Das Los des ungeliebten Stiefkinds
Trampolinturnen in Rüti

Obwohl Olympia-Sportart, fristet Trampolinturnen im Schweizer Verband ein Schattendasein. Im Regionalen Leistungszentrum in Rüti gibt es dennoch einige junge Hoffnungsträger.
Das Trampolin. Es war als Kind einst Nicola Spirigs Lieblingsgerät in der Turnhalle. Die Tochter eines Sportlehrers nutzte dann an verregneten Sonntagen die Gelegenheit, sich darauf austoben zu können.
Statt eine Trampolinturnerin wurde aus ihr bekanntlich eine erfolgreiche Triathletin. Das Trampolin selbst hat aber viele Jahre später nichts von seiner Beliebtheit verloren – und steht in manchem Garten eines Wohnhauses.
Dieses Bild wird auch von Adam Götz bestätigt, dem Trampolin-Cheftrainer im Regionalen Leistungszentrum (RLZ) des Zürcher Turnverbands in Rüti. «In einem Jahr kommen 100 000 Besucher ins BounceLab», sagt er.
Im Hintergrund ist während seiner Worte das laute Gekreische einer Schulklasse zu hören, die sich im Sprungparadies auslebt.






Das BounceLab ist mit rund 1300 Quadratmetern die grösste Trampolinhalle der Schweiz überhaupt.
Trotzdem gestaltet sich die Rekrutierung von Nachwuchs als schwierig. Denn mehr als nur etwas unbeschwert auf dem Sprungtuch hüpfen wollen die Kinder offenbar grösstenteils doch nicht. Gerade mal eine Handvoll zeigen sich nach einem Besuch echt interessiert, den Sport regelmässig zu betreiben.
Jeder kann es schnell ein bisschen – aber um ein gutes Niveau hinzukriegen, ist eben jahrelanges Training nötig.
Adam GötzCheftrainer RLZ Rüti
Götz vergleicht die Krux des Trampolinturnens mit Frisbee – einem anderen beliebten Freizeitsport. «Jeder kann es schnell ein bisschen – aber um ein gutes Niveau hinzukriegen, ist eben jahrelanges Training nötig. Und Ehrgeiz kann man sich nicht aneignen», sagt er.
Der Deutsche weiss als Welt- und Europameister mit dem Team sowie als mehrfacher nationaler Titelträger, was nötig ist, um Saltos und Schrauben in der Höhe vorführen zu können.
Seit neun Jahren ist er schon der Trampolin-Verantwortliche im RLZ. Zuerst in Bubikon noch in einer ungeheizten Scheune, die schon aufgrund der begrenzten Höhe alles andere als ideal war. Ab 2017 nun in Rüti. «Es ist ein Luxus, hier arbeiten zu dürfen», sagt Götz.
Turnvereine tun sich schwer
Der Kreis an Trampolinturnern ist überschaubar geblieben. Rund 30 Kinder und junge Erwachsene im Alter von 3 bis 20 Jahren trainieren derzeit im Zürcher Oberland – davon 10 bis 15 im Leistungsbereich.
Weshalb also diese Diskrepanz? «Trampolin ist das ungeliebte Stiefkind des Turnens», antwortet der 39-Jährige. Dazu passt, dass nur die wenigsten Vereine in der Region Trampolinturnen derzeit anbieten. «Es müsste an der Basis wieder mehr integriert werden», ist für Götz deshalb klar.
Dabei besteht etwa beim TV Rüti sogar eine Warteliste an interessierten Trampolinturnern. «Es fehlt wie an vielen Orten an Leitenden», sagt Renate Ried, Leiterin Kommunikation im Zürcher Turnverband (ZTV), zur Problematik.
Im Oberland hat so derzeit der TV Grüningen noch eine Trampolinriege im Plauschbereich. «Sie ist im Aufbau. Es ist das Ziel, wieder in den Wettkampfsport einzusteigen», weiss Ried.
Dabei hat der Sport eine lange Geschichte in der Schweiz. So wurden hier schon Weltmeisterschaften (1970, 1980) ausgetragen.
Und der älteste internationale Trampolinwettkampf, der alle zwei Jahre stattfindende Nissen-Cup, ist noch immer ein Fixpunkt im Terminkalender. Seinen Namen verdankt er dem Erfinder des Trampolins – der Amerikaner George Nissen hatte in den 1930er Jahren den ersten Prototyp konstruiert.
Der Nissen-Cup erfreut sich ungebrochener Beliebtheit. Rund 250 Athleten nahmen bei der letzten Weltcup-Austragung vom Juli in Arosa teil. Sogar zwei Schweizerinnen schafften es dort im Synchronwettkampf in die Finalrunde.
Internationale Luft schnuppern konnte unlängst auch Beoan Stocker vom STV Wetzikon, der rund 15 Stunden wöchentlich im RLZ trainiert.
Bei der World Age Competition in Sofia (BUL) zeigte er in der Altersklasse 15 bis 16 eine gute Pflichtübung. In der anschliessenden Kür gelangen ihm ebenso einige schwierige Sprünge, ehe der Zürcher Kantonalkader-Athlet auf der Umrandung landete und abbrechen musste.
Stocker zählt neben Luna Sulzer (TV Grüningen) zu den raren Nachwuchshoffnungen aus der Region Zürich. Die 12-Jährige ist in einem nationalen Kader. Der Alltag findet aber auch für Sulzer grösstenteils im RLZ statt. Nur schon deshalb, weil es im Trampolin kein eigentliches nationales Trainingszentrum und keinen Nationaltrainer gibt.
Ein interner Konkurrent
Diese Ausgangslage ist irgendwie bezeichnend für die dünne Leistungsdichte. Dabei würde das Trampolinturnen als olympische Sportart durchaus Perspektiven bieten. Seit 2000 ist es bereits im Programm. Schweizer Beteiligung gab es aber nur in den Olympia-Anfängen.
Daran ändern wird sich wohl in absehbarer Zeit nichts. Nur schon aufgrund der strengen Qualifikationskriterien in der von China dominierten Disziplin. Je 16 Männer und Frauen sind jeweils zugelassen – die zudem aus mindestens drei Kontinenten kommen müssen.
Dabei bahnt sich mit Parkour nun turninterne Konkurrenz an. Bei der noch weniger bekannten Sportart ist es das Ziel, mit den eigenen Körperfähigkeiten möglichst schnell eine Strecke über verschiedene Hindernisse zurückzulegen.
Der Schweizerische Turnverband organisierte in diesem Jahr erstmals eine Meisterschaft – und liegt damit im Trend. Der internationale Turnverband FIG hatte Parkour bereits für die Olympischen Spiele 2024 vorgeschlagen.
Bei einer Aufnahme hätte der Turnsport allerdings im Programm auf eine andere Disziplin verzichten müssen. Darauf wollte die FIG aber nicht eingehen.
Leidtragender davon hätte ausgerechnet das Trampolinturnen sein können. Von einem langsamen Sterben einer Sportart auf Stufe Wettkampf will man beim Zürcher Turnverband aber nichts wissen. Einerseits, weil die Anzahl an Wettkampflizenzen mit 320 seit geraumer Zeit stabil ist.
Vor allem aber, weil ab 2025 das neue Sportzentrum in Wangen bei Dübendorf stehen soll. Über 30 Sportarten werden darin Platz finden. Denn so attraktiv die grosse Trampolinhalle in Rüti ist – sie liegt halt auch in der Peripherie, wie es vonseiten des ZTV heisst. Der zentralere und damit besser erreichbare Standort im Glattal gilt deshalb auch als Chance für die Sportart.
