Greifensee im Spannungsfeld der Gefühle
Vor dem Cup-Halbfinal
Cup-Triumph und Klassenerhalt oder Halbfinal-Aus und Abstieg aus der 2. Liga – alles ist möglich.
Der FC Greifensee steht vor wegweisenden Spielen.
Wer wenn nicht der FC Greifensee soll den FVRZ-Cup gewinnen? Diese Frage kommt nicht von ungefähr. Seuzach, der Halbfinalgegner vom Donnerstag, hat seit der ersten Austragung den Pokal noch nie gewinnen können. Dasselbe gilt auch für Witikon und Bülach – die anderen verbliebenen Kontrahenten.
Zum anderen sind die Greifenseer eigentliche Cup-Spezialisten. Gleich zweimal – in den Jahren 2014 und 2018 – holten sie den Titel. Ähnliches ist im Zürcher Regionalfussball einzig noch Bassersdorf gelungen.
«Diese Erfolge haben sicher mit einer gewissen Kampfbereitschaft zu tun. Dass unsere Spieler in solchen Momenten auf den Punkt bereit sind», sagt FCG-Coach Felix Bollmann. Er muss es wissen, war er doch beim letzten Triumph bereits Trainer des Teams.
Bollmann verliess Ende 2018 den Verein. Doch auch ohne ihn war der Zweitligist in den letzten beiden Saisons erneut nahe an einem Coup im Cup. Im Vorjahr scheiterte er in den Viertelfinals zu Hause an Witikon (0:2), 2021 bedeutete Unterstrass (0:2) die Endstation.
In der Liga unter Druck
Besonders damals: Im Halbfinalduell vor zwei Jahren gegen die Stadtzürcher entschieden die Klubführung und der damalige Trainer, hinsichtlich der letzten Meisterschaftsrunde einen Grossteil der Stammkräfte zu schonen. Der Grund: Bei einer Niederlage hätte der FCG im schlechtesten Fall absteigen können. Weitgehend chancenlos war er so im K.-o.-Vergleich gegen Unterstrass.
Im Nachhinein betrachtet hätte man sich diese personelle Massnahme sparen können. Bereits vor Anpfiff des letzten Spiels war der Ligaerhalt der Greifenseer auf sicher gewesen.
Ähnlich diffizil sieht es in dieser Meisterschaft zwei Spieltage vor Schluss aus. Der FCG verharrt nach der 1:2-Niederlage gegen Veltheim auf dem elften Platz – unmittelbar über den Abstiegsrängen.
Doch eine Garantie auf den Ligaerhalt ist selbst die aktuelle Klassierung nicht. Gibt es mehr Interregio-Absteiger aus dem Fussballverband der Region Zürich als Aufsteiger, trifft es einen oder sogar beide Viertletzten der Zweitliga-Gruppen zusätzlich.
Der auf diese Rückrunde aufs Greifenseer Grossriet zurückgekehrte Bollmann ist entsprechend hin- und hergerissen. «Es ist schon eine schwierige Lage», sagt der Trainer.
Ob er im Cup mit Blick auf das kapitale Spiel vom Sonntag beim Tabellenletzten Beringen nun auf den einen oder anderen Leistungsträger verzichten wird, lässt er deshalb offen.
«Ein Sieg im Cup kann sicher auch positive Energie freisetzen», findet Bollmann. Und er weiss aus eigener Erfahrung, was ein solches Cup-Fest innerhalb des Vereins auslösen kann. «Ähnliches wieder zu erleben, wäre schon toll.»
Bleibende Cup-Erinnerung
Nach dem dramatischen Titelgewinn im Penaltyschiessen über Embrach erhielt der FCG den damaligen Challenge-League-Klub Winterthur im Schweizer Cup zugelost. Über 1100 Besucherinnen und Besucher kamen zum Spiel und sorgten für einen neuen Rekord. «Wir zogen uns beachtlich aus der Affäre», erinnert sich Bollmann an das 0:3 gegen die Profifussballer.

Der Trainer verliert trotz den schönen Erinnerungen und der Sehnsucht nach einem erneuten Greifenseer Cup-Abenteuer nicht den Blick für das Wesentliche. Bollmann sagt: «Wenn ich zwischen den beiden Optionen wählen muss, entscheide ich mich für den Klassenerhalt.»
Es gibt nämlich auch gute Gründe, sich um das Greifenseer Team Sorgen zu machen. Es erzielte zuletzt nicht nur kaum mehr Tore, sondern befindet sich nahezu im freien Fall. In den letzten neun Meisterschaftspartien resultierten grad einmal noch zwei Unentschieden.
Das einzige Erfolgserlebnis in dieser Phase war das glückliche Weiterkommen im Cup gegen Einsiedeln. Der FCG verspielte da in der Schlussphase tatsächlich einen 2:0-Vorsprung, er behielt aber im anschliessenden Penaltyschiessen die besseren Nerven.
Die von Felix Bollmann eingangs erwähnten kämpferischen Greifenseer Tugenden müssen also dringendst wieder zum Vorschein kommen. Ansonsten droht nicht nur das Halbfinal-Aus im FVRZ-Cup, sondern der Abstieg – nach zwölf Jahren in der 2. Liga.