Der ruhige Taktiker soll es richten
Der Himmel ist an diesem Mittwochabend zunächst arg wolkenverhangen. Kommt das Gewitter, oder zieht es vorbei? Beim FC Brüttisellen-Dietlikon steht die erste Trainingseinheit in der Meisterschaftsvorbereitung an. Für Victor Dionisio ist es die Premiere als Trainer beim Zweitligisten.
Das unstete Wetter passt zur sportlichen Ausgangslage. Der 49-Jährige hat ein schwieriges Erbe angetreten. Sein Vorgänger Robert Merlo hatte den FCBD während seiner fünfjährigen Amtszeit im zweiten Anlauf zunächst zurück in die 2. Liga geführt (2018). Und seither mit dem Team – trotz wiederholt wenig Kredit in den Fachkreisen – immer den Klassenerhalt geschafft.
Nur: In der neuen Saison scheint die Aufgabe für Brüttisellen-Dietlikon nochmals schwieriger. Gleich fünf Leistungsträger hat die Mannschaft verloren, und ob die Neuzuzüge sogleich in deren Fussstapfen treten können, scheint mehr als nur fraglich (siehe Box unten). «Ich will mich selber testen», antwortet Dionisio auf die Frage nach dem Grund für seinen Wechsel zum Zweitliga-Aussenseiter. Und lächelt dabei verschmitzt.
Von der Algarve nach Zürich Nord
Der portugiesisch-schweizerische Doppelbürger ist in der Region ein noch weitgehend unbeschriebenes Blatt. Aufgewachsen in der Algarve, zog es ihn vor seinem 18. Lebensjahr in die Schweiz, wo seine Eltern schon arbeiteten.
Er fand sich schnell in Zürich-Schwamendingen zurecht (wo er heute noch lebt), absolvierte erfolgreich die Ausbildung zum Elektromonteur und fand beim örtlichen Quartierverein auch eine sportliche Heimat. Zunächst als Spieler der 1. Mannschaft, in der er bereits Robert Merlo als Teamkollegen kennenlernte, später als Trainer.
Dionisio musste früh, nach mehreren schweren Knieverletzungen, seine Karriere beenden. Dafür trainierte er beim FC Schwamendingen fast auf jeder Altersstufe Junioren und wurde im Juni 2009 auch vom Assistenz- zum Cheftrainer der 1. Mannschaft befördert.
Die Relegation aus der 2. Liga konnte er zwar nicht mehr abwenden, unter seiner Leitung gelang aber der sofortige Wiederaufstieg. Nach seinem Rücktritt im April 2011 zog es ihn mit Unterbrüchen immer wieder in den Nachwuchsbereich zurück.
Sein Trainercomeback bei den Aktiven gab der zweifache Familienvater erst wieder im Sommer 2018 beim damaligen Zweitliga-Aufsteiger Witikon. Rund zweieinhalb Saisons war er beim FCW tätig, ehe es nach einem durchzogenen Start (2 Siege, 4 Niederlagen) im letzten September zur Trennung kam.
Dionisio erlebte in Witikon aber durchaus auch erfolgreiche Zeiten. Gerade in der Corona-bedingten Abbruchsaison 2019/2020, als das Team zur Halbzeit auf Platz 2 lag. «Wir wären aufgestiegen», ist er überzeugt. An diese Resultate konnte es in der Folge aber nicht mehr anknüpfen. Und ein zehnter Zwischenrang genügt beim zahlungskräftigen Stadtverein am Zürichberg nicht den Ansprüchen.
Die Umstände akzeptiert
Auf dem Lindenbuck würde man einen zehnten Platz hingegen mit Handkuss nehmen. Der Ligaerhalt wäre damit ein weiteres Mal auf sicher. «Es wird ein äusserst schwieriges Unterfangen», weiss Walter Remy, der Leiter Aktive beim FCBD. Nicht nur aufgrund des Substanzverlusts im Kader, sondern auch wegen der aufrüstenden Gegner in der Gruppe 2. «Doch die Vergangenheit hat gezeigt: Nicht jeder Transfer ist eine Verstärkung», sagt er mit Blick auf die Konkurrenz aus der Region.
