Zwei Freunde im selben Team
«Es ist mir fast peinlich», sagt Gian Friesecke. Dann erzählt er aber trotzdem, weshalb er am Freitag letzter Woche die erste Etappe einer dreitägigen Rundfahrt nicht beendete. Friesecke stürzte – nicht etwa, weil er zu viel riskierte, sondern weil er auf ein Motorrad auffuhr, das abrupt bremste, als es ihn nach einem Defekt ins Feld zurückführen wollte. Sein Knie wurde in Mitleidenschaft gezogen, «es musste genäht werden», sagt der 23-Jährige – schlimmer verletzt hat er sich nicht.
Friesecke hofft, für die Tour of Luxembourg ab dem 31. Mai wieder fit zu sein – es wäre ein erster Saisonhöhepunkt für den aus Schalchen stammenden Oberländer. Seine zweite Saison beim Continental-Team Vorarlberg, einer Equipe der dritthöchsten Kategorie, hat ordentlich begonnen – Anfang Mai gewann er mit dem GP Vorarlberg das Heimrennen der Equipe. Friesecke gilt als Teamstütze, «er hat Leaderqualitäten und will sein bereits grosses Repertoire an Qualitäten nun auch in Erfolge ummünzen», heisst es auf der Webseite des Teams.
Das Wiedersehen der guten Freunde
Seit diesem Jahr ist mit dem 21-Jährigen Lukas Rüegg ein zweiter Oberländer im Vorarlberg unter Vertrag. Der Madetswiler und Friesecke kennen sich schon lange, «wir wohnen zwei Kilometer auseinander, begannen zusammen im VC Hittnau, wir hatten immer guten Kontakt und trainieren viel zusammen», sagt Rüegg. Sie waren schon in der EKZ-Equipe Teamkollegen und sind es nun wieder, nachdem Rüegg ein Jahr für das nationale Eliteteam Hörmann fuhr. «Gian hat wohl gute Dinge über mich erzählt», sagt Rüegg.
Derzeit sind die guten Freunde aber getrennt. Während Friesecke sein lädiertes Knie pflegt, fährt Rüegg mit der Bahn-Nationalmannschaft die achttägige Rundfahrt «Rás Tailteann» in Irland. Nach vier Etappen trägt Teamkollege Cyrille Thièry das Leadertrikot und Rüegg das Bergtrikot. «Ich komme langsam in Topform», sagt der Madetswiler, der im Mai an einer Rundfahrt in Polen den vierten Rang im Klassement der jungen Fahrer belegt hatte.
Gleich und doch nicht gleich
Es gibt viele Parallelen zwischen Friesecke und Rüegg. Beide werden noch immer von Kurt Bürgi trainiert, dem Chef des ehemaligen EKZ-Team. Sie bezeichnen sich beide als Fahrer, die hügeliges Gelände mögen – nicht zu flach, aber auch nicht mit zu hohen respektive steilen Bergen. Und beide dürfen auf solchem Terrain auch auf eigene Rechnung fahren. «In unserem Team kriegen viele eine Chance», sagt Rüegg. «Ich bin gerne auch als Helfer fürs Team da, denn ich weiss, dass ich auch wieder für mich selber fahren darf.»
Beide arbeiten derzeit nicht. Der gelernte Zimmermann Rüegg absolvierte bis im März die Spitzensportler-RS und konzentriert sich nun vorerst ganz auf den Sport. Das gilt seit diesem Jahr auch für Friesecke, der zuletzt als Lohnbuchhalter tätig war und nun vor allem spürt, dass er mehr Zeit zur Erholung hat. Seine Ambitionen formuliert er aber weniger deutlich als Rüegg. «Ich habe noch nie etwas erwartet», sagt Friesecke auf die Frage nach einem Profivertrag. «Es geht mir darum, so gut wie möglich Rennen zu fahren. Der Sprung zu den Profis wäre ein Nebenprodukt davon.» Rüegg hingegen sieht das Engagement in einem Continental-Team als Zwischenstation auf dem Weg nach oben. «Bis in zwei Jahren» soll der nächste Schritt für ihn folgen.
Unterschiedlich ist auch das Rennprogramm der beiden. Rüegg bezeichnet die U-23-SM auf der Strasse im Juni und die U-23-Bahn-EM im August als Saisonziele – er macht also den Spagat zwischen Strassenrennen und Bahnrennen. Friesecke hingegen interessierte sich nie für die Jagden im Oval. Für ihn wird die Österreich-Rundfahrt im Juli ein Höhepunkt werden. «Sie wird zwar extrem bergig sein.» Lediglich zwei coupierte Etappen stehen an – dort will er sich zeigen, in einem Feld, das mit Profis gespickt sein wird. Dass er dies kann, bewies er im Vorjahr, als er die Schlussetappe als Achter beendete. «Wenn mans schlau anstellt, sind auch auf diesem Niveau die Chancen da», sagt er. Vorausgesetzt, das Knie hält.

