Auf Werbetour in der besten Liga der Welt
Maurmer Eishockeyprofi Tim Berni
Tim Berni (22) verteidigt seit Anfang Dezember für die Columbus Blue Jackets in der NHL. Dazu musste er zuerst seine neue Hockey-Identität finden.
Tim Berni mag in der normalen Welt ein Jungspund sein. Doch im Eishockey darf man den 22-jährigen Maurmer eigentlich schon als Routinier bezeichnen.
In seiner Vita stehen unter anderem: eine U20-WM als Captain, mehrere Saisons und ein Meistertitel mit den ZSC Lions, zwei Spiele mit der Nationalmannschaft und eine Spielzeit in der nordamerikanischen Profiliga AHL.
Am 6. Dezember ist nun ein neuer Meilenstein hinzugekommen: das Debut in der NHL. Im Dress der Columbus Blue Jackets verteidigte Tim Berni etwas mehr als 13 Minuten lang gegen die Pittsburgh Penguins und die Superstars Sidney Crosby und Jewgeni Malkin – zwei seiner Jugendidole.
Abschiebungsgefahr noch nicht gebannt
Die Saison hatte er beim Farmteam in Cleveland begonnen, aufgrund der grossen Zahl verletzter Abwehrspieler wurde der Oberländer von den Blue Jackets ins Kader berufen. Der erste Eindruck: eine Schnupperlehre mit Ablaufdatum, die enden wird, sobald sich das Lazarett wieder lichtet.
Vorneweg: Dieses Szenario ist nach wie vor realistisch. In der Weihnachtspause wird mit der Rückkehr der einen oder anderen Stammkraft gerechnet. Doch inzwischen sind für Berni aus dem einen NHL-Spiel deren neun geworden.
Er steht je länger, je mehr auf dem Eis, wird in Unterzahl eingesetzt und erhält in den Medien ziemlich ansprechende Kritiken. Kurz, der Verteidiger wirbt eifrig in eigener Sache und macht es den Verantwortlichen zusehends schwieriger, ihn wieder zu relegieren.
Die Klasse macht’s«Ich habe mich in dieser Saison bereits in Cleveland sehr gut gefühlt», sagt Berni am Telefon. Er sei immer noch dabei, das Hockey in der NHL zu adaptieren, mittlerweile gelinge ihm das immer besser. «Es sind nicht das Tempo oder die Härte, die sich vom Spiel in der AHL abheben. Es ist die individuelle Klasse der Spieler.»
In diesem Moment befinden sich die Blue Jackets gerade auf einem sogenannten Roadtrip, bei dem das Team mehrere Auswärtsspiele hintereinander bestreitet und dabei bis zu einer Woche lang von Stadt zu Stadt zieht.
«Tim Berni steht den Medien vor seinem Debüt Red und Antwort.»
Tim Berni
Die Strapazen sind zwar gross, werden aber durch den Umstand abgegolten, dass man mit dem Privatjet reist, stets in guten Hotels absteigt und in der Freizeit neue Städte erkunden kann. «Es ist halt schon immer noch eindrücklich, wie gross dieses Land ist», findet Berni.
Ein ZSC-Meisterschütze als Coach
Der Zauber der besten Liga der Welt wirkt, man spürt das. In der NHL spielen die grössten Stars dieses Sports für Millionen-Saläre in den modernsten Arenen der Welt. Für die Neulinge ist die Konkurrenzsituation maximal. Das kann so motivierend wie einschüchternd sein.
Tim Berni, das ist ein grosser Vorteil, ist von seiner Organisation auf diese Situation vorbereitet worden. Bevor er seine Premiere gab, liess man ihn fast eine Woche lang mit dem Team mittrainieren und an den Sitzungen und Coachings teilnehmen.
«Die Rückmeldung kriegt man über das Vertrauen, das einem der Coach schenkt.»
Tim Berni über die Feedback-Kultur in der NHL
Dabei arbeitet vor allem der Verteidiger-Trainer Steve McCarthy intensiv mit ihm. Der Kanadier ist dem früheren ZSC-Junior ein wohlvertrautes Gesicht: 2012 hatte McCarthy die ZSC Lions im Playoff-Final gegen den SC Bern in extremis zum Meistertitel geschossen und sich in der Klubgeschichte verewigt.
