Im Niemandsland stellt sich für Sauber die Fahrerfrage
Nach dem Heim-GP in Monza
Das Hinwiler Sauber-Team ist im Wandel. Und muss sich Gedanken über die Fahrerpaarung machen – nicht nur für die nächste Saison.
Näher liegt keine Destination im aktuellen Formel-1-Kalender. 268 Kilometer liegen zwischen dem Sauber-Werk und dem Autodromo Nazionale Monza. Und das Heimrennen hatte diesmal einen noch spezielleren Charakter. Nicht nur, weil 150 Sauber-Mitarbeiter auf der Tribüne sassen.
Sportlich war Monza speziell, weil Valtteri Bottas als Zehnter den ersten Punkt nach einer fünf Rennen dauernden Durststrecke einfuhr – mit einem von Fahrer, Boxencrew und Strategieabteilung fehlerfrei gestalteten Rennen.
Und perspektivisch war es ein besonderes Rennen, weil es quasi der letzte doppelte Heim-GP war, bevor Titelsponsor Alfa Romeo per Ende Saison aufhört. Dass der C43 am Wochenende mit einer Sonderbemalung in den Farben der italienischen Trikolore versehen war, hatte aber nichts mit diesem Abschied zu tun, sondern mit der Lancierung eines neuen Sportwagens des Herstellers.
Reines Marketing also. Das trifft auch auf die Partnerschaft mit Alfa Romeo zu, die seit 2018 dafür sorgt, dass die von der Sauber Motorsport AG in Hinwil konstruierten und gebauten Autos einen italienischen Namen tragen. Künftig werden übrigens beim Haas-Team die Ferrari-Motoren Alfa Romeo heissen. Man kann das alles auch einen Etikettenschwindel nennen. Einen, der für Sauber jedoch zum richtigen Zeitpunkt kam: Das Team stabilisierte sich nach Jahren der Unsicherheit und des Existenzkampfs.

Sportlich aber stellte sich der Aufschwung nicht im erhofften Mass ein. Letzte Saison schien es kurz, als könnten die Hinwiler um die Positionen gleich hinter der Spitze mitkämpfen. Doch jetzt balgen sie sich mit Haas und AlphaTauri um die letzten drei WM-Ränge. Daran ändert der eine Punkt aus Monza nichts. Alfa Romeo – also Sauber – ist sportlich im Niemandsland.
Eigentlich passt das ganz gut, denn auch neben der Rennstrecke befindet man sich irgendwo im luftleeren Raum. Zwar ist die Perspektive gut: 2026 werden die Hinwiler Werksteam von Audi. Aber nach dieser Saison ist das Team voraussichtlich erstmal einfach wieder Sauber – und muss sich für den neuen Besitzer fit machen.
Verantwortlich dafür ist Andreas Seidl, der im Januar als CEO nach Hinwil kam. In der Öffentlichkeit trat er bisher gar nicht in Erscheinung – dabei ist er durchaus mediengewandt, wie man aus seiner Zeit als Teamchef von McLaren weiss. Womöglich ändert sich das Ende Saison mit dem Abgang von Alfa Romeo.

Personelle Veränderungen hat Seidl bereits vorgenommen: Anfang September begann der neue technische Direktor James Key, der den im Juni freigestellten Jan Monchaux ersetzt. Key ist auch ein Hoffnungsträger. «Priorität hat für ihn, die Performance des Autos zu verbessern und Andreas Seidl bei der Entwicklung der Technikabteilung zu unterstützen», sagte Teamvertreter Alessandro Alunni Bravi vor der Sommerpause.
Um eine weitere Personalfrage dürfte sich Seidl derzeit vordringlich kümmern: Noch steht mit Valtteri Bottas erst ein Fahrer für die nächste Saison unter Vertrag. Alunni Bravi sagte zwar vor einigen Wochen, das Ziel sei es, mit beiden aktuellen Fahrern weiterzumachen. Doch die Vertragsverlängerung mit Zhou Guanyu lässt auf sich warten. Der seit 2021 für Sauber fahrende Chinese sprach in Monza davon, es gehe nur noch um Details. «Ich weiss nicht, wann ich unterschreibe, aber wir kommen der Unterschrift immer näher», sagte Zhou gegenüber «racingnews365.com».
Fakt oder Zweckoptimismus? Die Gerüchteküchte bietet die Geschichte feil, wonach es um den finanziellen Support des Chinesen nicht mehr so gut steht. Unter den Kandidaten für das Cockpit soll sich auch Sauber-Nachwuchspilot Théo Pourchaire befinden. Der 20-jährige Franzose baute in Monza seine Führung in der Formel 2 aus, der Gesamtsieg ist greifbar nahe.

Die Frage dürfte aber auch lauten: Was macht für Audi mehr Sinn? Und hier könnte Zhou im Vorteil sein: Audi will seine Marktposition in China stärken – da käme ein chinesischer Formel-1-Pilot im Werksteam nicht ungelegen.
Spätestens für die Saison 2025 dürfte Audi in der Fahrerfrage ein gewichtiges Wort mitreden. Der Vertrag von Valtteri Bottas läuft Ende 2024 aus. Der Finne bekräftigte mehrfach seine Absicht, auch unter Audi-Flagge noch für das Hinwiler Team zu fahren.
Und noch einer scheint interessiert, auch wenn er das nicht öffentlich sagt und Gerüchte über einen Vorvertrag für 2025 heftig dementierte: Ferrari-Pilot Carlos Sainz. Sein Vater, Rallye-Legende Carlos Sainz senior, pflegt gute Kontakte zu Audi – und sprach jüngst in einem Interview davon, dass durchaus Kontakte bestünden, «aber derzeit ist nichts konkret».

Dass er, der Vater, einem Wechsel seines Sohnes nicht abgeneigt wäre, daraus machte er keinen Hehl. Und das hat mit Sauber-CEO Seidl zu tun, der Sainz junior von seiner Zeit bei McLaren kennt. «Die beiden kennen sich sehr gut und hatten Erfolg. Ich glaube, Andreas ist einer jener Manager, die Carlos, seinen Speed und sein Feedback am meisten schätzen.»
Ein schöner Werbespot ist das allemal. Der Vertrag von Sainz bei Ferrari läuft jedenfalls auch Ende 2024 aus.