu Streit führen.

Michi Rüegg

Haben Sie aus dem direkten Umfeld jemals eine Reaktion auf Ihre Beziehung erhalten?

Schlumpf: Nein. Ich hatte nie jemanden, der mir riet: Lass das besser. Oder sonst habe ich es vergessen oder verdrängt (lacht).

Rüegg: Diese Konstellation ist ja auch nicht so selten. Sport ist emotional, man ist sehr eng zusammen. Das muss zwangsläufig zu Beziehungen oder aber zu Streit führen.

Schwappt der private Stress manchmal ins Training rüber?

Rüegg: Es ist eher umgekehrt. Dass man den Stress des Trainings ins Private rüber nimmt. Wenn das Training schlecht war.

Schlumpf: Privat haben wir gar nicht sooo viel Stress.

Geraten Sie dafür im Training manchmal aneinander?

Rüegg: Nein. Aber das passiert auch mit keinem anderen Athleten. Klar, es gibt unterschiedliche Meinungen. Aber ich habe mit Fabienne im Training nicht mehr oder weniger Streit als mit anderen. Denn es gibt mit den anderen ja auch keinen Streit.

Macht die private Beziehung gewisse Dinge für Sie als Trainer von Fabienne einfacher?

Rüegg: Ich habe viel mehr Informationen, weil ich sie mehr sehe als andere. Das ist das Zentrale. Aufgrund der Informationen gibt es ja den Trainingsplan.

Fabienne Schlumpf, empfinden Sie das ebenfalls als Vorteil?

Schlumpf: Ja. In Berlin waren wir gemeinsam im Hotelzimmer, mega eng zusammen. Gerade in so einer Stresssituation vor einem Wettkampf tickt jeder anders. Wenn Michi da ist, fühle ich mich wohl. Ich weiss, ich muss nichts studieren, muss nur rennen. Dass sich das über all die Jahre eingespielt hat, nimmt mir ein wenig die Nervosität.

Fabienne Schlumpf und Michi Rüegg
Sie steht im Rampenlicht, er nicht – und das ist ihm ganz recht: «Ich muss nicht im Fernsehen sein.»

Und wenn es dann nicht funktioniert, ist – salopp gesagt – einfach Michi schuld?

Schlumpf: (Lacht.) Ja. Er ist das Hirn vor dem Wettkampf. Es heisst doch immer: Wenn es nicht gut läuft, ist der Trainer schuld. Läuft es gut, ist es wegen der Athletin. Natürlich ist es in Wirklichkeit nicht so, aber wenn man sich umhört, tönt es danach.

Rüegg: Es kommt immer drauf an, warum etwas nicht funktioniert hat. Ist der Trainingsplan super, aber der Athlet macht einen Seich? Oder macht der Athlet alles, was du sagst, aber hat der Trainingsplan nicht funktioniert?

Schlumpf: Die Eingefleischten gratulieren manchmal schon auch Michi. Sein Anteil am Erfolg ist genauso gross. Klar, am Schluss muss ich rennen. Ohne ihn hätte ich den Marathon in Berlin aber nicht in 2:25 Stunden rennen können.

Rüegg: Mir ist völlig recht, nicht in der Öffentlichkeit zu stehen.

Schlumpf: (Lacht.) Im Gegenteil.

Rüegg: Für mich sind ja die Leistungen der Athleten der Lohn. Ich muss nicht im Fernsehen sein.

Wir schliessen daraus, dass es Ihnen unangenehm ist, mit uns am Tisch zu sitzen.

Rüegg: (Lacht.) Das geht grad.

Gesetzt den Fall, die Beziehung ist einmal zu Ende: Wäre eine weitere Zusammenarbeit als Trainer und Athletin denkbar?

Rüegg: Das weiss ich nicht. Darüber würde ich mir Gedanken machen, wenn es so weit wäre.

Schlumpf: Würde ich das überhaupt machen wollen? Und würde es funktionieren, etwa emotional?

Bis jetzt funktioniert es. Ich bin nicht seit zehn Jahren immer gleich schnell.

Fabienne Schlumpf

War es je ein Thema, sportlich getrennte Wege zu gehen?

Schlumpf: Nein, nein. Auch ins Ausland zu gehen, war nie ein Thema für mich. Dafür bin ich hier zu stark verwurzelt. Gute Trainer gibt es in der Schweiz nur sehr wenige. Schaue ich mich um, gibt es gar keine Option, die infrage käme. Klar kommt immer mal wieder der Einwand: Du musst doch in deiner Karriere mal was Neues machen, neue Inputs erhalten, blablaba. Michi hat sich in den letzten Jahren entwickelt. Wenn ich zurückblicke und vergleiche mit jetzt, das hat sich sehr verändert. Bis jetzt funktioniert es. Ich bin nicht seit zehn Jahren immer gleich schnell.

Michi Rüegg, war es für Sie jemals ein Thema?

Rüegg: Wenn ich das Gefühl habe, jemanden weiterbringen zu können, ist es okay. Aber wenn ich sehe, dass dies nicht mehr der Fall ist, wäre es ein Thema.

Schlumpf: Das würdest du mir dann sagen, gell? (Lacht.)

Rüegg: Ja, das würde ich allen sagen, wenn ich sehe, dass ich nichts mehr beitragen kann, damit ein Athlet besser wird.

Wir stellen uns das schwierig vor, so eine Entscheidung der Partnerin mitteilen zu müssen.

Rüegg: Ich mir nicht. Die Entwicklung der Athletin steht im Zentrum. Es ist mein Job, dass sie besser wird. Wenn ich nicht das Gefühl habe, dass das, was ich momentan tue, das Beste ist für die Athletin, führt das zur Frage: Gibt es eine bessere Option? Natürlich ist man mit einer Athletin emotional verbunden. Aber das kann man ja auch dann noch sein, wenn man sie abgibt. Man verfolgt sie ja immer noch, einfach auf eine andere Art.

Zu erkennen, wo die eigenen Grenzen sind, ist unter Trainern nicht verbreitet.

Michi Rüegg

In dieser Frage spielt es keine Rolle, ob das nun Fabienne ist oder jemand anderes?

Rüegg: Genau. Eine Athletin hat vielleicht zehn Jahre. Wenn man drei davon vergeudet, ist das schade. Zu erkennen, wo die eigenen Grenzen sind, ist unter Trainern nicht verbreitet. Das zu sehen, ist schwierig, sich das einzugestehen noch schwieriger. Dadurch, dass ich eher der sachlich-analytische Typ bin, fällt mir das wohl einfacher.

Fabienne Schlumpf, wenn Ihre Karriere zu Ende ist, dürfte sich die Beziehung ändern. Wie stellen Sie sich das vor?

Schlumpf: Ich habe mir das tatsächlich schon überlegt. Ich habe einen gewissen Respekt davor. Nicht nur, was unsere Beziehung angeht, sondern auch, was mein Leben nach dem Sport angeht, weil ich nicht genau weiss, was sein wird. Es wird sich einspielen.

Wenn es in der Familie bleibt

Im Zürcher Oberland gibt es einige erfolgreiche Spitzensportler-Duos. Entweder sind es Geschwister. Oder Liebespaare. Wir stellen sie in einer kleinen Serie vor. Bisher erschienen:

Die Ustermer Schwimmgeschwister Antonio und Vanna Djakovic: Ihr gemeinsamer Traum treibt sie an

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