Greifenseer Fussballgoalie will am Zuckerhut durchstarten
Grenzenlose Freude und mentaler Tiefpunkt. Natascha Honegger spürte zuletzt beides. Zuerst holte die Torfrau aus Greifensee gleich drei nationale Titel mit Corinthians.
Mehrere tausend Zuschauer verfolgen regelmässig die Partien des brasilianischen Traditionsvereins. Beim Final der Staatsmeisterschaft von São Paulo, in dem sie im Tor stand, waren sogar 30 000 Fans im Stadion.
Doch dann wurde im Januar bei den üblichen Leistungstests eine seltene Herzfunktionsstörung bei ihr festgestellt. «Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Ich wusste nicht damit umzugehen», sagt Honegger. Selbst ihre Mutter liess sie nach der Diagnose im Unwissen. «Ich wollte sie nicht beunruhigen.»
Noch nie zuvor hatte die 24-Jährige mit FCZ-Vergangenheit irgendwelche Symptome gespürt. Die Nachricht kam also aus dem Nichts. Mit dem Resultat, dass sie nicht mehr trainieren und spielen durfte.
Es folgte eine schwierige Zeit. Honegger machte genetische Tests, liess Zweitmeinungen von Fachleuten einholen und recherchierte selber nach ähnlichen Fällen. Entwarnung gab es aber erst Mitte April durch einen renommierten Herzspezialisten. Honegger ist einfach nur erleichtert. «Die letzten drei Monate haben mir die Augen geöffnet. Und gezeigt, dass es schon morgen fertig sein kann», sagt sie.
Der Klub von Zico
Der früheren Juniorin des FC Schwerzenbach ist der Re-Start gelungen. Vor Wochenfrist gab sie mit einem Sieg ihr Comeback auf dem Rasen.
Allerdings nicht mehr für Corinthians, sondern Flamengo. Der Klub aus Rio de Janeiro hat eine ebenso reiche Vergangenheit und brachte mit Zico einen der grössten brasilianischen Fussballer der 1970er und 1980er Jahre hervor.
Flamengos Frauenteam verpasste in der letzten Saison allerdings knapp die Finalrunde mit den besten achten Teams der brasilianischen Meisterschaft. In der laufenden Spielzeit sind die Chancen auf eine Qualifikation nach dem jüngsten Sieg über Grêmio weiter intakt.
Doch warum überhaupt dieser Transfer? Honegger wurde auf ihren Wunsch hin ausgeliehen, um zu Spielpraxis zu kommen. «Ich musste an mich denken», sagt sie.
Auf ihrer Instagram-Seite (sie hat über 20 000 Follower) bekommt die Torhüterin für ihren Entscheid bei aller Rivalität viele positive Kommentare – dabei schwingt oft auch die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr mit.
Der temporäre Wechsel ist allerdings wieder mit einigen Veränderungen verbunden. Statt in São Paulo lebt sie nun im rund sechs Autostunden entfernten Rio. Und hat sich dafür an der Copacabana bei einer älteren Frau in einem Zimmer eingemietet.
«Ich kann vom Fussball leben. Aber in der Schweiz würde ich in einem regulären Beruf natürlich mehr verdienen.»
Es ist also ein bescheidenes Leben, das sie in Brasilien führt. «Ich kann vom Fussball leben. Aber in der Schweiz würde ich in einem regulären Beruf natürlich mehr verdienen», sagt Honegger, die eine kaufmännische Ausbildung gemacht hat.
Doch es ist sowieso weit mehr als das Geld, das die Torfrau in die Heimat ihrer Mutter gelockt hat. Die Kultur, Sprache und natürlich der Kindheitstraum, einmal das Nationaltrikot der Seleção zu tragen. Die aktuelle Weltnummer 9 hatte zuletzt 2007 WM-Silber gewonnen.
Auf dem Radar
Den Entscheid, für Brasilien statt für die Schweiz aufzulaufen, hatte Honegger bereits Anfang 2019 gefasst. Dies, nachdem sich der Verband stark um sie bemühte und sie in ein Trainingscamp eingeladen hatte.
Das vor nicht allzulanger Zeit noch so Unwirkliche erfüllte sich dann einige Monate später, als sie erstmals in einem Länderspiel eingewechselt wurde.
Seither zählt sie zum erweiterten Kreis des brasilianischen Nationalteams. Für dieses steht im Juli mit der Copa América bereits der nächste Höhepunkt auf dem Programm.
Ob es ihr bis dahin wieder für ein Aufgebot reicht, scheint nach der Zwangspause eher fraglich. Sie macht sich darüber aber sowieso derzeit keine Gedanken. «Ich bin auf dem Radar», weiss Honegger. Vom Goalietrainer hat sie positive Signale erhalten. Und ihr grosses Ziel bleibt die Weltmeisterschaft in Australien und Neuseeland vom nächsten Jahr.
Ihr Vertrag bei Corinthians läuft ohnehin noch bis im Frühling 2023. Es bleibt so noch Zeit, um sich aufzudrängen.
Trainings in Favelas-Nähe
Bis mindestens im August spielt sie vorerst für den CR Flamengo. An die neue Umgebung muss Honegger sich erst gewöhnen. Offen sagt sie: «Ich habe mich in São Paulo sicherer gefühlt. Hier bin ich darauf angewiesen, dass man mich abholt.» Trainiert wird bei Flamengo in einem Militärgebiet.
Nicht unweit davon war es unlängst bei einem Polizeieinsatz in den Favelas zu heftigen Schusswechseln mit Banditen gekommen – mit etlichen Toten. «Auch eine Zivilistin soll darunter gewesen sein», sagt Honegger betroffen.
Ein Jahr lebt sie mittlerweile in Brasilien. Die Greifenseerin kann sich sogar vorstellen, über 2023 hinaus zu verlängern, selbst wenn es da und dort Gedanken für eine Rückkehr nach Europa gibt. «Ich habe bereits viel gelernt. Aber für meine Entwicklung wäre noch mindestens eine Saison wichtig», glaubt sie.