Rückmeldung vom Cheftrainer Brad Larsen gibt es zwar wenig, doch heissen tut das nichts. «Die kriegt man über das Vertrauen, das einem der Coach schenkt», sagt Berni.
Ein halbes Jahr akklimatisiert
Das eigentliche Rüstzeug wurde ihm indessen bereits in der letzten Saison mitgegeben. Die Columbus Blue Jackets hatten Berni, dessen Rechte sie sich am NHL-Draft 2018 in der sechsten Runde gesichert hatten, im Frühjahr 2020 den von der Liga vorgegebenen, dreijährigen Einstiegsvertrag offeriert.
Nachdem er das erste Kontraktjahr aufgrund der Covid-Pandemie als Leihgabe in Zürich verbracht hatte, platzierte ihn die Organisation schliesslich für die ganze Saison 2021/2022 beim Partnerteam in der Farmteamliga AHL, bei den Cleveland Monster.
Es war eine Kampagne, in der er das Spiel auf der schmaleren, nordamerikanischen Eisfläche, die Gepflogenheiten des Geschäfts und den neuen Lebensstil kennenlernen konnte. Tatsächlich blieb seine Punkteausbeute mit 3 Toren und 12 Assists aus 72 Spielen überschaubar. Bei Strafen kam er in Unter-, nicht aber in Überzahl zum Zug.
Er sagt: «Ich habe gut ein halbes Jahr gebraucht, um mich wohlzufühlen und herauszufinden, was für ein Spieler ich hier bin.» Auf die Nachfrage, welche Identität er denn nun habe, erklärt Berni: «Ein Zweiwegverteidiger, der viel laufen, clever spielen und vor allem gut verteidigen muss.»
Grundsätzlich gehe es als junger Abwehrmann darum, den Angriff schnell auszulösen und die Scheibe nicht allzu lange zu halten.
Meister als Gitterbub
Angesichts dessen, was man von ihm aus der Schweiz kennt, klingt das durchaus bemerkenswert. Der im Maurmer Dorfkern aufgewachsene und später nach Dübendorf gezogene Berni hatte stets als überdurchschnittliches und insbesondere spielerisch starkes Talent gegolten.
Dank dieser Fähigkeiten war er bereits als 18-Jähriger Gitterbub von Trainer Hans Kossmann in die erste Mannschaft der ZSC Lions geholt worden. Mit seiner erfrischenden Spielweise trug er seinen Teil zum Gewinn der Meisterschaft bei.
Auch später unter Rikard Grönborg durfte Berni spielerische Freiheiten geniessen. Der schwedische ZSC-Trainer liess sich sogar in der Presse zitieren, dass er ihm im Sinne seiner Entwicklung Fehler erlaube – solange er nur versuche, etwas zu kreieren.

Tim Berni selbst sagt denn heute auch, dass er diesen Teil seines Spiels nicht verlieren wolle. Gleichzeitig ist ihm wohl bewusst: «Die Blue Jackets haben schon einige gestandene und gute Verteidiger unter Vertrag, die diese Qualitäten mitbringen. Von mir werden andere Dinge erwartet.»
Bis jetzt im Fahrplan
Die wiederum scheint er mittlerweile zu liefern – dafür sprechen in dieser Saison die etwas wichtigere Rolle samt Powerplay-Einsätze beim AHL-Team in Cleveland, als auch das Vertrauen, das man ihm derzeit in der NHL schenkt.
Dass die Blue Jackets vornehmlich verlieren, wird ihn als Athlet natürlich ärgern. Auf seine eigene Entwicklung dürfte das derweil nur beschränkt Einfluss haben. Die NHL ist ein System voller Faktoren, die man nicht kontrollieren kann. Es gilt deshalb, sich nicht ablenken zu lassen und den Fokus auf dem Wesentlichen zu halten.
Für Tim Berni bedeutet das gemäss eigener Definition, in seinem letzten Vertragsjahr zu NHL-Einsätzen zu kommen und auf dem hohen Niveau bestehen zu können.
Beides ist ihm bislang gelungen.
