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Deshalb klettert diese Tösstalerin nun für Brasilien

Anja Köhler aus Wila hat an den Landesmeisterschaften abgeräumt – allerdings nicht in der Schweiz. Jetzt geht sie einen Schritt weiter.

Anja Köhler aus Wila wurde auf Anhieb dreifache brasilianische Meisterin.

Carol Coelho

Deshalb klettert diese Tösstalerin nun für Brasilien

Wilemer Sportkletterin

Anja Köhler aus Wila hat bei den Landesmeisterschaften gross abgeräumt – allerdings nicht in der Schweiz. Jetzt geht sie einen Schritt weiter und wechselt die Landesfarben.

Es ist eine ungewöhnliche Nachricht. Die Schweizer Nachwuchshoffnung Anja Köhler aus Wila klettert künftig für Brasilien.

Möglich wurde der Nationenwechsel wegen der brasilianischen Wurzeln ihres Vaters. «Der Verband war schon etwas überrascht», sagt Köhler und spricht selbst von einem persönlich schwierigen Entscheid.

Gewachsen ist er im Verlauf des letzten Halbjahrs, nachdem sie im Rahmen ihres ersten Weltcup-Starts in Meiringen mit dem brasilianischen Team ins Gespräch gekommen war – und kurz darauf einer Einladung für ein Trainingslager nach Innsbruck (AUT) folgte.

Endgültig den Stein ins Rollen brachte im Herbst dann eine Reise nach Brasilien. Diese nutzte sie gleich für die Teilnahme an den nationalen Meisterschaften – mit durchschlagendem Erfolg. 

Anja Köhler, Kletterin aus Wila
Anja Köhler (Mitte) zuoberst auf dem Siegerpodest.

Köhler räumte auf Stufe Elite gross ab. Sie holte sich den Titel in den Kategorien Lead, Bouldern und Kombination.

Das Titel-Triple hat Köhler nun weitere Türen geöffnet. Nach zwei Auftritten bei Heimweltcups im letzten Jahr wird die Tösstalerin in der im April beginnenden Saison regelmässig auf höchster Stufe im Einsatz stehen. Nur eben für Brasilien. Die 19-Jährige setzt sich dabei noch nicht allzu hohe Ziele und spricht davon, «im Weltcup ankommen zu wollen».

Den Stil anpassen

Unterstützung kriegt sie dabei von Jara Späte. Die Wolfhauserin, am Regionalzentrum Zürich für den U16-Nachwuchs zuständig, erarbeitet für Köhler die Trainingspläne. Und ist einmal in der Woche mit ihr an der Kletterwand.

Dabei definieren die beiden auch immer wieder eine Standortbestimmung. So steht mit Blick auf die kommenden Weltcups derzeit eine Anpassung des Kletterstils der 1,57 Meter grossen Köhler im Fokus.

«Ich glaube, dass die Routen viel kräfteraubender werden. Im Lead muss ich lernen, einfacher vorwärts zu klettern, da es kaum mehr Ruhepositionen gibt», sagt sie.

Zu weiteren Bewährungsproben im Weltcup wäre Köhler wohl auch im Schweizer Team gekommen. Nur aufgrund der grösseren Kader-Leistungsdichte nicht so regelmässig. Sie selbst ordnet sich in der Disziplin Lead derzeit national etwa auf Position 4 oder 5 ein.

Ihr Kletteralltag fand so bis anhin vor allem im Jugend-Europacup statt, wo sie im Juli 2021 im bulgarischen Tarnowo ihren ersten Sieg in der Kategorie Lead feiern konnte.

Bleibend in Erinnerung sind ihr zudem der sechste Platz an der Jugend-EM in Augsburg (GER) im Lead und die Silbermedaille im Bouldern an der Elite-SM – beides im letzten Jahr.

Ich mache beide Disziplinen gerne. Und sie ergänzen gut.

