Mit oder ohne Medaille – Ustermer Judokas im Olympia-Fahrplan
Die Rollen waren sogleich klar verteilt. Nils Stump dominierte an den Europameisterschaften im Bronzeduell deutlich das Geschehen, sodass am Ende der Sieg über den Italiener Giovanni Esposito nicht überraschte.
Der Ustermer gefiel in den fünf Kämpfen nicht nur mit offensivem Judo und Standhaftigkeit – er erfüllte mit seinem Coup in der Klasse bis 73 kg auch seine persönlichen Erwartungen. Nach Platz 5 im Vorjahr hatte er auf eine Medaille gehofft. Und doch sagte er hinterher fast etwas bescheiden: «Das ist schon ein gutes Resultat.»
Das mit ihm zu rechnen ist, wurde in Lissabon schnell klar. Zwar tat sich Stump im Auftaktkampf gegen Bayram Kandemir (TUR) noch etwas schwer. Spätestens nach dem Erfolg über Fabio Basile (ITA), dem Olympia-Sieger von Rio de Janeiro in der Kategorie bis 66 kg, war er aber auf Kurs.
Dem konnte auch der unorthodox kämpfende Schwede und vierfache EM-Medaillengewinner Tommy Macias nichts entgegensetzen. Als zu stark erwies sich so einzig der spätere Europameister Akil Gjakova aus dem Kosovo.
Moral für Grand Slam und WM
Vor allem zeigte der Wettkampf aber eines: Stump ist im Fahrplan für Olympia. Zwar sind an einer EM im Vergleich mit anderen internationalen Anlässen weniger Punkte zu holen, sie gab ihm aber nicht zuletzt die Gewissheit, gegen nahezu jeden Gegner bestehen zu können. Und so tankte der 24-Jährige vom Judo Club Uster auch Moral für den Grand Slam in Kasan (RUS) von Anfang Mai und die Weltmeisterschaften in Budapest.
Es sind die finalen Anlässe der Qualifikation – und sie geben deutlich mehr Punkte. Denn während die aktuelle Weltnummer 27 für EM-Bronze 350 Punkte erhält, würden für dieselbe Platzierung an einem Grand-Slam-Turnier satte 600 und an der WM sogar 1000 Punkte gutgeschrieben. Mit einer Entscheidung, wer an die Olympischen Spiele reisen darf, ist somit nicht vor Ende Juni zu rechnen.
Kocher unter Zugzwang
Für Fabienne Kocher, den zweiten Ustermer Judoka, ändert ihr Abschneiden an der EM wenig. Sie spricht in diesem Zusammenhang von Ruhm und Ehre. «Um Punkte gutzumachen, hätte ich aber wohl gewinnen müssen», sagt sie. Die Riedikerin ist in der Klasse bis 52 kg im Weltranking sogar auf Position 19 platziert.
Der Haken hier: Sie liegt dort hinter ihrer Landsfrau Evelyne Tschopp (13). Sprich: Kocher braucht bis Ende Juni mindestens eine Topplatzierung, um sie noch zu überflügeln. Der Grund: In der jeweiligen Gewichtsklasse gibt es pro Nation nur ein Olympia-Ticket.
Dass sich Kocher in der portugiesischen Hauptstadt mit Platz 7 begnügen musste, fiel also mit Blick auf Tokio nicht besonders ins Gewicht. Die 26-Jährige war eigentlich gut in die EM gekommen, traf nach zwei Siegen in den Viertelfinals allerdings auf Amandine Buchard, die Weltnummer 1. Die Französin zeigte ein beeindruckendes Turnier und holte sich schliesslich auch den Titel
Trotz der hohen Hürde gab sich Kocher hinterher nicht zufrieden. Für sie ist klar – es wäre mehr dringelegen. «Ich bin enttäuscht von meiner Leistung», sagte sie deutlich. Dies wohl nicht zuletzt, weil sie in der Hoffnungsrunde ausgerechnet gegen Tschopp, ihre direkte Konkurrentin im Schweizer Grand-Slam-Kader, den Kürzeren zog.
Viel Zeit zum Grübeln bleibt aber sowieso nicht. Bereits in wenigen Tagen gehts für die Ustermer Kocher und Stump ins nächste Trainingslager ins slowakische Samorin.
