Er zieht die Notbremse – weil er endlich normal essen will
Fischenthaler Skispringer pausiert
Die letzte Weltcup-Saison brach er ab, die nächste nimmt er nicht in Angriff: Dominik Peter macht eine Auszeit. Die Ernährung ist der Grund.
Es ist ruhig geworden um Dominik Peter. Der Fischenthaler Skispringer, der 2021 an der Junioren-WM die Bronzemedaille gewann und als eines der hoffnungsvollsten Talente im Land gilt, startete weder an den European Games im Juni noch an einem der Sommer-Grand-Prix-Springen in den letzten Wochen.
Eigentlich wollte der 22-Jährige wieder angreifen nach einer schwierigen Saison, in der er mit einem 7. Rang zwar sein bisher bestes Weltcup-Resultat holte, die er aber auch vorzeitig abbrach, nachdem er sich an der bisherigen Trainercrew aufgerieben hatte.
Doch daraus wird nichts. Dominik Peter nimmt eine Auszeit und pausiert die komplette Saison 2023/2024. Der Fischenthaler spricht über die Gründe und sagt, wann er das Skispringen am meisten vermisst.
Sie lassen die komplette Wintersaison aus. Warum?
Dominik Peter: Die Probleme, die sich mit der Ernährung aufbauten, muss ich in den Griff bekommen, und dafür braucht es Zeit. Ich muss wieder einen gesunden Umgang mit der Ernährung finden.
Wann haben Sie sich für die Pause entschieden?
In der zweiten Trainingswoche im Mai merkte ich, dass die Freude und der Ehrgeiz im Sport in den Hintergrund rückten, weil ich mich in meinem Körper nicht wohlfühlte. Ich nahm mit Teamarzt Walter O. Frey Kontakt auf, und wir entschieden, dass ich bis im Herbst pausiere. Er vermittelte mir auch einen Psychologen, mit dem ich seither zusammenarbeite. Ich hatte die Wintersaison immer im Hinterkopf – aber ich brachte keinerlei Motivation mehr auf, mich wieder auf die extrem magere Ernährung einzustellen. Da musste ich mir eingestehen: Ich kann das und will das in diesem Jahr nicht. Weil ich auch merkte, dass ganz normale Abläufe im Körper nicht mehr funktionierten. Darum setzte ich auf die Gesundheit und nicht auf den Sport.
Die Ernährung bezeichneten Sie nach der letzten Saison als Energieräuber Nummer 1, wollten mit einer Ernährungsberatungsfirma den richtigen Weg finden. Hat das nicht funktioniert?
Das grundsätzliche Problem war nicht die gesunde Ernährung. Mein Wissen, was ich darf und was ich nicht darf, war schon fast zu gross. Ich war zu sehr im Tunnel in Bezug auf das, was ich alles nicht darf. Ich habe eine gewisse Postur, die für einen Skispringer ungünstig ist und mit der ich nicht extrem leicht sein kann. Ich bin quasi zu männlich, habe eine Breite im Oberkörper und eine gewisse Grundmuskulatur. Vom ursprünglichen Plan rückte ich ab, die Firma war sehr interessiert, aber es hätte mich sehr viel gekostet. Walter O. Frey hat mir den Ernährungswissenschaftler Christof Mannhart vermittelt, der im Skispringen Erfahrung hat. Mit ihm habe ich einen Plan aufgestellt.
Und doch nützte es nichts?
Ich spürte einfach nicht mehr dasselbe Feuer für den Sport wie noch vor einem Jahr. Und das hat nicht nur mit der Ernährung zu tun.

Womit denn noch?
Das möchte ich nicht öffentlich sagen. Ein grosser Faktor ist schon, dass mein Körper mit dem mageren Gewicht nicht mehr zurechtkam. Ich spürte kein Wohlbefinden mehr und verlor die Freude daran, täglich zweimal zu trainieren.
Also zogen Sie die Notbremse.
Ja. Um herunterzukommen, mal etwas anderes zu machen im Leben, das Leben neben dem Sport zu geniessen – und mir bewusst zu werden, was ich will.
Wann entscheiden Sie, ob Sie auf die nächste Saison hin wieder einsteigen?
Ich werde Anfang 2024 wieder zu trainieren beginnen und schauen, wie der Körper darauf reagiert – und ob die Freude wieder da ist. Nach einigen Wochen werde ich dann entscheiden, in welche Richtung es gehen soll. Derzeit habe ich mit der Ernährung alles komplett im Griff. Ich habe ein Sättigungsgefühl, das Leben macht mir Spass – alles ist normal.
Ich stehe am Morgen mit 100 Prozent Energie auf und nicht wie früher mit leeren Batterien.