Dionisio selbst wurde nicht zuletzt als neuer Brüttiseller Trainer verpflichtet, weil er bereit ist, primär mit den eigenen Jungen zu arbeiten. Oder anders: die Gegebenheiten akzeptiert. Remy spricht im Zusammenhang mit der Wahl von einem Bauchentscheid, der wie immer auf dem Lindenbuck im Sportgremium gefällt wurde. Der langjährige Funktionär hatte dabei im Vorfeld bei der Evaluation des künftigen Trainertyps auch die Meinung der Mannschaft miteinbezogen.
Stilwechsel auf dem Trainerposten
Beim Zweitligisten hatten sich auch andere und im Zürcher Regionalfussball bekanntere Trainer beworben. So beispielsweise einer, der gleich eine Handvoll Spieler inklusive Staff von seiner alten Wirkungsstätte nach Brüttisellen mitgebracht hätte.
Eine solche Wahl brächte womöglich kurzfristig sportlichen Erfolg. Doch sie hätte auch Unruhe auslösen können, nur schon weil dadurch verdiente eigene Kräfte ohne Not aus der Führungscrew ausgetauscht worden wären. Einer davon ist beispielsweise Stipe Kelava.
Er zählte ebenso zum Kreis der Kandidaten für die mögliche Nachfolge von Merlo, sagte aber schliesslich aus beruflichen Gründen ab und bleibt trotzdem als Co-Trainer an der Seite von Dionisio.
Losgelöst davon ist die Veränderung auf dem Trainerposten von Merlo zu Dionisio mit einem Stilwechsel verbunden. Der 60-jährige Merlo gilt von der Führung her als ein Vertreter der alten Schule. Mit freundlichem Ton im Umgang mit den Spielern, aber unzimperlichem Handeln, wie ihn Remy einst beschrieb.
Der beruflich als technischer Sachbearbeiter bei einem Elektrogrosshandel-Unternehmen tätige Dionisio ist derweil ein eher ruhiger Vertreter seiner Gilde. Remy hat in den ersten Einheiten einen Coach kennengelernt, der viel mehr unterbricht und taktische Anweisungen gibt. Das Training mit seinem Vorgänger vergleichen oder werten will er aber nicht. «Es wird sich zeigen, was besser ist», sagt Remy unaufgeregt.
«Ich bin gespannt, was ich mit den Jungs erreichen kann.»
Victor Dionisio
Dionisio, der die Brüttiseller in der letzten Saison mehrfach spielen sah, hat derweil klare Vorstellungen, wie sein Team in der Zukunft auftreten soll. Mehr Ballbesitz und einen gepflegten Spielaufbau wünscht er sich. Ständig lang geschlagene Bälle aus dem Abwehrzentrum sind ihm ein Gräuel. Er sagt: «Ich bin gespannt, was ich mit den Jungs erreichen kann.»
Und als wäre es bereits ein gutes Omen für die neue Meisterschaft, haben sich für den Termin mit dem Fotografen auch die dunklen Wolken wieder verzogen.
Mit dem Prinzip Hoffnung
Es sieht auf dem Papier nicht gut aus. Der FC Brüttisellen-Dietlikon hat nicht nur beide Aussenverteidiger verloren, er muss auch auf seinen besten Torschützen Mauro Gallani verzichten, der sein Glück beim Erstligisten Thalwil versucht. Dem nicht genug, fällt mit Marco Weiss eine weitere Stammkraft lange verletzt aus. «Diese Spieler sind schwierig zu ersetzen», sagt Walter Remy, der Leiter Aktive.
Besonders aktiv wurde der Vorsaison-Elfte deshalb nicht. Mit Enis Murati (von Wallisellen) und Joâo Miguel Pereira (Dübendorf) kommen zumindest zwei Ur-Brüttiseller zurück. Die weiteren externen Zuzüge haben wie Coach Victor Dionisio eine Schwamendinger Vergangenheit. Mit einem Coup bis zum Transferschluss von Ende August ist nicht zu rechnen. «Vielleicht verwechselt noch ein Spieler die Kabine», merkt Dionisio mit einem Augenzwinkern an. (dsc)
