Das unglaubliche Jahr des Tim Wolf
«Ist es okay, wenn ich mich rasch hinsetze?», fragt Tim Wolf freundlich. Er steht schweissgebadet in der Ecke der rauchgeschwängerten Klotener Garderobe, um ihn herum grölen, springen und tanzen seine Mitspieler. Dann nimmt er Platz, umarmt seine Frau und sagt mit besonnener Stimme: «Für diese Momente spielst du Eishockey.»
Tatsächlich, der 30-jährige Goalie aus Hinteregg muss es wissen. Am 28. April 2021 hatte er im sechsten Finalspiel mit einer formidablen Leistung die Grundlage für den Aufstieg des HC Ajoie in die National League und eine unvergessliche Festnacht in Pruntrut gelegt. An diesem Mittwochabend ist ihm nun dasselbe Kunststück mit dem EHC Kloten gelungen.
Zwei unterschiedliche Ausgangslagen
Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, passt aber zum Mikrokosmos Schweizer Eishockey, dass Tim Wolf nun just mit den Spielern feiert, denen er vor Jahresfrist die Party vermiest hatte: Mit Ajoie hatte er damals die hochfavorisierten Klotener besiegt und ihnen eine weitere Saison in den Niederungen der Swiss League beschert.
«Man kann die beiden Situationen nicht vergleichen, wir hatten in Ajoie eine ganze andere Mannschaft und eine ganz andere Ausgangslage», sagt Wolf. Er hat damit zweifelsohne recht: Die Hürde, mag zwar gleich hoch gewesen sein, doch die Situation war für die Zürcher Unterländer in dieser Saison ungleich schwieriger.
Wissend darum, dass sich das Fenster des direkten Aufstiegs nach diesen Playoffs schliessen wird, lastete ein enormer Druck auf den Spielern. Dass sie Partie um Partie gewannen und die Qualifikation mit der Rekordmarke von 126 Punkten abschlossen, änderte daran wenig.
«Das war die strengste Saison meiner Karriere, doch ich habe von ihr enorm profitiert.»
Tim Wolf
Tim Wolf dagegen bekam davon freilich nichts mit. Mit seinem Stammklub Ajoie lebte er in einer anderen Welt, in der es wenig Druck, kaum Siege, dafür aber Unmengen an Arbeit gab. Die National League war für die Jurassier in fast jeder Hinsicht eine Nummer zu gross, doch genau das kam ihm entgegen.
Die 1579 Schüsse, die in den 44 Spielen in der höchsten Liga auf ihn einprasselten, haben ihn besser und abgeklärter gemacht. Er sagt: «Das war die strengste Saison meiner Karriere, doch ich habe von ihr enorm profitiert.»
Den schwächelnden Zurkirchen rechtzeitig ersetzt
Der Gedanke ist nicht abwegig, dass ihn genau das auch auf den Play-off-Lauf mit Kloten vorbereitet hat. Die Zürcher Unterländer hatten Wolf am 13. März mittels einer B-Lizenz, also faktisch zur Leihe, bis zum Saisonende verpflichtet.
Dass diese Praxis auch nach vielen Jahren nichts von ihrer Fragwürdigkeit eingebüsst hat, kann dem verantwortlichen Sportchef Patrik Bärtschi geflissentlich egal sein: Rückblickend sollte dieser kleine Temporär-Transfer nämlich sein wertvollster werden.
Nachdem der Stammkeeper Sandro Zurkirchen zum Auftakt der Halbfinalserie gegen Thurgau schwächelte, war Wolf schliesslich zur Stelle, um auszuhelfen. Der Oberländer hielt von Beginn weg dicht und kassierte in acht Partien nur neun Gegentore. Vor allem aber gab er seinen unter Druck stehenden Vorderleuten das Gefühl, sich auf ihn verlassen zu können.
Nichts verdeutlicht das besser als seine Leistung in diesem fünften und letzten Finalspiel gegen Olten, als er seiner Mannschaft mit einem Shutout den Minimalsieg von 1:0 festgehalten hat. Genau deshalb war er der mit Abstand wichtigste Einzelspieler des Aufsteigers: der sogenannte Playoff-MVP.
Die Rückkehr wird speziell
Es sind viele Eindrücke und Gedanken, die Wolf durch den Kopf gehen. «Einfach unglaublich» sei es gewesen, sagt denn Tim Wolf auch. Und verwendet damit einen Superlativ, der sich universal auf die Belastung in Ajoie, den temporären Wechsel nach Kloten, die spezielle Konstellation und den sportlichen Play-off-Ritt ausweiten lässt. Gleichzeitig weiss er schon jetzt: «In der kommenden Saison mit Ajoie an diesen Ort zurückkommen, wird komisch werden.»
All das, man kann es durchaus verstehen, gilt es erst einmal setzen zu lassen.
