Im Gleichschritt zur grossen Eishockey-Karriere
Geschwister Baechler aus Illnau
Nicolas und Alessia Baechler haben die Hockey-DNA bei der Geburt mitbekommen. Heute stehen sie bei den ZSC Lions vor der Türschwelle zum grossen Hockey-Kino.
Arnold Lörtscher, Daniel Weber, Marcel Jenni, Victor Stancescu, Melvin Nyffeler, Mike Künzle: Die Liste erfolgreicher Eishockeyspieler, die ihr Handwerk einst im Eselriet erlernt haben, ist zwar nicht übermässig lang, doch sie liest sich gut.
Das ist für einen kleinen Verein wie den EHC Illnau-Effretikon, der in erster Linie von seinen Mitgliedern lebt, nicht unerheblich. Im Buhlen um den Nachwuchs ist die Konkurrenz durch andere Freizeitangebote gross. Aushängeschilder mit Strahlkraft sind da ein Wettbewerbsvorteil.
Als solche können die Illnauer Geschwister Nicolas und Alessia Baechler im Frühling 2023 zwar noch nicht herhalten. Angesichts des Potenzials, das ihnen die Trainer attestieren, darf man beim EIE aber guter Dinge sein, dass sich das schon bald einmal ändert.
Fakt ist: Der 19-jährige Nicolas hat in diesen Playoffs bei den ZSC Lions in der National League gestürmt. Die 17-jährige Alessia verteidigt für die Lions bei den Buben der U17-Elit, in der höchsten Frauenliga und im Nationalteam.
Die Chilbi soll ein Fixtermin bleiben
Am Stammtisch im Illnauer «Rössli» kennt man die zwei jedenfalls schon – und das ganz ohne Ausrüstung. «Sagt dann einen Gruss zu Hause», ruft ein Mann ungeniert laut aus der Ecke, als sie sich zum Gespräch an den Tisch setzen. Nicolas Baechler nickt ihm freundlich zu.
Er sagt: «Obschon wir noch im Elternhaus wohnen, sind wir natürlich nicht mehr so oft hier. Der Lebensmittelpunkt hat sich halt schon verschoben.» Es klingt fast schon ein wenig entschuldigend. Die Chilbi aber, das will Alessia festgehalten haben, werde auch künftig ein Fixtermin bleiben.
Tatsächlich gehen die Wurzeln der Baechlers tief. Im Ort und im EIE. Insbesondere das Sportzentrum Eselriet ist für die beiden ein Stück Heimat – obwohl Nicolas und Alessia schon seit Jahren in Zürich spielen.
Bereits Vater Michael lief jahrelang für den Verein auf. Der Onkel Matthias zog nach der Juniorenzeit aus, um für Fribourg, Kloten und Chur in der höchsten Liga zu stürmen. Und auch die Tante Mirjam hatte sich dem Sport mit Haut und Haar verschrieben: Sie war Nationalspielerin, spielte mitunter in Kanada und trug das Dress des damaligen EIE-Frauenteams in der höchsten Liga bis in die 2000er Jahre.
Hockey-Romantik im Eselriet
Nicolas und Alessia Baechler haben davon zwar nicht wirklich viel mitbekommen. Die Hockey-DNA der Familie ist ihnen dennoch übertragen worden. «Wir spielten gemeinsam Hockey im Keller und draussen auf der Quartierstrasse», erinnert sich Alessia. Anfänglich steht sie dabei im Tor. Später, als sie sich auf dem Eis als Feldspielerin versucht, muss eine Torwand her.
Zuerst stand mein Match auf dem Programm, dann ein Turnier von Alessia und zuletzt das Seniorenspiel des Vaters. Dazwischen wurde ‹gechneblet›.
Nicolas Baechler
«Es gab Tage, an denen wir den ganzen Tag auf der damals noch offenen Eisbahn verbrachten», erzählt Nicolas Baechler. «Zuerst stand mein Match auf dem Programm, dann ein Turnier von Alessia und zuletzt das Seniorenspiel des Vaters. Dazwischen wurde ‹gechneblet›.» Hockey-Romantik im Eselriet.
Nebenbei versuchen sich die zwei auch in anderen Sportarten. Nicolas spielt Fussball, Alessia Tennis. Erst im Teenageralter entschliessen sich die beiden, voll auf Eishockey zu setzen. Die polysportiven Anfänge sind indessen nicht zu unterschätzen – Ausnahmekönner wie Roger Federer oder Nico Hischier sehen eben darin ein Erfolgsgeheimnis ihrer Karrieren.
Um den nächsten Schritt zu machen, zieht es Nicolas mit 13 in die Organisation der ZSC Lions. Gleichzeitig wechselt er ans Langzeitgymnasium für Sportler an der Kantonsschule Rämibühl. Die Schwester, die sich eng am Weg ihres Bruders orientiert, tut es ihm zwei Jahre später gleich.