Dominik Peter
Also essen Sie jetzt wie ein normaler Mensch und nicht wie ein Skispringer?
Ja, ich darf mich wie ein normaler Mensch ernähren und fühle mich auch wieder sehr wohl in meinem Körper. Ich stehe am Morgen mit 100 Prozent Energie auf und nicht wie früher mit leeren Batterien. Damit ich mich wohlfühlte, brauchte mein Körper ein wenig mehr Masse.
Und wenn Sie wieder mit dem Springen beginnen, riskieren Sie, wieder in alte Muster zurückzufallen?
Wenn ich mich für eine Rückkehr entscheide, wird der Verzicht extrem hoch sein, weil mein Körper mehr Masse hat als bei anderen Skispringern. Aber auf eine gesündere Art als früher muss es gehen – sonst gibts keine Zukunft.
Skispringen ist aber ein Sport, der ein gutes Essverhalten nicht gerade begünstigt.
Definitiv. Wenn man die Athleten im Winter sieht, sind sie zum Teil sehr an der Grenze. Das ist so. Aber ich habe auch keinen Lösungsansatz. Klar, man könnte das Mindestgewicht erhöhen. Aber es gibt nun einmal Athleten, die das einfach hinbringen, und andere haben mehr Mühe. Der Konkurrenzkampf in diesem Sport geht auf den Körper. Sonst wärs zu einfach.
Wie hat Swiss-Ski reagiert auf Ihren Entscheid?
Extrem schön. Sie standen vom ersten Tag an voll hinter mir. Skisprungchef Joel Bieri und Cheftrainer Rune Velta haben mir alle Unterstützung zugesichert, sie haben völliges Verständnis dafür. Auch mein Kaderstatus bleibt bestehen. Ich bin ja bei Weitem nicht der erste Athlet, der das macht. Rune Velta erzählte mir von jungen Springern in Norwegen, die eine Pause einlegen mussten, weil es körperlich nicht mehr funktionierte.
Und wie haben Ihre Sponsoren reagiert?
Sie finden es schade, aber alle stehen hinter mir. Die meisten wären sicher wieder mit dabei, wenn ich weitermache. Und einige unterstützen mich auch jetzt während der Pause.
Sie haben den Wechsel der Skisprung-Führungscrew begrüsst. Er scheint Früchte zu tragen. Gregor Deschwanden hat im Sommer-GP bereits drei Siege gefeiert. Wie nahe geht Ihnen das?
Ich freue mich für die Athleten wirklich sehr. Aber ich bin momentan so weit entfernt vom Spitzensport, dass es für mich keine Rolle spielt. Ich habe derzeit auch keinen Kontakt zum Team.
Wie erleben Sie das Leben abseits des Spitzensports?
Ich bin mir bewusst geworden, dass es dieses Leben überhaupt gibt – und dass ich nach der Karriere nicht in ein Loch fallen würde. Ich habe meine Freundin kennengelernt, ich habe einen coolen Job in einem guten Team in der Milchmanufaktur in Einsiedeln. Manchmal denke ich mir: Es musste wohl so sein. Es war wohl Schicksal.
Wann haben Sie Ihren letzten Sprung gemacht?
Am 18. Mai.
Wie oft haben Sie das Skispringen seither vermisst?
Jedes Mal, wenn ich in der Milchmanufaktur in der Mittagspause zur Schanze hochsehe. Dann denke ich zuerst: Es wäre schon toll. Doch dann kommen rasch die Gefühle, die mir sagen: Es wäre noch nicht richtig. Mein Körper ist noch nicht so weit.

Haben Sie denn derzeit einen Ernährungsplan?
Nein. Es gibt etwas zu essen, wenn ich Hunger habe.
Wann standen Sie zuletzt auf eine Waage?
Schon sehr lange nicht mehr. Im Mai, als das Training begann. Als ich dann zu Beginn meiner Auszeit merkte, dass mein Körper Masse aufbaute, fühlte ich mich sehr unwohl. Mittlerweile habe ich aber wieder ein gutes Wohlbefinden.
Wie viel schwerer sind Sie denn jetzt?
Ich habe keine Ahnung. Das Wägen lasse ich weg, Teamarzt Walter O. Frey hat mir das geraten. Damit ich mir punkto Körpergewicht keinen Druck mache.
Trainieren Sie derzeit überhaupt nicht?
Nein, gar nicht. Ich bewege mich bei der Arbeit, gehe Velo fahren und schwimmen – ich mache das, worauf ich Lust habe. Aber ohne einen Plan und ohne Hintergedanken.
Wie hoch schätzen Sie die Chance ein, dass Ihre Karriere als Skispringer weitergehen wird?
Derzeit würde ich sagen, 50 zu 50.
