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Er ist ein Spätberufener

Felix Stehli galt bis anhin weitgehend als Quer-Spezialist. In dieser Saison offenbarte er nun auch auf der Strasse mehrfach sein Potenzial.

Auch an der Tour de l’Avenir machte der Gibswiler Felix Stehli einen guten Eindruck.

Foto: Cassandra Donne

Er ist ein Spätberufener

Mit einem solchen Saisonhöhepunkt auf der Strasse hätte Felix Stehli wohl vor einigen Wochen nicht gerechnet. Am Samstag bestritt der Gibswiler das U23-Rennen an den Europameisterschaften in Trento (ITA).

Und obwohl er den Wettkampf nicht been­dete – nur rund 60 Prozent der Fahrer kamen ins Ziel –, zog er ein versöhnliches Fazit. «Leider konnte ich nicht das abrufen, was ich an einem Spitzentag abliefern kann. Trotzdem war es eine super Erfahrung für mich.»

Sowieso ändert das Abschneiden an der EM nichts am Gesamtbild. «Felix ist einer der Stärksten seines Jahrgangs und technisch sehr versiert – das kommt ihm vor allem im Feld zugute. Er ist zwar kein Bergfahrer, bewegt sich jedoch sehr gut auf den anderen Streckenabschnitten und erweist sich als äusserst mannschaftsdienlich», sagt der Schweizer Nationaltrainer Michael Albasini.

Es ist ein schönes Lob aus berufenem Munde, nur schon weil Stehli als eigent­lichem Radquer-Spezialisten die Erfahrung auf der Strasse noch weitgehend abgeht.

«Ich bin ohne besondere Ziele in die Strassensaison gestartet», sagt der 20-Jährige sogar. Und doch hat sich im Leben von ­Stehli in der letzten Zeit einiges ver­ändert.

Nach seinem erfolgreichen Zimmermann-Abschluss im Sommer 2020 reduzierte er sein Arbeitspensum zunächst auf 40 Prozent und setzt nun seit Anfang Jahr sogar fast ganz auf die Karte Radsport. Einzig ein paar wenige Stunden arbeitet er derzeit regelmässig in einem Velogeschäft in Turbenthal.

«Ich will die nächsten zwei bis drei Jahre den Fokus aufs Velofahren legen. Und schauen, wie weit es reicht», sagt Stehli. Er ist damit so etwas wie ein Spätberufener.

Nur zum Spass gefahren

Zwar sass der Oberländer schon als Fünfjähriger erstmals auf einem Rennvelo und bestritt fortan regelmässig Wettkämpfe. Sein Motto war allerdings eher «just for fun», und selbst die Möglichkeit, auf eine Sportschule zu gehen, hatte für ihn keinen Reiz. 

Geweckt wurde sein Ehrgeiz schliesslich erst vom unlängst zurückgetretenen Dürntner Fahrer Simon Zahner. «Durch ihn fand ich die Lust am Quer-Fahren», sagt Stehli und erweitert kontinuierlich sein Trainingspensum.

Ein dritter Platz an der U23-SM (2020) und Teilnahmen an internationalen Grossanlässen bestätigten sein Potenzial. Zuletzt belegte er Ende Januar an der Radquer-WM in Oostende (BEL) in der Kategorie U23 den 23. Platz.

Von solchen Ergebnissen war Stehli, der sich anhand der ­Pläne des ehemaligen Mountainbike-­Profis und Trainers Florian Vogel auf die Strassensaison vorbereitete, wie eingangs erwähnt, da noch ein ziemliches Stück weit entfernt.

Und doch merkte der Oberländer alsbald, wie es ihm – obwohl als Einzelfahrer unterwegs – von Rennen zu Rennen besser lief. Familiäre Unterstützung an der Strecke erhielt er dort jeweils vom Vater oder von der Freundin.

Die erste grosse Rundfahrt

An der im Rahmen der Dreiländermeisterschaft auf dem Sachsenring (GER) stattfindenden U23-SM sicherte er sich zunächst Silber. Dann doppelte Stehli an den Schweizer Elite-Meisterschaften in Knuttwil nach und wurde in der Kategorie National starker Dritter.

Besonders in Erinnerung bleibt ihm auch die Tour de l’Avenir, die er nach ­einem mehrwöchigen Höhentrai­ningslager bestritt. Beim grössten U23-Rennen der Welt schlug er sich ebenso achtbar – selbst wenn er in der 9. Etappe noch vorzeitig vom Rad stieg.

«Das Niveau ist extrem hoch. Doch ­daran kann ich wachsen.» Dem pflichtet auch Nationalcoach Albasini bei: «Felix ist bisher Ein- und Zweitagesrennen gefahren. Die Tour de l’Avenir gehörte mit zu seinen ersten Rundfahrten, wo ich sein Potenzial sah.» 

Dieses erkannte aufgrund ­seiner beachtlichen Auftritte schliesslich auch das Continental-Team Nippo-Provence-PTS Conti, dem auch Stehlis Gibswiler Kollege Kevin Kuhn angehört.

Bei der auf dritthöchster Stufe startenden Equipe kam Stehli tatsächlich Ende August noch unter und bestritt mit ihr den Giro del Friuli als letztes Rennen.

Alle diese positiven Erleb­nisse nähren seine Zuversicht, die nächste Saison von Beginn weg in einem Continental-Team in Angriff nehmen zu können. Selbst wenn im Moment noch nichts spruchreif ist.

Es wäre ein Schritt, der ihm im Radquer bereits gelungen ist. Das deutsche Team Schamel verkündete nämlich erst vor wenigen Wochen stolz die Verpflichtung von ­Stehli für die neue Cross-Saison. 

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