An der Herausforderung gewachsen
Während viele Jugendliche an einer solchen Doppelbelastung scheitern, wachsen die Baechlers an ihr – wobei insbesondere die Kadenz von Alessia bemerkenswert hoch ist. Schon mit 14 debütiert sie in der höchsten Frauenliga und in der U18-Nationalmannschaft, mit 16 dann in der Nationalmannschaft.
Heute, noch nicht einmal 18-jährig, hat sie bereits zwei Meistertitel gewonnen – wobei sie den Lions den ersten im Frühling 2022 mit dem Siegtreffer im Playoff-Final gleich selbst sicherte. Parallel dazu spielt sie als einzige Frau mit den ZSC-Buben auf der höchsten nationalen U17-Stufe.
Als Mitglied der Frauennationalmannschaft ist sie vor einigen Tagen von ihrer zweiten Weltmeisterschaft in Kanada zurückgekehrt. Ohne Medaille zwar, die ging im Bronze-Spiel mit 2:3 an Tschechien verloren. Aber mit der Gewissheit, eine der zwei Topverteidigerinnen des Teams zu sein.

Das beeindruckt den Bruder Nicolas, der sich Alessias WM-Partien wenn immer möglich im TV angesehen hat. Er sagt: «In so jungen Jahren eine derart tragende Rolle zu übernehmen, ist schon stark. Davor ziehe ich den Hut.»
Fussbruch – und dann Playoffs
Bei ihm selbst hat es mit dem Aufstieg etwas länger gedauert. Anfänglich noch nicht auf dem Radar der Auswahltrainer, arbeitet er sich Schritt für Schritt zu den GCK Lions in die Swiss League hoch.
Auf diesem Level kann sich der Mittelstürmer mit seiner starken Physis und einer guten Arbeitseinstellung etablieren – was ihm im Winter 2021 ein erstes Aufgebot für die U20-Weltmeisterschaft und in dieser Saison erste Ergänzungsaufgebote bei den ZSC Lions in der National League einbringt.
An seiner zweiten U20-Weltmeisterschaft holt ihn dann im Dezember 2022 das Pech ein. Als Assistant Captain bricht er sich im zweiten Spiel den Fuss. So ist er erst zu den Playoffs wieder fit – und profitiert dabei unverhofft vom Trainerwechsel, den die ZSC Lions in der Winterpause vollzogen haben.
Um Bewegung ins Kader zu bringen, mischt der Kanadier Marc Crawford die Karten neu. Eine Chance, die Nicolas Baechler nutzt. Als Flügel kommt er zu sieben Playoff-Einsätzen und durchschnittlich zehn Minuten Eiszeit pro Spiel. Vor allem aber erzielt er im vierten Spiel der Viertelfinalserie sein erstes Tor bei den Profis – es ist ein derart spektakulärer Treffer, dass er eigentlich eine Nomination zum Tor des Monats verdient hätte.
🤩 FIRST OF MANY!
🦁 Nicolas Baechler schiesst die @zsclions in seinem 11. #NL-Spiel in die Führung. #PlayoffsUndSuschNüt pic.twitter.com/YyycSBsnIM
— MySports (@MySports_CH) March 22, 2023
«Es ist sicherlich eines der schöneren Tore in meiner Karriere», sagt Nicolas Baechler und lächelt etwas verlegen. Den Respekt der Schwester hat er jedenfalls auf sicher. «Ich habe gestaunt – und mich riesig für dich gefreut.»
Im Sommer steht die Matur an
Diesen Moment, so viel ist unbestritten, kann ihm niemand mehr nehmen. Doch auf dem Weg ans Ziel ist er eben auch nicht mehr als ein kleiner symbolischer Schritt. Er sagt: «Ich will mir einen Stammplatz in der National League erarbeiten.»
Und er weiss, dass er dafür sein defensives Spiel konstant halten und sich gleichzeitig offensiv Stück für Stück entfalten muss. Es dürfte helfen, dass er in diesem Sommer die Matur ablegen wird und sich danach uneingeschränkt aufs Eishockey konzentrieren kann.
Für Alessia Baechler gilt es dagegen, noch einmal eine Saison doppelspurig weiterzufahren. Insbesondere bei den Buben kann sie profitieren, da das Niveau höher ist als jenes der Frauenliga.
Ihre Perspektiven sind aber grundlegend andere als jene von Bruder Nicolas. Da das Fraueneishockey in Europa nach wie vor ein brotloses Gewerbe ist, strebt sie dereinst einen Wechsel ins amerikanische College Hockey an. So, wie es schon die Grossen ihrer Gilde, die Stürmerin Alina Müller und die Goalie-Ikone Florence Schelling, getan haben.
Beide konnten sich dort unter idealen sportlichen Bedingungen zu den Weltbesten ihres Fachs entwickeln. Und mit Mirco Müller respektive Philippe Schelling auf einen Bruder im Profieishockey zählen, der sie spiegeln konnte.
Anders formuliert: Die Geschichte der Baechlers hat noch viel Potenzial.
