Im steten Kampf mit den eigenen Kräften
Wetziker Langläuferin

Flavia Brun aus Wetzikon erlebte ihren schwierigsten Engadin Skimarathon. Mitunter führte dies auch zu unbekannten Gefühlen unterwegs und nach den über 42 Kilometern.
Irgendwann sagte sich Flavia Brun unterwegs zwischen Maloja und S-chanf: «Egal wie, Hauptsache, ich schaffe es ins Ziel.» Nach 3:42:37 Stunden war es so weit: Die Wetzikerin überquerte die Linie.
Stolz empfand sie, aber richtig glücklich fühlte sie sich nicht. «Den Umständen entsprechend», sagte sie zu dem, was sie bewältigt und erlebt hatte. Und ergänzte: «Das war ein schwieriger Marathon, verbunden mit viel Kampf.»
Zum Vergleich, letztes Jahr war die Psychologie-Studentin an der Uni Bern nach 2:56:08 Stunden im Ziel.
Diese Auseinandersetzung mit den eigenen Kräften begann ungewöhnlich früh: mit dem Start. Auf den Seen forderte die harte, eisige Unterlage. Die Bemühungen der Organisatoren, dieses Eis ohne Schnee aufzureihen, war zwar lobenswert, gerade für technisch weniger Geübte wurde es dennoch schwierig.
Brun beschreibt: «Du glittest immer wieder aus und weg. Das erforderte viel Kraft und Energie. Die Folge davon: Das Rennen wurde unruhig.»
Kein spezifisches Training
Für die 20-Jährige kamen diese Schwierigkeiten nicht überraschend. Die Sicherheit fehlte erklärtermassen auf den Ski.
Der schlechte Winter, der Schneemangel führte dazu, dass das Langlauf-Training zu kurz kam.
Auch in den Winterferien in Engelberg Anfang Januar. «Relativ grün und trostlos war’s», sagt sie dazu. Das Langlaufen bereitete wenig Spass auf einer 1-km-Runde in schlechtem Zustand.
Die Oberländerin schnallte die Skating-Ski deshalb ein einziges Mal an. Dabei blieb es: bis zum Marathon.
Beunruhigen liess sich Brun dadurch nicht. Sie sagte sich: «Den Unterländern ging es allen so, und zudem bin ich sonst ziemlich fit.» Mit drei bis vier Sequenzen pro Woche im Fitness, mit Laufen und einem generell aktiven Leben ist die ehemalige Fussballerin beim FC Wetzikon in einer guten Verfassung.
Dennoch hielt sie nach dem Rennen dezidiert fest: «Du brauchst Kilometer, je mehr desto besser. Mit einer eingeübten Technik ginge es schneller und einfacher.»
Der Mega-Stau
Nicht besonders förderlich für die Moral waren Engpässe unterwegs gewesen. Nerven kostete Brun vor allem derjenige Ende des St. Moritzersees.
Das kostete mich rund 20 Minuten mit Skirutschen im Schneckentempo.
Flavia Brun
Sie sagt: «Das war ein Mega-Stau. Der kostete mich rund 20 Minuten mit Skirutschen im Schneckentempo.» Verantwortlich dafür war die neue Streckenführung zum Stazerwald aufgrund des Schneemangels.
Zum Langlaufen gekommen war Brun bereits als Siebenjährige. Doch nachhaltig Eindruck im erfreulichen Sinn machten diese Versuche auf den Klassisch-Ski nicht: «Zum schnellen Vorwärtsgleiten des Vaters und des älteren Bruders fehlte zu viel.»
Weit mehr Gefallen fand sie in der Folge am Skifahren und Snowboarden. Immer intensiver war sie unterwegs.
Doch wegen Knieproblemen musste Brun zurückstecken. Und sie kam zurück zum Langlaufen. Mit 13 konnte auch sie skaten. Die Technik faszinierte sie, das Anstrengende beflügelte. Von «einem super Training», spricht sie. Und sie erkannte schnell die Möglichkeit, sich zu fordern.
Der Engadin Skimarathon bekam so seine Rolle: zuerst über die Halbmarathon-Distanz, 2019 erstmals über die Originalstrecke. Aufgrund der beiden Absagen meisterte sie nun die Marathon-Distanz zum dritten Mal – und: leider am langsamsten.
Ein Stelldichein der Familie
Dieser zweite März-Sonntag im Engadin ist für Flavia Brun mehr als nur ein Fixpunkt in ihrem Sportkalender.
Er ist für die Familie Brun zu einem Familien- und Bekanntentreffen geworden. Mit von der Partie sind auch jeweils der Vater, Onkel, Bruder, Cousins und weitere Freunde und Bekannte.
Und diese werden begleitet und unterstützt. Jene, die sich dieses Abenteuer nicht selber zumuten, stehen am Streckenrand und spenden entscheidende Unterstützung in Form von Zurufen, abgestimmten Worten und Verpflegung.
«Das Marathon-Wochenende ist immer wieder ein Riesenerlebnis», sagt Brun.
Und nach dem Rennen lässt sich das Erlebte gemeinsam Revue passieren. «Das macht das Ganze besonders wertvoll.» Schnell gefasst werden Vorsätze fürs nächste Jahr: «Seriöser trainieren, vor allem auf den Langlaufski.»
Und Inspiration findet sich gar in der Familie: Cousin Silvan lief die Strecke in 2:27 Stunden – ohne ein einziges Schneetraining.
Anja Webers Doppelpremiere
Für das Vorzeigeergebnis am Engadin Skimarathon aus Oberländer Sicht sorgte Anja Weber. Die Hinwiler Nationalkader-Überraschung dieses Winters lief bei ihrer ersten Teilnahme am Klassiker auf Platz 3, geschlagen nur von den Teamkolleginnen Giuliana Werro und Nadja Kälin. Bis der Podestrang allerdings im Trockenen war, brauchte die 21-Jährige einiges an Nerven und Coolness.
Am Engadin Skimarathon hatte sich Anja Weber erstmals beteiligt. Und sie kam schnell zu einer zweiten Premiere. In einem Positionskampf auf dem Silvaplanersee brach sie sich einen Stock. «Das habe ich noch nie erlebt», sagte sie. Die Folge war nerven- und energieintensiv. Bis zum Schanzenaufstieg in St. Moritz lief sie mit einem Stock, dann zwar wieder mit zwei, aber einem, der viel zu lang war. Erst in Pontresina verfügte sie wieder über zwei gleichwertige Stöcke.
Und die Aufholjagd auf «all die Entflogenen» kostete viel Kraft. Dass es dennoch zu Rang 3 reichte, erfüllt sie mit Stolz – zu Recht. Rang 19 bei den Frauen belegt die Gibwilerin Siri Wigger. Gar am Werro-Sieg partizipiert Nicola Wigger (78.) Er unterstützte unter anderem mit Windschattenspenden Siegerin Werro bei ihrem Solovorstoss und anschliessend beim Verteidigen dieser Position an der Frauenspitze. (gre)
