Zu Hause stürmt es sich am besten
Rütner Angreifer
Esmir Rastoder steht in Rüti nach dem Abgang von Topskorer Edison Syla noch stärker im Fokus.
Wer sich auf die Suche nach der Identität des FC Rüti begeben will, dem sei empfohlen, vorab einen Blick auf die Tabelle der abgelaufenen Zweitliga-Saison in der Gruppe 2 zu werfen. Das Muster, das sich dort offenbart, ist sogar für den oft unberechenbaren Amateurfussball bemerkenswert gut zu erkennen.
Mit dem 5. Rang und 41 Punkten gehört die Mannschaft zwar zum besseren Mittelfeld. Doch dieses Bild ist ein Mittel aus Extremen. Sowohl die 83 erzielten Tore als auch die 161 Strafpunkte sind in der Gruppe einsame Spitzenwerte.
Die 67 Gegentreffer sind dagegen: Abstiegsniveau. Das wiederum legt den Schluss nahe, dass der FC Rüti sein Heil im animierten Spiel nach vorne sucht. Und nicht in der defensiven Disziplin.
Die Erkenntnis ist freilich keine neue. Schaut man sich die Auftritte des FC Rüti in den vergangenen Jahren an, wird schnell offensichtlich, dass dieser Fussball zur DNA gehört. Das Team ist eingespielt, viele Spieler sind in diesem Klub gross geworden.
31 Tore sind weg
«Ich habe schon ein paar graue Haare bekommen», sagt Ursal Yasar und lacht herzhaft. Er ist an diesem heissen, schwülen Dienstagabend gerade dabei, für das Training die Hütchen auf der Schützenwiese zu verteilen.
Der einstige FCZ-Profi hat die Rütner als Trainer im Dezember 2021 übernommen und weiss inzwischen genau, wie man sie spielen lassen muss. Er sieht in seinem Team einen Aufstiegskandidaten, spricht von Vorsprüngen, die man dumm hergegeben habe, und von Emotionen, die man in den Griff bekommen muss.
Vor allem weiss er, dass man mit Edison Syla den besten Torschützen der Liga an den Erstligisten Tuggen verloren hat. 31 Tore hatte der 27-jährige Stürmer letzte Saison erzielt – nur vier weniger als der ganze Ligakonkurrent Phönix Seen. Für eine Mannschaft, die vom Angriff lebt, ist das erheblich.
Die Frage lautet denn auch ziemlich unbescheiden: Wie ersetzt man so viele Tore? «Im Kollektiv und ganz sicher nicht 1:1», antwortet Yasar bestimmt. «Alles andere wäre unfair gegenüber Esmir.»

Der angesprochene Esmir Rastoder jongliert derweil am anderen Ende des Platzes für den Fotografen. Er tut dies blendend gelaunt – trotz der erbarmungslosen Hitze. Der Umstand, dass die lokale Zeitung eine Geschichte zu seiner Personalie macht, insinuiert, dass es auf ihn ankommen wird. Das scheint ihm zu gefallen.
In der abgelaufenen Spielzeit hatte Rastoder noch mehrheitlich am Flügel gespielt, nun dürfte er den Platz von Edison Syla im Sturmzentrum einnehmen. Er sagt: «In der Saison 2017/2018 haben Taulant Syla und ich in der 2. Liga interregional fast 40 Tore geschossen. Das werden wir nun wieder tun.»
Es «passt einfach» in Rüti
Das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten ist offenbar stattlich – auch weil der gemeinsame Rütner Erfahrungsschatz gross ist. Tatsächlich ist der Kern rund um den Captain und Offensivmotor Taulant Syla schon seit Jahren zusammen.
«Drei Viertel des Teams von 2016 sind noch da», bricht es Esmir Rastoder herunter. «Wenn man sich seit Kindsbeinen auf und neben dem Platz kennt, dann passt das einfach. Das macht Freude.»
Auch der 23-Jährige ist in diesem Klub aufgewachsen. Während sein jüngerer Bruder Elmin früh auszog, um sich über den GC-Stützpunkt in Rapperswil den Traum vom Profitum zu erkämpfen, ist er geblieben, um das Toreschiessen in Rüti zu lernen.
«Ich war öfters im Ausgang, habe das Leben neben dem Fussball genossen.
Esmir Rastoder
«Ich war öfters im Ausgang, habe das Leben neben dem Fussball genossen», sagt Esmir Rastoder, der heute als Aussendienstmitarbeiter bei einer Versicherung in der Region arbeitet. Von Bedauern keine Spur. Im Gegenteil: Es erfüllt ihn mit Stolz, dass Elmin letzte Saison bei Vaduz in der Challenge League stürmte und nun bei GC im Super-League-Kader steht.
Dennoch scheint es, als musste auch er ausziehen, um die Freude am Fussball mit einer Rückkehr neu zu entdecken. Wie heute die Tormaschine Edison Syla, deren Platz er einnehmen soll, hat er im Januar 2020 den Sprung in die 1. Liga gewagt. Zuerst zum FC Tuggen. Später, im Januar 2022, unternahm er beim FC Linth 04 einen zweiten Versuch.
Die Umstände hatten es freilich wenig gut mit ihm gemeint. Corona, eine Knieoperation und ein zu frühes Comeback bremsten seine Ambitionen aus und schlugen ihm aufs Gemüt. Im Sommer 2022 entschied er sich, definitiv den Heimweg nach Rüti anzutreten. Im Rucksack nur sechs Spiele und ein Tor.
Hat er nicht etwas schnell aufgegeben? «Nein, ich bin zum Schluss gekommen, dass ich wieder Freude am Spiel haben will. In Rüti kann ich das.» Der Umstand, dass man ihn hier nun braucht, dürfte das Seine dazu beitragen. Er sei bereit, Verantwortung zu übernehmen und fühle sich verpflichtet, Tore zu schiessen, sagt er denn auch.
«Die Freude hat er definitiv wiedergefunden.
Ursal Yasar, Trainer FC Rüti
Derweil will der Trainer Yasar eine steigende Formkurve erkannt haben. Nach zwei Jahren mit wenig Spielpraxis habe Esmir Rastoder vor allem in der abgelaufenen Rückrunde wieder richtig Tritt gefasst. Er hoffe, dass er diesen Schwung nun in die neue Saison mitnehmen könne.
«Die Freude hat er definitiv wiedergefunden», stellt Yasar zufrieden fest. Wohlwissend, dass das Timing besser kaum sein könnte.
Lesen Sie hier mehr zur Saisonvorschau des FC Rüti.
