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Nur schon 99 Prozent reichen nicht

Die Wetzikerin Kerstin Kündig spielt nach dem Wechsel zum deutschen Meister Bietigheim gegen die Allerbesten.

Angeführt von Kerstin Kündig (Mitte), holte die Schweiz an der EM gegen Kroatien einen Punkt.

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Nur schon 99 Prozent reichen nicht

Wetziker Handball-Profi

Die Wetzikerin Kerstin Kündig spielt nach dem Wechsel zum deutschen Meister Bietigheim gegen die Allerbesten.

Von einer Resultatkrise war unlängst bei der SG Bietigheim die Rede. Grund dafür ist die Durststrecke in der Champions League, die mit dem 32:34 beim norwegischen Titelverteidiger Kristiansand seine Fortsetzung fand.

Sechs Spiele ist der deutsche Meister nun dort ohne Sieg – nach einem allerdings guten Start in der Königsklasse.

Mittendrin ist auch Kerstin Kündig, die seit Mitte Dezember für den Klub aus Baden-Württemberg aufläuft und über eine mögliche Krise nur schon wegen der starken Gegner lediglich den Kopf schütteln kann.

«Sämtliche linken Flügel waren zuletzt verletzt. Und das veränderte unsere gesamte Spielanlage», sagt die Wetzikerin.

Kündig ist mit dem Wechsel nach Bietigheim nochmals in neue Handball-Sphären vorgestossen. Sagenhafte 63 Partien lang war das Team ungeschlagen, bis im Oktober in der Champions League die Serie gebrochen wurde.

Bietigheim wurde nicht nur Meister und Cup-Sieger, sondern gewann auch die European League. Das Endspiel gegen Viborg HK war eine einseitige Angelegenheit.

Den dänischen Final-Verliererinnen hatte sich Kündig nach zwei Jahren beim Thüringer HC im letzten Sommer angeschlossen.

Die Geldsorgen von Viborg

«Von einem Kindheitstraum» sprach die Spielgestalterin, als der Transfer bekannt wurde. Dieser Traum dauerte allerdings nur einige wenige Monate, ehe die Klubführung das Team mit finanziellen Problemen konfrontierte.

«Wir hatten zuvor überhaupt nichts mitbekommen», sagt Kündig. Ihr hätte dadurch im schlimmsten Fall sogar die Arbeitslosigkeit gedroht.

Doch für die 29-Jährige ging schnell eine andere Tür auf. Bietigheim war aufgrund des dichten Spielkalenders auf der Suche nach Verstärkung und machte ihr ein Angebot.

Kündig musste da nicht lange überlegen – allein schon wegen der Perspektive, erstmals in der Champions League spielen zu können.

«Jeder Tag ist eine Herausforderung – mit und gegen Welt- und Europameisterinnen. Nur schon 99 Prozent reichen hier nicht. Ich konnte schon sehr viel lernen», sagt sie.

Die Oberländerin hat sich in der neuen Umgebung schnell eingelebt – und trotz dem grossen Konkurrenzkampf im Team einige Akzente setzen können. Selbst wenn sie bis anhin selten zur Startsechs zählte.

Kerstin belebt das Spiel von Bietigheim – es ist dadurch variabler geworden.

Paul Herbinger

deutscher Handball-Experte

«Kerstin belebt das Spiel von Bietigheim – es ist dadurch variabler geworden», findet Paul Herbinger, der dem deutschen und dem internationalen Handball als Trainer und Journalist seit vielen Jahren eng verbunden ist. Gerade die überraschenden Diagonalpässe und Schlagwürfe der 80-fachen Nationalspielerin haben es ihm angetan.

Schnell zurechtgefunden

Für Kündig hat sich also die schnelle Rückkehr nach Deutschland bisher gelohnt. Und sie blickt auch nicht wehmütig nach Dänemark zurück. «Ich durfte einen ganz anderen Handball erleben, eine Sprache lernen und habe neue Freunde gewonnen. Doch ich bin auch Profi genug», sagt sie.

Und selbst wenn in Deutschland als Handballerin mehr Geld verdient werden könnte, ist der Lohn für die Oberländerin zweitrangig beim Entscheid gewesen.

Ob 500 Euro mehr oder weniger ist nicht entscheidend.

Kerstin Kündig

«Ob 500 Euro mehr oder weniger ist nicht entscheidend. Ich bin glücklich, wenn mein Lebensunterhalt gedeckt ist und ich mich aufs Handball konzentrieren kann. Für die Zeit danach habe ich meinen Abschluss», betont Kündig, die den Master in Medizinaltechnik hat.

Und so wundert es auch nicht, dass die kurze Vertragsdauer bis Ende Saison ihr keine Bauchschmerzen bereitet. Es sei ein bewusster Entscheid gewesen, um erst zu sehen, wie sie sich im internationalen Starensemble des verlustpunktlosen Bundesliga-Leaders überhaupt zurechtfinden würde.

Heute sagt sie: «Ich bin absolut zufrieden.»

Wie es mit ihr über den Sommer hinaus weitergeht, lässt sie dennoch offen. «Ich führe Gespräche mit Bietigheim und anderen Klubs», sagt sie.

Für einen Verbleib sprechen könnte, dass ausgerechnet Jakob Vestergaard, ihr Trainer bei Viborg, zur neuen Saison in Bietigheim übernimmt.

Dritte hinter Josi und Xhaka

Sowieso dürfte es Kündig nach dem nicht nur ereignisreichen, sondern auch erfolgreichen letzten Jahr nicht an Angeboten mangeln.

Bleibend ist so auch die erstmalige Qualifikation und Teilnahme an einer EM-Endrunde mit dem Schweizer Nationalteam. Kündig führte dort das Team als Captain an.

Wie prägend sie im Verein und für die Landesauswahl ist, zeigte zudem die MVP-Wahl an den letzten Sports Awards – bei der sie hinter NHL-Star Roman Josi und Arsenal-Fussballer Granit Xhaka die drittmeisten Stimmen erhielt.

Und aufregend wird auch das Frühjahr mit der SG Bietigheim, die noch immer auf drei Hochzeiten tanzt – und trotz der Negativserie in der Champions League hohe Ziele hat. Als Tabellenfünfter ist der Einzug in die Playoffs nach wie vor möglich.

Grund zur Zuversicht gibt es genug. Im letzten Spiel gegen Kristiansand fehlte nicht viel für eine Überraschung – und die personelle Situation am linken Flügel hat sich etwas entspannt.

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