Anja Köhler, Kletterin aus Wila

Diese Resultate zeigen ihre Vielseitigkeit. «Ich mache beide Disziplinen gerne. Und sie ergänzen sich gut», findet Köhler. Dem pflichtet Trainerin Späte bei, die sie als «ausgeglichene Kletterin» bezeichnet.

Ein dichtes Programm

Ein letztes Ziel hat die Wilemerin aber im Nachwuchs noch – die Junioren-WM von Ende August in Südkorea. «Da will ich den Einzug in den Final schaffen», sagt Köhler, die schon als Sechsjährige durch ihren älteren Bruder den Zugang zum Klettern fand.

Überhaupt wartet auf sie ein dichter Kalender an Wettkämpfen. In diesem stechen die Weltmeisterschaften in Bern (1. bis 12. August) sowie die Panamerikanischen Spiele vom Herbst in Santiago de Chile für sie heraus.

Stemmen kann Köhler dieses Programm, weil sie sich ab diesem Sommer mit der Matur in der Tasche verstärkt auf ihren Sport konzentrieren wird. Die Schülerin des Sportgymnasiums Rämibühl plant ein Zwischenjahr. In welche Richtung es anschliessend studienhalber genau gehen soll, lässt sie offen.

Bis es so weit ist, sind ihre Tage durchgetaktet. Weit über 20 Stunden trainiert Köhler in einer Woche. Der einzige kletterfreie Tag ist der Mittwoch, den sie zur Regeneration und fürs Lernen nützt. Dabei ist Flexibilität gefragt – mit Trainings in Uster, Baden und Zürich.

An Wochenenden fährt sie zudem öfters mal nach Innsbruck (AUT), nur schon aufgrund des Routenniveaus und der -menge.

Ehrung in Rio de Janeiro

Verwehrt bleibt Köhler durch den Wechsel nun der Zugang zum Nationalen Leistungszentrum in Biel. Und die Unterstützung der Sporthilfe fällt weg. «Für mich geht es trotzdem auf», betont sie. Sponsoren und Zuschüsse des Olympischen Komitees von Brasilien sorgen für den nötigen Ausgleich.

Letzteres hat sie nach ihren drei Titelgewinnen sogar in die Auswahl der Sportlerinnen-Wahl des Jahres vom 2. Februar in Rio de Janeiro genommen. Köhler wird deshalb nächste Woche anreisen und auch vor Ort trainieren.

Als «neue Brasilianerin» ändert sich für sie ansonsten wenig. Nur schon deshalb, weil der Grossteil der Wettkämpfe in Europa stattfindet. 

Köhler wird zwar mit dem Nationalteam beispielsweise ein Trainingslager in Slowenien bestreiten, ansonsten findet der Austausch aber grösstenteils in Online-Meetings statt. Dies ist auch landesintern mit den Athletinnen üblich – wegen der Grösse des Lands. Mit Trainern und Teamkolleginnen redet Köhler englisch. Sie kann noch kein Portugiesisch, will die Zeit nach der Matur aber nutzen, um die Sprache zu lernen.

Beim Sportklettern erfolgt die Sicherung durch ein Seil und einen Sicherungspartner. Dabei wird unterschieden zwischen Toprope und Vorstieg. Vorsteigen oder auch Lead ist die zweite olympische Disziplin und wird sowohl eigenständig sowie als Teil des Olympic Combined ausgetragen.

Bouldern ist Klettern auf Absprunghöhe – gesichert durch Schaumstoffmatten, die einen möglichen Sturz abfangen. Ein Boulder besteht aus wenigen aber oftmals technisch oder physisch anspruchsvollen Zügen.

Beim Speed steht der Zeitaspekt im Vordergrund, also: Je schneller desto besser! Als dritte Disziplin neben Bouldern und Lead ist auch Speed Teil des Olympic Combined Format und wird auf einer genormten Route ausgetragen. Diese ist 15 Meter lang, 5 Grad geneigt und zählt 25 Griffe und Tritte. (Quelle: bergzeit.ch)

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