Deshalb spielt Aufstiegsheld Alves jetzt in Polen
Er erhält zahlreiche Glückwünsche auf seinen Instagram-Post. Aber auch Kommentare wie «Verstah zwar nöd wieso, aber ja viel Erfolg». Oder: «Auto immer abschlüse. Machs guet.» Angesprochen ist der Gossauer Profifussballer Roberto Alves.
Je zwölf Tore und Assists steuerte er zur jüngsten Erfolgsgeschichte des FC Winterthur bei. Darunter sind einige Geniestreiche des Spezialisten für Standards.
Beim «Landboten» wird er so quasi als Klassenbester ausgezeichnet. Für seine Leistungen im zweiten Meisterschaftshalbjahr bekommt er die Note 5,5.
Doch statt beim Super-League-Aufsteiger läuft der Offensivspieler inskünftig für Radomiak Radom auf. Der Wechsel zum gänzlich unbekannten polnischen Erstligisten ist es, der die eingangs erwähnten Kommentare auslöste.
Unter den Schreibenden sind wohl auch enttäuschte Winterthurer Fans. Es ist ein offenes Geheimnis, dass sich Spieler und Verein nach Ablauf des Vertrags finanziell nicht einigen konnten. «Wir waren zu weit voneinander entfernt», sagt Alves.
Ein Klub im Aufbruch
Bald wird klar: Seine Zukunft liegt wohl im Ausland. Zu möglichen Klubs in der Super League gibt es nur ein paar lose Kontakte. Dafür spricht Alves von rund 15 Angeboten aus halb Europa, sogar Anfragen aus Asien seien darunter gewesen. Für Letzteres erachtet er sich noch als zu jung.
Eher exotisch wirkt auch der Name seines neuen Arbeitgebers, bei dem er einen Kontrakt über drei Jahre unterschrieb. «Mir sagte Radomiak Radom nichts. Doch dann habe ich mich intensiv mit dem Klub beschäftigt», sagt Alves. Der 25-Jährige spricht von einem interessanten Projekt.
Als Aufsteiger hat sich Radomiak in der höchsten Liga Ekstraklasa in der abgelaufenen Saison auf Platz 7 klassiert. Bis Ende Jahr soll das neue Stadion mit einem Fassungsvermögen für rund 15 000 Zuschauer bezugsbereit sein.
«Die Leute leben den Fussball.»
Roberto Alves
Es hat damit eine weitaus grössere Kapazität als das bisherige mit 6000 Plätzen. «Die Leute leben für den Fussball», sagt Alves. Ihm wurde erzählt, dass die Heimspiele immer ausverkauft seien.
Alves sieht Radomiak als mögliches Sprungbrett für eine Topliga. Gerade in Deutschland werde die polnische Ekstraklasa genau mitverfolgt, sagt er. Als er am letzten Wochenende mit seinem Berater nach Radom, einer rund 100 Kilometer südlich von Warschau gelegenen Stadt mit über 200 000 Einwohnern, reist, gewinnt er gleich einen guten Eindruck.
Und auch finanziell dürfte sich der Wechsel in den Osten für ihn lohnen. «In Polen lebst du bereits mit 1000 Euro Einkommen wie ein König», sagt Alves. Dadurch könne er viel mehr sparen und die Familie unterstützen.
Im Kader hat es auffällig viele Brasilianer und Portugiesen. Mit einigen hat er sich nach seiner Vertragsunterschrift gleich ausgetauscht. «Sie helfen mir sicher bei der Integration», sagt der Oberländer mit portugiesischen Wurzeln.
Bestärkt beim Entscheid hat ihn zudem Trainer Mariusz Lewandowski, der für ihn bei Radomiak eine ähnliche Rolle vorsieht, wie er sie beim FC Winterthur innehatte – mit vielen offensiven Freiheiten und als Auserkorener für die Standardsituationen.
Vom Elternhaus nach Polen
Für Alves ist der Transfer nach Polen auch persönlich ein grosser Schritt. Er kommt vorerst – bis er eine Wohnung gefunden hat – im Hotel unter.
Der Familienmensch, der bis anhin noch bei seinen Eltern in Gossau lebte, ist erstmals auf sich allein gestellt. Selbst seine sich mitten in einem Marketingstudium befindende Freundin bleibt vorerst zurück. Alves sieht es pragmatisch. «Wir sind ja keine zwei Flugstunden voneinander entfernt. Und können uns gegenseitig besuchen.»
Der Gossauer hat die letzten Tage nun für den Umzug genutzt. Am Samstag reist er direkt aus der Schweiz ins Trainingslager nach Danzig an die Ostsee.
Dort wird er wohl auch die ersten polnischen Sprachbrocken aufschnappen. Selbst wenn in der Mannschaft mehrheitlich englisch und portugiesisch gesprochen werde – er wolle sich integrieren. «Dazu gehört es auch, die Sprache etwas zu lernen», bekräftigt Alves.
