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Der perfekte Tanz an Olympia

Die Wermatswilerin Estelle Wettstein startet an den Olympischen Spielen als einzige Schweizerin in der Dressur. Sie ist damit auch Hoffnungsträgerin einer Disziplin, die karge Jahre hinter sich hat.

West Side Story Old ist eine 13-jährige Oldenburger Stute., Dressurreiterin Estelle Wettstein mit West Side Story Old in der heimischen Reithalle in Wermatswil.

Foto: Paulo Pereira

Der perfekte Tanz an Olympia

Es herrscht eine entspannte und doch konzentrierte Stimmung an diesem Vormittag in der Reit­halle in Wermatswil. Estelle Wettstein dirigiert und führt ihr Pferd West Side Story Old immer wieder mit Zungengeräuschen und kurzen verbalen Anweisungen.

Rund eine Stunde dauert das Training, in dem verschiedene Gangarten und Bewegungsabläufe eingeübt werden. Akribisch beobachtet wird es von Trainerin Marie-­Line Wettstein. Immer wieder lobt und korrigiert sie – Mutter und Tochter sind dabei via Kopfhörer verbunden.

«Es geht um Perfektion im Dressurviereck. Um möglichst schwierige Übungen einfach aussehen zu lassen.»

Estelle Wettstein

«Es geht um Perfektion im Dressurviereck. Um möglichst schwierige Übungen einfach aussehen zu lassen», beschreibt Estelle Wettstein ihren Sport. Bei ihr und der 13-jährigen Oldenburger Stute stimmt die Sym­biose. «Sie ist eine richtige Lady, die weiss, was sie will – und Aufmerksamkeit braucht», charakterisiert die Wermatswilerin ihr Paradepferd.

In wenigen Wochen ist das Paar für die Schweiz an den Olympischen Spielen in Tokio am Start. Mit einem zweiten Platz am internationalen Turnier von Achleiten (AUT) erfüllte es Mitte Juni die Selektionskrite­rien. «Für mich geht ein Traum, auf den ich jahrelang hingearbeitet habe, in Erfüllung», sagt Wettstein.

In die Wiege gelegt

Tatsächlich wurde ihr der Pferde­sport förmlich in die Wiege gelegt. Ihre Mutter, die gebürtige Genferin Marie-Line, war Dressurreiterin, Vater Ernst Springreiter. Estelles ältere Schwester Aurélie etablierte sich derweil in der Elite der Schweizer Springreiter, zog sich jedoch 2015 zugunsten von Studium und Beruf aus dem Spitzensport zurück. 

Auch Estelle Wettstein be­wegte sich zu Jugendzeiten im Springreiten auf hohem Niveau. «Es ist immer noch eine grosse Leidenschaft von mir und bringt etwas mehr Adrenalin mit sich», betont sie. Und obwohl die 24-Jährige nun in der Dressur an Olympia teilnimmt, will sie sich nicht endgültig für eine der Disziplinen entscheiden. «Beide haben ihren Reiz. Training und Reitweise sind aber total verschieden. Das eine ist ein Tanz – das andere ein Hindernislauf.»

Gelegenheit für beides hat Wettstein genug auf dem bereits in der siebten Generation geführten elterlichen Sport- und Handelsstall Fohlenhof. Seit dem Abschluss ihrer Ausbildung ist sie dort voll eingebunden. Beachtliche 15 Hektar ist das Gelände gross. Schon zum Tagesanbruch ist die Wermatswilerin jeweils in der Reithalle anzutreffen. Pferd um Pferd reitet sie bis zum frühen Nachmittag. Da­neben gibt Wettstein auch Reitunterricht und geht mit zum Hufschmied oder Tierarzt.

Mit Blick auf Olympia wird nun der Alltag für längere Zeit unterbrochen. Bereits am Dienstag ist das Paar in die euro­päische Quarantänestation nach Aachen (GER) gereist. Sieben Tage verbringt das Pferd dort – ehe es via Lüttich (BEL) mit ­einem Frachtflugzeug in die japanische Hauptstadt weitergeht. Vor Ort wird es dann direkt von Estelle Wettstein, deren Mutter sowie einer Pferdepflegerin empfangen. «Der Flug ist kein Problem. West Side Story Old kennt ihn sogar von den WM vor drei Jahren», sagt Wettstein.

Ein Top-30-Platz als Marke

Die Verschiebung der Olympischen Spiele haben Reiterin und Pferd genutzt, um sich nochmals zu verbessern. «Wir konnten an Kraft gewinnen», sagt Wettstein. Der Lohn dafür war eine neue Bestleistung.

Und was ist in Tokio möglich? Ziel ist eine Klassierung in der ersten Hälfte der Startenden, also in den Top 30. «Wenn alles optimal läuft, ist auch eine Qualifikation für die Kür der besten 18 Paare möglich», glaubt Evelyne Niklaus, die Equipenchefin Dressur und Teamchefin Pferdesport im Olympia-Team.

Die eher etwas zurückhaltenden Ziele haben einen guten Grund. Der Schweizer Dressursport hat karge Jahre hinter sich. Zwar stammen 15 der 23 Olympia-Medaillen im Pferdesport aus dem Lager der Dressur. Der ­letzte Podestplatz geht allerdings bis auf 1988 zurück. Und in dieses Bild passt, dass die Schweiz ­letztmals 2004 im Team-Wettbewerb startete und sogar zweimal gar keine Dressurreiterin stellte (2008/2012).

Die Qualifikation von Estelle Wettstein soll ein erster Schritt wieder in die richtige Richtung sein. Für 2024 in Paris hofft der Schweizerische Verband für Pferdesport wieder ein ganzes Team stellen zu können.

Auch der Vater coacht in Tokio 
In offizieller Mission an den Olympischen Spielen mit dabei ist auch Estelle Wettsteins Vater Ernst. Der Wermatswiler gehört als Trainer zum Schweizer Aufgebot im Concours Complet mit insgesamt vier Paaren. Das Vielseitigkeits­reiten gilt als Königsdisziplin des Pferdesports, da es sich aus Dressur, Springen und Geländereiten zusammensetzt. Als Herzstück des Wettbewerbs zählt das Cross, eine mehrere Kilometer lange Geländestrecke mit festen Hindernissen. Ernst Wettstein ist innerhalb des Teams für die Dressur zuständig. Die Schweiz hat in Japan erstmals seit Atlanta 1996 wieder eine vollständige Equipe an Olympia am Start. Bestandteil davon ist als Ersatzreiterin auch Eveline Bodenmüller aus Maur. Die 35-Jährige käme mit Violine de la Brasserie CH zum Einsatz, wenn eines der gesetzten Paare ausfallen würde. Ziel der Schweizer ist ein Diplomrang – also eine Platzierung in den Top 8. (zo)

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