Aus Suters Erfolgscoach wird ein Hausmann in Gutenswil
Die letzten Weltcup-Rennen sind längst vorbei. Und doch gibt es für den Oberländer Swiss-Ski-Trainer Dominique Pittet noch viel zu tun. Oft ist er in diesen Wochen bereits frühmorgens mit den Speed-Frauen zum Testen von neuem Material auf der Piste unterwegs. «Wir wollen die guten Schneeverhältnisse ausnutzen», sagt Pittet, der im Schweizer Team als Spezialist in der Videoanalyse gilt.
Und doch ist für den 50-Jährigen einiges anders. An den anstehenden Selektionssitzungen für die Kaderzusammenstellungen der kommenden Saison wird er nicht mehr teilnehmen. Pittet hat auf Ende Mai gekündigt – nach über 15 Jahren im Weltcup-Zirkus.
Als professioneller Skitrainer war der ausgebildete Schreiner insgesamt sogar ein Vierteljahrhundert unterwegs. Von den Kollegen wird er für seine direkte, umgängliche Art geschätzt.
Den Frauen-Cheftrainer Beat Tschuor weihte Pittet bereits Ende Januar über seinen bevorstehenden Abgang ein. Damit er genug Zeit hat, einen passenden Nachfolger zu finden. Er solle es aber erst nach den Olympischen Spielen öffentlich machen, bat ihn Tschuor. Sodass die Konzentration der Athletinnen vor dem Saisonhöhepunkt nicht gestört werde. «Die hätten mit dieser Nachricht schon umgehen können», ist Pittet überzeugt.
Veränderte Situation
Der Entscheid selbst stand aufgrund von privaten und beruflichen Veränderungen schon länger im Raum. Kurz vor Weihnachten hat Pittet geheiratet. Seine Frau Andrea hat vor geraumer Zeit ihre Ausbildung zur Ärztin abgeschlossen. Und Anfang März kam auch noch das erste gemeinsame Kind des mittlerweile in Gutenswil lebenden Paars zur Welt.
«Ich kann mir schon vorstellen, zu Hause zu bleiben», war für Pittet in den gemeinsamen Gesprächen schnell klar. Zumindest ein bis zwei Jahre lang will er den Rollenwechsel ausprobieren.
Der in Hinteregg gross gewordene Pittet war nicht nur mit Abstand der dienstälteste Trainer im Weltcup-Team der Speed-Frauen. Gerade wegen seiner Art ist er für einige Athletinnen auch ein wichtiger Ratgeber. Corinne Suter zählt zu den Bekanntesten im Nationalteam.
Die Abfahrt-Olympia-Siegerin und -Weltmeisterin sagt stellvertretend: «Er hat für einen nicht nur immer ein offenes Ohr, sondern verfügt auch über ein technisch gutes Auge, wenn man sich mal verliert.» Mit der Schwyzerin arbeitete er sechs Jahre lang eng zusammen.
Überhaupt: Schon manch schönes Kompliment hat er für seine Arbeit von den Fahrerinnen erhalten. Er sei doch nur eines von vielen Puzzleteilen, pflegt er in diesen Momenten bescheiden zu entgegnen.
Es ist eine so typische Aussage für den akribischen Trainer, der viel lieber im Hintergrund wirkt, als vor eine Kamera zu stehen und grosse Reden zu halten.
Ein besseres Sozialleben
Besonders vermissen wird Pittet den täglichen Austausch mit den Fahrerinnen. «Einen massgeschneiderten Plan erarbeiten. Und am Ende das Ergebnis sehen.» Das sei es, was er an seiner Aufgabe so schätze.
Dafür freut sich Pittet umso mehr auf ein besseres Sozialleben, selbst wenn ihm die viele Reiserei eigentlich keinerlei Mühe bereitete. Vor allem in den Wintermonaten lebte er in erster Linie aus dem Koffer – und fand deshalb kaum einmal Zeit für die Kollegen und seinen Skiklub Egg, der just im Mai sein 75-Jahr-Jubiläum feiert.
Und doch: Als Trainer wird Pittet natürlich weiterhin tätig sein. Bereits hat er Anfragen erhalten, um in der Saisonvorbereitung in den Nachwuchskadern mitzuhelfen. Es scheint für ihn eine Idealkonstellation, weil seine Frau nach dem Schwangerschaftsurlaub erst wieder im November arbeiten wird.
Dominique Pittet über …
… die attraktivste Strecke. Beaver Creek in Colorado. Sie hat schöne Sprünge, Gleiterstrecken und steile Passagen, in denen man den Kurvenausgang nicht sieht. Das ist eher die Ausnahme. Umso wichtiger ist es da, sich bei der Besichtigung zu orientieren. Landschaftlich gefällt mir Cortina d’Ampezzo am besten. Wir gehen dort auch immer in dasselbe Hotel. Die Zimmer sind eigentlich altmodisch, aber es ist trotzdem stimmig, weil die seit Jahren gastgebenden Brüder so zuvorkommend sind.
… weniger gute Rennplätze. Die Abfahrt im bulgarischen Bansko war gar nichts. Es geht zu lange steil runter. Deshalb müsste man den Parcours eigentlich schneller stecken. Doch dafür fehlt den Organisatoren der Mut.
… Olympische Spiele. Vancouver ist mir in schöner Erinnerung. Auch Sotschi vier Jahre später war ganz okay. Die letzten beiden Austragungen konnten da nicht mehr mithalten. In Pyeongchang wurden die Zuschauer zu den Rennen herangekarrt. Und zuletzt in China war es Corona-bedingt halt eher trist.
… stimmungsvolle Weltcup-Orte. Gerade in Crans-Montana, auf der Lenzerheide und bei den österreichischen Rennen herrscht eine schöne Atmosphäre. (zo)
